Autorin Sarah Koldehoff

"Dick Pics sind eine neue Form der bildbasierten sexualisierten Gewalt"

Penisbilder sind so alt wie die Menschheit. Sie können ein künstlerisches Statement, aber auch eine Form digitaler Belästigung sein. Die Psychologin und Autorin Sarah Koldehoff hat ein Buch über Dick Pics geschrieben. Wir haben mit ihr gesprochen

Selbstaufgenommene Fotos des Penis, sogenannte Dick Pics, sind im Internet weit verbreitet. Eine britische Studie ergab, dass jeder fünfte Mann schon ein solches Bild verschickt hat – viele taten das allerdings, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Die Journalistin und Psychologin Sarah Koldehoff hat für die Wagenbach-Reihe "Digitale Bildwelten" nun ein Buch über die Intim-Selfies geschrieben. Sie erklärt, was die Fotos mit Macht und Dominanz zu tun haben, warum sie trotzdem schnell als Scherz abgestempelt werden und wie online eine neue Form der sexualisierten Gewalt entstehen konnte.


Warum sollten wir uns mit Dick Pics beschäftigen, Sarah Koldehoff? 

Abbildungen des Penis gibt es, seit es Abbildungen von irgendwas gibt. In der Fotografie hat sie etwa Robert Mapplethorpe groß gemacht. Mit den Dick Pics, die wir heute kennen und die besonders über die sozialen Medien verbreitet werden, ist diese künstlerische Darstellung aber nicht vergleichbar. Insgesamt ist es eine äußerst aufgeladene Form von Bildern. Sehr viele Dick Pics werden ohne Einverständnis der Empfängerin verschickt. Das ist eine eigene, noch eher neue Form der bildbasierten sexualisierten Gewalt. Trotzdem wird noch wenig ernsthaft darüber diskutiert – eher wird das Thema weggelacht. Ungewollte Dick Pics zu bekommen, wird oft als normaler Teil weiblicher Erfahrungen gesehen und schnell wieder abgetan.

Sind damit Dick Pics immer mehr als ein Genital-Selfie, etwa eine Machtgeste? 

Es kommt darauf an, ob sie konsensuell verschickt werden oder nicht. Wenn beide Parteien einverstanden sind, gibt es an Dick Pics überhaupt nichts auszusetzen. Trotzdem gibt es dabei zwei Einschränkungen: Erstens sind unsere Vorstellungen von Konsens davon beeinflusst, wie Sexualität und Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft vermittelt werden. Stereotyp männliche Bedürfnisse stehen dabei immer noch im Vordergrund. Und zweitens werden wahnsinnig viele Dick Pics ohne Konsens verschickt. Wehren sich die Empfänger:innen, meist Frauen, dagegen, wird der Akt oft als kommunikatives Missgeschick heruntergespielt: Es sei ja nichts passiert, alles nicht so schlimm. 

Dabei ist das übergriffig. 

Ja. Diese Verharmlosung ist gefährlich, weil so viele dieser Fotos nicht als Form von bildbasierter sexualisierter Gewalt anerkannt werden. Aber sich ungewollt ein Foto von einem Penis ansehen zu müssen, ist nicht in Ordnung. Es kann traumatisieren, retraumatisieren und Gefühle wie Scham und Ekel auslösen. 

Ungewollte intime Fotos werden besonders oft über Social Media verbreitet. Läge es auch in der Verantwortung der Plattformen, etwas dagegen zu tun? 

Auch am Umgang der Plattformen mit dem Thema sieht man, dass es noch nicht ernst genug genommen wird. Social-Media-Seiten hätten zum Beispiel die Möglichkeit, solche Fotos zu zensieren. Es gibt Technologien, die Dick Pics gut erkennen können. Die Betreiber tun aber nichts. Außerdem machen manche Strukturen der Plattformen es schwer, Anzeigen aufzugeben. Wer ein Dick Pic etwa als Foto zum Einmal-Ansehen geschickt bekommt, kann aus Privatsphäre-Gründen auf manchen Plattformen keinen Screenshot machen. Das führt aber dazu, dass man keine Beweise sichern kann. 

Was würden Sie als Reaktion auf ein ungewolltes Dick Pic raten? 

Das ist eine sehr individuelle Entscheidung. Ganz persönlich würde ich aber dazu raten, es zur Anzeige zu bringen – auch um zu zeigen, dass das mehr ist als eine Bagatelle. Das geht zum Beispiel über die Website "Dickstinction" von Hate-Aid. 

Welche Rolle spielt Frauenverachtung bei der Verbreitung von ungewollten Dick Pics? 

