Berliner Kunstwochenende

12 Ausstellungshighlights, die Sie auch nach dem Gallery Weekend sehen können

52 Galerien nehmen in diesem Jahr am Berliner Gallery Weekend teil. Zu viel Kunst für einen Menschen an einem Wochenende. Hier verrät die Monopol-Redaktion ihre Favoriten


Von Elke Buhr, Sebastian Frenzel, Jens Hinrichsen, Silke Hohmann und Saskia Trebing


Cyprien Gaillard bei Sprüth Magers

Dass da Bänke im Ausstellungsraum von Sprüth Magers stehen, ist einerseits eine gute Idee, denn Cyprien Gaillards neuer stereoskopischer Film zieht einem buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Andererseits sollte man sich beim Schauen unbedingt im Raum bewegen, denn dann tanzen die Bilder noch ein bisschen verrückter um einen herum, knallt dieses technisch-ästhetische Wunderwerk in 3D noch ein bisschen mehr. 

"Retinal Rivary" ist ein fiebertraumartiger Trip durch Deutschland, der die skulpturalen und vor allem psychedelischen Potenziale der 3D-Technologie weiter ausschöpft als man es je erlebt hat. Und der Deutschland zeigt, wie man es bislang nie gesehen hat. Die Eröffnungssequenz versetzt uns ins Innere eines Glascontainers, wo Fliegen herumschwirren, Suff in der Luft liegt und die aufgetürmten Scherbenhaufen zugleich an Caspar David Friedrichs "Eismeer" erinnern. 

Dann befinden wir uns im Kopf der "Bavaria"-Statue, von wo aus wir auf das Oktoberfest und die Alkoholleichen auf dem sogenannten Kotzhügel blicken; die Betrachter reisen zum ehemaligen Trafohaus für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, in dem sich eine Burger-King-Filiale befindet ... Kulturgeschichte und Gegenwart, Erneuerung und Verfall, Rausch und Orientierungslosigkeit vereinen sich zu einem makabren Totentanz, einem verstörenden Karnevalsumzug: Artefakte schweben wie Gespenster durch den Raum, Architekturen versinken im Boden, Brunnenskulpturen strecken flehentlich ihre Hände nach uns aus: Wie zur Hölle sind wir hierhergekommen?

Cyprien Gaillard "Retinal Rivalry", Galerie Sprüth Magers, Berlin, 3. Mai bis 26. Juli


Leilah Babirye bei Max Hetzler

Wie ein cooler Clan stehen sie da. Wie Clubgänger, die ganz in der Präsenz des Augenblicks aufgehen, die sich ihres Körpers bewusst sind, die sich ihren Raum nehmen. Groß sind sie, aus mächtigen Holzstücken geschnitten oder aus Keramik geformt, die Köpfe von üppigen Kragen umfasst, die Gesichter maskenartig, die Körper mit Fahrradketten, Felgen oder geflochtenen Gummischläuchen geschmückt. 

Dass Alltagsgegenstände zur Skulptur taugen, wusste schon Marcel Duchamp, doch die Fundsachen in den Werken der ugandischen Künstlerin Leilah Babirye erzählen eine andere Geschichte. Als Mitglied der LGBTQ+-Community hat Babirye die grassierende Homophobie in ihrer Heimat erfahren, die sie schließlich sogar zur Ausreise in die USA zwang. Das lugandische Schimpfwort für queere Menschen lautet "Abfall" – und so schreiben Babiryes Fundstück-Skulpturen weniger die Geschichte des Readymades fort, sondern markieren einen Akt der Selbstermächtigung. Ihre "prächtigen Grotesken", so der Ausstellungstitel, werden nicht weichen.

Leilah Babirye "Ekimyula Ekijjankunene (The Gorgeous Grotesque / Die prächtige Groteske)", Galerie Max Hetzler, Berlin, bis 28. Juni


Anne Imhof bei Buchholz

Anne Imhofs neue Performance "Doom – House of Hope" wurde kürzlich in New York uraufgeführt. Die dreistündige Collage aus zeitgleich stattfindenden Erzählsträngen liegt erst wenige Wochen zurück; einer davon war eine Interpretation der Tragödie "Romeo und Julia", rückwärts erzählt. 

Ihre Ausstellung "Cold Hope" bei Buchholz hat thematische Nähe zu "Doom", doch die Künstlerin verarbeitet nicht etwa das Material aus der Performance unmittelbar zu Werken, sondern begibt sich in eine davor liegende Phase, die Zeit ihrer Recherchen für das Großprojekt. Die bestand unter anderem im Sichten von Coming-of-Age-Filmen. 

