Hausbesuch in London

Diese Schachters!

Foto: Ahmed Alramly
Foto: Ahmed Alramly
Kai und Adrian Schachter im Atelier ihres Elternhauses

Sie sind Kritiker, Kuratoren, Künstler, Sammler, Maniacs: Zu Besuch bei Kenny, Kai und Adrian Schachter

"Das ist ein Stuhl von Vito Acconci, diese Zeichnungen sind von Paul Thek, dort hängt ein Polke, hier ein Richter, und das sind Lampen von Friedrich Kiesler, die sehen aus wie dieser Schrott von Ikea." Wenn Kenny Schachter durch sein Haus im Londoner Stadtteil Chelsea führt, steigert sich seine ohnehin beachtliche Redegeschwindigkeit in absurde Höhen. Kuratiert und akkurat gehängt ist in den weiten, hellen Räumen nichts, aber Schachter kennt zu allem, was hier steht, hängt und liegt, eine leidenschaftliche Geschichte.

Kenny Schachter besetzt in der Kunstwelt als bissiger Autor, gewiefter Händler, Kurator und Provokateur eine ganz eigene Nische. Seinen Schreibtisch hat der Oldtimer-Fan in seiner Garage platziert, keine Handbreit von einem alten blauen Renault und einem silbernen Porsche entfernt. Die Regale an den Wänden sind voller Bilder. Beiläufig erzählt der aus Long Island stammende Wahlbrite, wie er die Bleistiftzeichnung von Gerhard Richter, die hinter dem Schreibtisch hängt, bei einer Restauratorin der Tate von Metallresten befreien ließ. Schachter muss sehr gut einparken können.

Zwei Autos, ein Schreibtisch, Kunstwerke: Kenny Schachters Garage

Bis unter das Dach ist Schachters Haus mit Kunst gefüllt, alle Nichtkunst hat sich ihr unterzuordnen. Möbel gehen in erster Linie ästhetischen Verpflichtungen nach, Sofalandschaften ducken sich unter der Bilderlast, die Küche scheint gänzlich unbenutzt. Direkt hinter der senfgelben Haustür wartet keine Garderobe, sondern eine Installation von Thomas Kiesewetter. In diesem Wahnsinn, atmosphärisch näher am Lager eines Maniacs als an dem wohnlichen Zuhause, haben die vier Kinder von Schachter und seiner Frau Ilona einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht. Psychologen würden sich schwertun bei der Beantwortung der Frage, ob das hier nun grobe Fahrlässigkeit ist oder frühkindliche Kunsterziehung auf allerhöchstem Niveau.

Zeichnungen unter anderem von Paul Thek im Wohnzimmer

Kai und Adrian sind die älteren der vier Söhne der Schachters und bestens gelaunt, als sie mich an einem Samstagnachmittag in einem der Räume des Hauses begrüßen. Adrian trägt einen schwarzen Pullover, eine gold-schwarze Jogginghose und dicke Stiefel, in der Hand einen riesigen Starbucks-Becher, um seinen Hals kabellose Kopfhörer. Kai hat trotz Wolkenflug und mildem Klima Sonnenbrille und Schal dabei, und seine weit geschnittene Hose macht den Anschein, als sei er sich der modischen Qualitäten von Farbspritzern auf Kleidung wohl bewusst. In London sind die Brüder, 20 und 21 Jahre alt, mittlerweile selten. Beide studieren sie Kunst an der School of Visual Arts in New York.

Wenn sie doch mal zu Hause sind, dann arbeiten sie im Wintergarten ihres Elternhauses, das ihr Vater mittlerweile für einen kurzen Termin verlassen hat. Ein eigenes Atelier stand den jungen Schachters lange Zeit nicht zu. Die Kunst machte keinen Platz für ihre Produktion. Höhere Mächte halfen Adrian und Kai schließlich. "Nach einem starken Sturm stand der ganze Raum unter Wasser. Die Kunst musste raus, und sobald alles leer war, habe ich hier angefangen zu malen. Ich dachte: Vielleicht reicht schon ein Bild, um den ganzen Raum zu übernehmen. Nach dem ersten Farbspritzer auf dem Boden hatten wir gewonnen."

Die an das Atelier anschließende Terrasse mitsamt Ummauerung sieht aus wie der Hinterhof einer Vorstadtfabrik: Spraydosen liegen auf ungenutzten, verschmierten Lounge-Möbeln, die Mauer ist voller Graffiti, in der Ecke lehnt eine Leinwand. Sie zeigt, schwarz auf rotem Grund, die US- Flagge. Sie ist ein zentrales Motiv im Schaffen von Kai, der gerne und viel über seine Arbeit spricht. "Alleine die Tatsache, dass die Bilder die Flagge zeigen, lädt sie politisch auf. Dabei sind sie nicht politisch. Ich wollte einfach etwas malen, das sich außerhalb geschlossener Räume befindet, wie eine Pflanze."