Es gibt Studien, die zeigen, dass internalisierte Misogynie oder auch offener Hass einen Einfluss auf das Verschicken von Dick Pics haben. Es gibt Männer, die ganz klar sagen, dass sie damit den Empfänger:innen Angst einjagen wollen. Andere sehen darin ein Kompliment, was natürlich auch sehr misogyn ist. Insgesamt ist es bei Dick Pics – wie bei vielen Formen von patriarchaler Gewalt – so, dass Menschen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, auch häufiger diese Bilder geschickt bekommen. 

Wie erklären Sie sich, dass gerade Dick Pics zu einem Mittel der männlichen Machtdemonstration im Internet werden konnten? 

Der digitale Raum ist eigentlich recht egalitär und könnte ein eher gerechter Raum sein. Körperliche Dominanz spielt dort normalerweise nicht so eine große Rolle. Dick Pics bedienen sich ihr aber doch. Es gibt die Theorie, dass darüber versucht wird, sich Macht zurückzuholen – und einige Männer, die das Gefühl haben, ihre Dominanz gegenüber Frauen und nichtbinären Personen durch Errungenschaften des Feminismus verloren zu haben, sie zu diesem Zweck nutzen. 

Es ist ja eigentlich absurd: Sich zu entblößen und das vulnerabelste Körperteil zu zeigen, um Dominanz zu demonstrieren. 

Das funktioniert nur, weil der Penis ganz anders gedeutet wird als zum Beispiel die Vagina beziehungsweise Vulva. Cis-Männern fällt es leichter, ihren Körper für sich zu beanspruchen. Ihm wird im öffentlichen Raum, zu dem ich das Internet zähle, eine größere Bandbreite an Bedeutungen zugesprochen: machtvoll, sexuell, begehrenswert bis lustig. 

Wieso ist männliche Nacktheit lustig? 

Mit dem männlichen nackten Körper wird viel mehr Spaß gemacht. In der Serie "How I Met Your Mother" wird es als Taktik präsentiert, Frauen aufzureißen, in dem man sich nackt in ihre Wohnung stellt. Manchmal funktioniert das dann, und manchmal nicht. Wenn nicht, wird es als Scherz abgetan. Dabei ist das natürlich ziemlich furchtbar. Würde sich ein Mann nach einem Date einfach nackt ausziehen, wäre ich total geschockt und würde Angst bekommen. Mit Dick Pics ist es aber ähnlich wie in der Serie. Sie bekommen einen größeren Bedeutungsspielraum. Es gibt natürlich auch Nacktbild-Skandale, die für Männer Karrieren ruiniert haben. Aber oft werden sie als Scherz abgestempelt. Doch damit wird sexualisierte Gewalt heruntergespielt.

Damit unterscheiden sie sich von sogenannten Pussypics. 

Der cis-weibliche Körper wird insgesamt viel schneller in eine Sparte einsortiert als der männliche, vor allem als Sexualobjekt. Weibliche Nacktheit wird in der Regel sexualisiert. Auf andere Arten kommt sie auch popkulturell wenig vor, und ist daher kaum normalisiert. Während der Penis als aktiv, penetrierend und damit als dominant gilt, waren Vagina und Vulva jahrhundertelang schambehaftet, aufnehmend und mit einer passiven Funktion assoziiert. Die Geschlechtsteile funktionieren daher auch schon ikonografisch sehr unterschiedlich. 

Welche Wirkung lösen Fotos vom weiblichen Intimbereich demnach vor allem aus? 

Ein Pussypic hat kaum eine bedrohliche Konnotation, sondern wird in unserem kulturellen Verständnis eher als Einladung interpretiert. Fotos von Vulven sind uns wenig geläufig, daher schockieren sie trotzdem, aber ohne Angst zu machen. Ich würde behaupten, man kann mit einem Pussypic nicht die gleiche Wirkung erzielen, wie mit einem Dick Pic. In Umfragen sagen viele Männer sogar, sie würden gerne mehr weibliche Intim-Fotos bekommen. Für viele Frauen gilt das andersherum nicht. 

Spielt die Ästhetik bei Dick Pics eine Rolle? 

In der Analyse spielt sie überhaupt nur bei einvernehmlichen Dick Pics eine Rolle. Denn die anderen sind eine Form von Gewalt, bei der die Ästhetik egal ist. Insgesamt zeigt sich auf der ästhetischen Ebene bei Dick Pics vor allem, dass die Bedürfnisse des Senders klar im Vordergrund stehen und die des Empfängers oder der Empfängerin weniger mitgedacht werden. Es gab zum Beispiel einen Tumblr-Blog mit dem Titel "Critique my Dick Pic". Dabei wurden Fotos nach ästhetischen und bildkompositorischen Gesichtspunkten bewertet. Am Ende dessen steht vor allem, dass jeder ein ansprechendes konsensuelles Bild machen kann, wenn nicht nur die eigene Lust im Vordergrund steht, sondern die andere Seite mitgedacht wird.