Schlüsselmomente von körperlichen Interaktionen aus diesen Quellen – von zärtlich bis bedrohlich – isolierte sie als Motive in großformatigen Ölmalereien, die stark verfremdet wirken, wie glitches in digitalem Material oder wie Störbilder im analogen TV. Wie kleinteilig das Pixelraster der Bilder ist, stellt man erst ganz aus der Nähe fest, das Motiv allerdings ist erst aus großer Entfernung erkennbar. So bezieht Anne Imhof nicht nur in ihren Performances, sondern selbst in ihren Malereien den Raum und das Durchqueren der Betrachtenden dessen mit ein.

Eine stark verfremdete "Piéta" stammt aus dem Film "My Private Idaho", einem Film über zwei junge Männer, die sich prostituieren (Gus van Sant, 1991). Keanu Reeves hält hier seinen Gefährten wie in der christlichen Ikonografie. Gespielt wird der Leidende von River Phoenix, der als Narkoleptiker auf Stress mit Ausweichen in die Bewusstlosigkeit reagiert. Adoleszenz als zentrales, wiederkehrendes Thema wird in Anne Imhofs Arbeiten immer wieder anders zu einer Ressource der Widerständigkeit und Verletzlichkeit, die ihr Œuvre auszeichnen. Auch "Romeo und Julia" von William Shakespeare ist letztlich ein Coming-of-Age-Drama. 

Ihre Skizzen zu "Doom – House of Hope", mit Filzstift oder Bleistift in einen Architekturplan der Drillhall eingezeichnet, markieren die verschiedenen Phasen des Stücks. Sie sind gerahmt und als Serie von acht Originalen in der Galerie ausgestellt. Im Erdgeschoss des Nachbarhauses hat die Künstlerin Lautsprecher, die sonst zur Saalbeschallung verwendet werden, dicht aneinander angeordnet: Sie beschreiben eine leichte Krümmung wie ein Knochen, "Rib of Doom". Ein dreistündiger Score ist zu hören, der Soundtrack der Performance dringt aus dieser Rippe, einem der schöpferischsten Körperteile der Geschichte.

Anne Imhof "Cold Hope", Galerie Buchholz, bis 21. Juni


Zuzanna Czebatul bei Dittrich & Schlechtriem

Der Pergamonaltar aus dem 2. Jahrhundert vor Christus zählt zu den großen Kulturschätzen der Welt. Carl Humann entdeckte ihn im späten 19. Jahrhundert in der heutigen Westtürkei. Der Altar und seine Friese wurden 1901 in Berlin in einem eigens gebauten Museum präsentiert. Seit zwei Jahren ist der betreffende Flügel bis voraussichtlich 2027 zu Renovierungsarbeiten geschlossen; die Prognosen lassen auf eine längere Dauer schließen. 

Doch den Pergamonaltar in Berlin im Museum zu wissen, reicht schon aus, um diesem enormen kulturellen Wert Genüge zu tun, denkt man. Und hat es all die Jahre möglicherweise versäumt, bei aller Überwältigung von schierer Größe, unvorstellbarem Alter und Wert mal genauer auf die Details zu achten. Diese wohlproportionierten Arme, Rücken, Beine und Gesäße zum Beispiel, die den Fries zieren. 

Die Bildhauerin Zuzanna Czebatul ließ 3D-Scans davon anfertigen und versetzte Nachbildungen ausgewählter Szenen in die Galerie Dittrich & Schlechtriem. Ihre Auswahl und die Art der Präsentation sind eine schöne Neukontextualisierung, die nicht nur ein genaueres Studium des Monuments ermöglicht, sondern auch Reflexionen über die Kulturkonflikte der Gegenwart. Auf der Rückseite der Pergamon-Installation zeigt Czebatul Ornamente aus Schutzausrüstungen: Formen wie Rückenprotektoren oder Knieschützer, Körperpanzer, wie sie bei Polizeieinsätzen und Demonstrationen zur Anwendung kommen. 

"All the Charm of a Rotting Gum" lädt auch zu einer neuen Deutung der antiken Erzählung ein, die sich im Fries manifestiert: Athene zieht den Giganten Alkyoneus an den Haaren aus dem Erdboden, aber der kann nicht sterben, solange er mit Gaia, der Erde, verbunden ist. Ist das nicht auch schon eine Allegorie auf die Ausgrabung selbst? Und wie sieht es in der Türkei aus, wo damals Pergamon lag? Die Stätte liege da, mit all dem Charme eines verfaulten Kaugummis, sagte ein britischer Archäologe nach Besichtigung.