Flaggenstudie von Kai Schachter auf der Terrasse

Spiralen, die direkt in ein schwarzes Loch zu führen scheinen, sind ebenfalls wiederkehrende Elemente in der Arbeit von Kai. Er spielt mit Techniken aus der Kalligrafie, beschäftigt sich mit Strukturen und Texturen und setzt seine Arbeiten gerne wochenlang der Witterung aus. "Besonders die Flaggen male ich gerne draußen und lasse die Leinwände dann einfach stehen, manchmal für Monate. Ich warte, bis die Farbe verblasst, und schaue, was der Regen mit dem Bild macht. So lerne ich die Farbe richtig kennen."

Arbeiten von Kai Schachter im Wintergarten-Atelier

Adrian unterscheidet sich von seinem Bruder in vielerlei Hinsicht, wie das nun mal so ist mit Brüdern. Er ist zurückhaltend, fast schüchtern, dafür sehr überlegt. Wenn er aber spricht, dann noch schneller als der Rest der Familie. Adrians Arbeiten zeigen genmanipulierte Tiere mit übergroßen Ohren und deformierten Körpern auf grober, von Holzstämmen inspirierter Struktur. "Die Idee der Genmanipulation wollte ich ebenso übertreiben wie den optischen Effekt der Holzmaserung. Auf die Tiere bin ich im Internet gestoßen. Die Vorstellung von menschengemachter Natur löst die Tiere aus ihrem eigentlichen Daseinszustand."

Ein Leben ohne die Kunst kennen Kai und Adrian nicht, und die meiste Zeit verbringen sie mit ihrem engsten Freund, dem es ähnlich gehen dürfte: Mit Caio Twombly, Enkel des großen Cy und Sohn von Alessandro Twombly, ebenfalls Maler, teilen sich die Brüder ein Apartment in New York. Die Beziehung ist längst mehr als ein banales Kumpelding: "Caio spielt für uns eine große Rolle. Er weiß genau, wie Malerei funktioniert, er war von Beginn an von ihr umgeben." Für die Schachter-Brüder ist er zu einer Mischung aus Kurator, Professor und Mentor geworden. Während Caio immer wieder in den Schaffensprozess von Adrian und Kai eingreift, bleiben auch sie nicht still, wenn es um kuratorische Entscheidungen geht. „Es ist eine dauernde Diskussion. Und wir teilen uns alles. Bis auf die Frauen."

2017 kuratierte Twombly eine Ausstellung in der Praxis eines Chiropraktikers in New York. Neben Kai und Adrian zeigte er Skulpturen und Installationen von Harry Solasz. Jerry Saltz, Kunstkritiker des "New York Magazine" und ein alter Bekannter von Kenny Schachter, kam vorbei, nannte Caio einen "exzellenten Kurator", Kais Arbeiten lobend "formlose Traumlandschaften".

Sprechen die Schachters über ihr erweitertes Netzwerk, fallen die Namen der cool kids der globalen Kunst- und Modewelt: Hedi Slimanes Muse Alexander Muret, Kurator Matthew Brown und Lucien Smith, dessen Malerkarriere vor wenigen Jahren den Spekulationen am Kunstmarkt zum Opfer fiel und der seitdem junge Künstler unterstützt, sind ihre Freunde. Mit ihnen arbeiten sie derzeit an mehr oder weniger durchsichtigen Projekten und Ausstellungen, vorrangig in New York und Los Angeles. Oder halt in Shanghai und London.

Adrian und Kai kennen die Mechanismen der heutigen Kunstwelt, sie wissen um den Markt und ihre Privilegien. Wenn Kai davon spricht, noch "so jung" zu sein und "nichts überstürzen" zu wollen, dann hat man es entweder mit Tiefstapelei oder gut kaschierter Ironie zu tun.

2017 haben Kai und Adrian erstmals­ in einer Galerie ausgestellt, in einer von ihrem Vater kuratierten Gruppenschau in der Ibid Gallery in Los Angeles. Sie trug den Namen "Nuclear Family", was "Kleinfamilie" bedeutet, aber in seiner Doppeldeutigkeit auch die Eigenschaften des Schachter-Clans ganz gut trifft: in alle Richtungen strahlend, schwer bis kaum zu kontrollieren, hochgradig energiegeladen.

Dieser Artikel ist zuerst in Monopol 1/2018 erschienen