Digitalisierung in Südkorea

Wenn Fortschritt ausschließt

Foto: Personen mit Regenschirmen vor beleuchtetem Samsung-Store, Logo und Smartphone-Werbung.
Foto: dpa
Passanten vor dem Samsung Gangnam Store in der südkoreanischen Hauptstadt

Südkorea treibt Digitalisierung und künstliche Intelligenz mit enormem Tempo voran. Doch wer nicht über das richtige Smartphone, eine koreanische Telefonnummer oder die passenden Apps verfügt, stößt im Alltag schnell an unsichtbare Grenzen – selbst beim Taxifahren, Zugticket- oder Windelkauf

Südkorea gilt als eines der am weitesten entwickelten Länder, was die Digitalisierung betrifft. Auch bei KI mischt das Land oben mit. Die Firmen Samsung Electronics und SK Hynix verzeichnen für dieses Jahr unerwartete Gewinne. Ihre Chips und Speicher sollen den unstillbaren Hunger der weltweiten KI-Datenzentren stillen – die auf Hochtouren laufende Produktion kann den globalen Bedarf aber nicht annähernd befriedigen.

Die südkoreanische Regierung verkündete, dass 2026 Rekordsteuereinnahmen von über 311 Milliarden Euro zu erwarten sind. Parallel sollen nationale KI-Plattformen gestärkt werden. Im Rahmen der Kampagne "KI für alle" sollen jede Bürgerin und jeder Bürger unendlich viele Tokens für die Nutzung landeseigener KI-Modelle bekommen. Damit will man vor allem auch unabhängiger von US-amerikanischen und chinesischen Firmen wie Open AI, Google oder Deepseek werden, was an und für sich begrüßenswert ist.

Korea ist das Land der Smartphones. Wer in der U-Bahn nicht auf sein Handy guckt oder gar Gespräche führt, wirkt verdächtig oder outet sich als rüder Tourist. Im Prinzip ist das Technikleben hier nicht viel anders als bei uns: Für nahezu alles gibt es Apps. Der Alltag wird dadurch aber nicht für jeden einfacher. Vor allem ältere Menschen und jene, die nicht an den Plattformen partizipieren können oder dürfen, spürt, dass Digitalisierung auch Exklusion bedeuten kann.

Digitalisierung schafft neue Probleme

Vor einiger Zeit machte die Geschichte die Runde, wie eine alte Frau verzweifelt versuchte, in der Hauptstadt Seoul bei Temperaturen von über 35 Grad ein Taxi zu bekommen. Stundenlang verharrte sie in der Hitze, ohne dass jemand für sie anhielt. Kein Einzelfall. Taxifahren funktionierte in Seoul lange Zeit so: Man stellte sich an die Straße, rief nach einem Taxi. Hielt ein Taxi an, teilte man dem Fahrer mit, wohin man wollte – und der Fahrer entschied, ob er einen mitnahm oder nicht. Es konnte durchaus vorkommen, dass zwar einige mit einer abwinkenden Geste einfach weiterfuhren. In der Regel konnte man aber binnen Minuten irgendwo einsteigen.

Ich bin derzeit auf Familienbesuch in Korea und merke selbst, dass viele Dinge wesentlich komplizierter geworden sind als noch vor zehn Jahren. Beliebte Restaurants verteilen an einem Touchscreen-Schalter digitale Wartenummern, für die man ein Smartphone mit koreanischer Telefonnummer benötigt. 

Wer keinen lokalen Handyvertrag hat, muss einige Umwege gehen, um dennoch in den Genuss der gastronomischen Dienstleistung zu kommen. Das Gleiche gilt für das Buchen von Zugtickets. Hier reicht keine Kreditkarte mehr, sondern man muss sich mit individuellen Banking-App-Accounts oder ähnlichen Plattform-Verifizierungen ausweisen, um auf die Schiene zu kommen. 

Die Jagd nach Babywindeln

Als Ausländer ist es auch unmöglich, Tickets für Sportveranstaltungen wie Fußballspiele zu buchen. Geht man auf die englischsprachige Version der Website, ist die Ticket-Sektion einfach nicht mehr da.

Als große Wochenchallenge stellte sich das Kaufen von Windeln heraus. Kein Laden weit und breit verkauft in der Megametropole – in der es eigentlich nichts gibt, was es nicht gibt – Babywindeln. Der Grund: Keiner käme heute mehr auf die Idee, Windeln im stationären Handel zu kaufen. Die Plackerei übernehmen (natürlich) Liefer-Apps.

Windeln wurden selbst in großen Drogeriemärkten meist aus dem Sortiment gestrichen. Gestern wurden wir nach langer Suche in einem Großmarkt außerhalb Seouls fündig. Jetzt sitzen wir auf einem Hunderterpack, das wir nie aufbrauchen werden. Aber sei's drum, immerhin haben wir jetzt welche. Auch eine meiner Tanten meinte, dass der Alltag für sie wegen der andauernden Digitalisierung und KI-fizierung trotz Smartphone immer schwieriger würde. Dabei handelt es sich um eine weltgewandte und gebildete Dame, die ihr ganzes Leben in Seoul verbracht hat. 

Hotline fürs Taxi

Für Menschen, die nicht in Südkorea leben oder aufgewachsen sind, stellen aber auch die Plattformen selbst Hürden dar, weil es viele nationale Services gibt und statt internationaler Suchmaschinen wie Google beispielsweise Websites wie Naver genutzt werden. Die eingangs erwähnte KI-Kampagne wird diese Form der Nationalisierung weiter verstärken und für Außenstehende unzugänglich machen. 

Wenigstens wurde in der Zwischenzeit auf die verzweifelte medienwirksame Taxisuche älter Menschen reagiert. Kürzlich wurde die Hotline 120 eingerichtet, die sich an ältere Menschen richtet. Ruft man die Nummer an, kümmert sich das Callcenter um die Bestellung eines Taxis (wahrscheinlich via App).

Allerdings funktioniert der Service nur zwischen acht und 22 Uhr. Wer danach oder davor mobil sein will, muss sich etwas anderes überlegen. Vielleicht denkt man aber auch, dass es ohnehin besser ist, wenn die alten Herrschaften nach zehn zu Hause sowieso besser aufgehoben sind.