Zuzanna Czebatul "All the Charm of a Rotting Gum", Dittrich & Schlechtriem, bis 21. Juni


Daniel Spoerri bei Levy

Das Berliner Gallery Weekend ist nicht nur ein sehr langes Wochenende der Kunst, sondern auch eines der Geselligkeit. Beides zusammen gedacht hat stets der Ende 2024 verstorbene Schweizer Aktions- und Konzeptkünstler Daniel Spoerri, der unter anderem durch seine "Fallenbilder" berühmt wurde. Dafür gab er opulente, avantgardistische Abendessen und hängte deren fixierte Überbleibsel samt Tischplatte als "Stillleben" an die Wand. Eine fast museumsreife Ausstellung in der Galerie Levy in Berlin hat diese Serie in diesem Frühjahr gezeigt.

Die Feierlichkeiten zum 95. Geburtstag, die Spoerri nun leider nicht mehr selbst erlebt, sind aber noch nicht zu Ende. Und so legt Levy nun zum Gallery Weekend mit einer zweiten Schau des Künstlers nach. Diesmal liegt der Fokus auf weniger bekannten Serien, wie beispielsweise den "Hutfedern". Für diese Werkreihe versah Spoerri hölzerne Hutmodelle mit Handsägen in verschiedenen Formen und bewies damit sowohl seine Wertschätzung von Handwerk als auch seinen unbändigen Spieltrieb bei der Neuordnung von Dingen - und schließlich der Welt selbst. 

Der Titel der Ausstellung, "Kein Freund des Stillstands", könnte auch das Motto vieler Gallery-Weekend-Besucherinnen sein. Und das Vermächtnis von Daniel Spoerri entwickelt sich ebenfalls weiter: Im September ist eine große Retrospektive in der Sammlung Falckenberg in Hamburg geplant.

Daniel Spoerri "Kein Freund des Stillstands" Galerie Levy, Berlin, bis 6. Juni


Ólafur Elíasson bei Neugerriemschneider

Die Ausstellungsräume von Neugerriemschneider in der Christinenstraße sind großzügig. Und das, was Ólafur Elíasson hier zur Feier seiner 30-jährigen Zusammenarbeit mit der Galerie zeigt, ist so aufwendig und komplex wie eine kleine Museumsschau. Es geht, wie so oft bei Elíasson, um Wahrnehmung, um das Spiel von Licht und Farbe, um Physik und das, was sie mit uns macht. Im Zentrum steht ein Prozess, der unsere Gesellschaft gerade beutelt, der aber hier große Freude bereitet: die Polarisation, optisch gesehen die Aufspaltung von weißem Licht in viele Farben. 

In der faszinierendsten von mehreren großen Installationen fliegen dünne Plastikplanen im Wind eines Ventilators. Von der einen Seite gesehen, sind sie transparent, doch von der anderen Seite, durch einen Polarisationsfilter gesehen, erstrahlen sie plötzlich in einem Regenbogen von Farben, in dessen Mitte wir uns selbst sehen – eine geradezu psychedelische Erfahrung, und dabei komplett analog. Elíasson bekommt im Übrigen den Preis für den unnötig längsten Titel des Gallery Weekends: Die Schau heißt "The lure of looking through a polarised window of opportunities, or seeing a surprise before it’s reduced, split, and then further reduced". 

Ólafur Elíasson, "The lure of looking through a polarised window of opportunities, or seeing a surprise before it’s reduced, split, and then further reduced", Neugerriemschneider, bis 9. August

Ólafur Elíasson "The lure of looking through a polarised window of opportunities, or seeing a surprise before it’s reduced, split, and then further reduced", Installationsansicht Neugerriemschneider, Berlin, 2025
Foto: Jens Ziehe. Courtesy Neugerriemschneider, © 2025 Olafur Eliasson

Ólafur Elíasson "The lure of looking through a polarised window of opportunities, or seeing a surprise before it’s reduced, split, and then further reduced", Installationsansicht Neugerriemschneider, Berlin, 2025

 

The Brotherhood of New Blockheads bei BQ

Sankt Petersburg im Mai 1996: Ein Fahrradfahrer radelt in einem Galerieraum im Kreis herum, bis er an der Wand zum Halten kommt und zwei Künstler seine Silhouette in Rot markieren. Dazu wird Sergey Spirikhins Text "Einen Sprung machen" vorgelesen: "Entschlossenheit ist das Wichtigste. Mehr kann man von einem Liebhaber des Fallschirmspringens nicht verlangen, aber vor allem nicht von einem Amateur wie mir", heißt es darin. 

Freier Fall, ein wichtiges Stichwort für Osteuropa nach der Wende. Während 1989 im Westen das Jahr der Wiedervereinigung war, bedeutete es im Osten: Zerfall. Personifiziert wird dieses Lebensgefühl von der Petersburger Performancegruppe The Brotherhood of New Blockheads, die hierzulande praktisch unbekannt blieb und der Kurator Daniel Baumann nun in der Galerie BQ eine Retrospektive widmet. Darin wird ein Teil der 100 Performances dokumentiert, die im Jahr 2016 Teil der Brotherhood-Ausstellung des Moskauer Garage Museum of Contemporary Art waren. 

Zu den Beschreibungen kommen Original-Requisiten der historischen Aktionen, wie zum Beispiel die Reihe von vier Holzstühlen für das "Stehaufmännchen Projekt 'Zentralrussisch-erhöhte Dummheit'": Ein nackter Künstler legt sich mehrmals auf die Stühle und lässt sich bis zur totalen Erschöpfung wieder und wieder herunterfallen. Im Osten war die Wende nicht zuletzt eine körperliche Erfahrung, auch das zeigt die Ausstellung: ein Verdrehen, Entblößen, Zerfallen und Verharren. 

In diesem Drama, das immer auch eine Komödie war, nahmen die Blockheads (Vadim Flyagin, Oleg Khvostov, Vladimir Kozin, Alexander Lyashko, Inga Nagel, Igor Panin, Maksim Rayskin und Sergey Spirikhin) diverse Rollen ein – als Dramaturgen des Absurden, Agenten des Dilettantischen, Meister der Ironie und virtuose Straßenköter der Lakonik.

"The Brotherhood of New Blockheads", BQ, Berlin, bis 28. Juni


Nadya Tolokonnikova bei Nagel Draxler

Sie wird auf dem Gallery Weekend fehlen: Nadya Tolokonnikova, deren aktueller Wohnort aus Sicherheitsgründen unbekannt ist, steht in Russland auf der Fahndungsliste und wird daher auch nicht an einem geplanten Talk mit Anne Imhof in der Nationalgalerie teilnehmen. In der Soloschau bei Nagel Draxler ist immerhin ihre Kunst zu erleben, darunter ein Nachbau ihrer Zelle in einem Straflager.

Tolokonnikova hat ihre Inhaftierung, die mit ihrer Begnadigung im Dezember 2013 endete, als "Dauerperformance" umgedeutet. Die Künstlerin ist Mitgründerin des feministischen Kollektivs Pussy Riot. Nach einer Protestaktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale im Februar 2012 wurden sie und zwei Mitaktivistinnen wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Unverdrossen agitierte Tolokonnikova auch nach Putins Invasion auf die Ukraine gegen den Autokraten: In der Performance "Putins Asche" setzte sie gemeinsam mit zwölf anderen Frauen ein drei mal drei Meter großes Putin-Bildnis in Brand. Die in Glasfläschchen gesammelte Asche wird in den Galerieräumen auf Stelen ausgestellt.

Außerdem ist eine Reihe von Wandarbeiten zu sehen, die Symbole des Widerstands in Kunstobjekte verwandeln. Die traditionell zur staatlichen Kontrolle eingesetzten "Riot Shields" werden zu Artefakten, die das Machtgleichgewicht zwischen Autorität und Protest infrage stellen. 

Tolokonnikovas Molotow-Kits sind als "Do-it-yourself"-Sets konzipiert, die aus Materialien wie graviertem Birkenholz, schwarzer Tinte, Weinflaschen, Styropor, Blech und Stoff hergestellt werden. Die Bausätze zieren Bilder von Stacheldraht und russischen Gefängniskirchen. In ihren silberglänzenden Gemälden hat die Künstlerin ihre eigenen Ikonen geschaffen, indem sie alte slawische Kalligrafie, Kreuze und das stilisierte Gesicht einer Frau mit einer Pussy-Riot-Maske vermischte und so eine neue visuelle Sprache des Dissenses schuf.

In ihren Werken verbindet Tolokonnikowa religiöse Ikonografie mit revolutionärer Dringlichkeit und macht den Widerstand sowohl heilig als auch zur persönlichen Angelegenheit.

Nadya Tolokonnikova "Wanted", Nagel Draxler, Berlin, bis 6. Juni

Künstlerin Nadya Tolokonnikova
Foto: Courtesy Nagel Draxler

Künstlerin Nadya Tolokonnikova


Lena Henke bei Thomas Schulte

Was für ein abgefahrenes Ding steht da im großen Eckschaufenster der Galerie Thomas Schulte? Lena Henke mag Pferde, Pferdefüße und all die metaphorischen Assoziationen, die damit verbunden sind. Ihre neue Skulptur – doppelt so groß wie sie selbst, also wirklich groß -, stellt einen Huf dar, der wiederum mit einem darauf stehenden Frauenfuß in High Heels verschmilzt. 

Die Dynamik wird noch rasanter durch die Oberfläche des mächtigen Werkes: Das raue, orange Material von Tartanbahnen. Eine ungeplante Geste komplettiert die Ausstellung: Die Fenster der Galerie wurden erst kürzlich Opfer von fiesem Vandalismus. Die drei entstandenen Löcher im Glas hat Henke kurzerhand mit einer Skulptur der heiligen Barbara markiert und geschlossen: Die Sprünge im Glas werden zum Heiligenschein, Zerstörung ermöglicht Schönheit. 

Lena Henke "Horizontale und Vertikale Skulptur", Galerie Thomas Schulte, bis 14. Juni


Tobias Spichtig bei Contemporary Fine Arts

Die Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) besetzt seit Jahren die Rückseite der Zeitschrift "Texte zur Kunst" mit einer Anzeige, und der Maler Tobias Spichtig wollte schon immer mal genau dort eine Ausstellung mit dem Titel "Taxi zur Kunst" bewerben. Und jetzt hat die Galerie, immer gern bereit, Künstlerwünsche zu berücksichtigen, genau das möglich gemacht. Das passend benannte Bild, das auch Spichtigs dritter Einzelausstellung bei CFA den Titel gibt, ist denn auch wirklich sehr gelungen: punkig, schnell und lustig. Damit taucht man mühelos in Spichtigs düstere Gothic-Welten ein.

Tobias Spichtig "Taxi zur Kunst", Contemporary Fine Arts, Berlin, bis 31. Mai


Monica Bonvicini bei Capitain Petzel

Die Skulpturen aus Ledergürteln beherrschen souverän den Raum und verströmen einen sanften Duft nach Polizeistiefeln (jedenfalls bei der Vorbesichtung am 1. Mai lag diese Assoziation nahe). Dazu grüßen freundlich bunte Damenunterhosen an Kleiderhaken. 

Der Sound, der aus dem Untergeschoss heraufklingt, lässt stutzen: Es rumpelt, als würde da mindestens ein Gebäude abgerissen. Neugierig geht man herunter zur Filminstallation – und sieht, dass stattdessen Frauen gezeigt werden, die Möbel rücken. Nicht nur der hochgepitchte Sound von Bonvicinis neuem Film "It is Night Outside" produziert eine angespannte Stimmung, auch die drei wunderbaren Akteurinnen des Films aus drei Generationen zeigen weibliche Genervtheit in all ihren Varianten. 

Revolte gegen das Eingesperrtsein, gegen die Zwänge der Existenz, all das stecken sie in ein paar rasante Spurts durch die Wohnung oder auch ein resolutes Verschieben von Tisch und Bett – und Netflix springt irgendwie auch nicht an. Weibliche Wut, mit Wucht und Humor in Szene gesetzt – davon kann man nie genug haben. 

Monica Bonvicini "It is Night Outside", Capitain Petzel, Berlin, bis 7. Juni


Anthony Goicolea bei Crone

Wer sich von Malerei mal wieder so richtig berühren lassen möchte, sollte in die Galerie Crone eilen. Anthony Goicolea, in den USA geborener Sohn kubanischer Immigranten, wurde Ende der Neunziger mit Fotocollagen und Videos bekannt und gestaltete unter anderem das LGBTQ-Memorial im Hudson River Park in New York. 

Seit einigen Jahren hat sich der ausgebildete Maler wieder diesem Medium verschrieben. Seine Bilder sind melancholische Identitätssuchen, hochemotional, voller Liebe und Sehnsucht – und sie sind mit ihren komplexen Oberflächenstrukturen, dem Spiel der Perspektiven und den leicht verzerrten Figurendarstellungen malerisch extrem gut gemacht.

Anthony Goicolea "Double Standard", Galerie Crone, Berlin, bis 21. Juni