Dior-Show im neuen Lacma

Auf High Heels ins Museum

Los Angeles streitet noch über die neuen David Geffen Galleries – da schließt der heißdiskutierte Museumsbau schon wieder. Der Grund: eine Modenschau

Die Leute reden mal wieder. Sie regen sich auf über das neue Gebäude des Los Angeles County Museum of Art (Lacma). Der Schweizer Architekt Peter Zumthor hat es gebaut, der namensgebende Musik- und Filmproduzent David Geffen einen Teil davon bezahlt. Als Amöbe wird der wie ein Klecks in die Mitte von LA getropfte Betonpalast beschimpft, über verlorengegangene Ausstellungsfläche und erratische Kuration wird sich ereifert. 

Tja, gemeckert wird eben nicht nur bei uns, sondern überall auf der Welt. Und es gibt ja auch genug Menschen, die sich über die sublime Schönheit des kurvigen Kunsthauses in Kalifornien freuen. Am Mittwoch jedoch, nur wenige Tage nach der offiziellen Eröffnung, war das Museum schon wieder geschlossen – denn Dior hatte sich für eine Modenschau eingemietet. 

Jonathan Anderson, der im vergangenen Jahr seinen Einstand als Dior-Kreativdirektor feierte und einer der wichtigsten Modedesigner unserer Zeit ist, flirtet regelmäßig mit der Kunst. Sowohl seine Mode als auch seine Show-Sets sind davon geprägt, die oft aussehen wie moderne Ausstellungshallen. Das war schon bei Loewe so, wo er zuvor die Fäden in der Hand hatte. Nun scheint der 41-Jährige diese Neigung bei Dior weiter zu kultivieren: Für seine Debüt-Schau im Juni 2025 etwa ließ er am Les Invalides in Paris einen Raum mit künstlichem Oberlicht bauen, der von der Berliner Gemäldegalerie inspiriert war. So passen die David Geffen Galleries doch perfekt in sein Portfolio! Und weil er eine Cruise-Kollektion zeigte, musste er raus aus Paris.

Hollywood-Kitsch und Pigmentbeton

Das Konzept der Cruise-Kollektion (auch "Resort-Kollektion" genannt) wurde in den 1920er-Jahren von Coco Chanel populär gemacht. Die so bezeichnete Zwischenkollektion richtete sich an wohlhabende Frauen, die ihre Ferien auf Kreuzfahrtschiffen verbrachten. Heute leisten sich neben Chanel auch Labels wie Louis Vuitton, Gucci oder eben Dior eine jährliche Cruise-Show in wechselnden Locations rund um den Erdball.

In LA nun drehte sich bei Dior alles ums Thema Hollywood. Dafür wurden die Gäste im Außenbereich, unter dem weit auskragenden Gebäudeteil des neuen Museumsbaus platziert. Die Models begannen ihren Walk im Obergeschoss, schritten danach die Treppen hinab und liefen ebenerdig zwischen historischen Laternen und alten Cadillacs entlang.
 

Wo ist der nächste Cocktail-Empfang? Das Outfit steht schon: kostbar schimmerndes Dior-Kleid mit Blumen-Applikation und dazu floral besetze Slingback-Pumps
Foto: Dior

Wo ist der nächste Cocktail-Empfang? Das Outfit steht schon: kostbar schimmerndes Dior-Kleid mit Blumen-Applikation und dazu floral besetze Slingback-Pumps


Die Kulisse wirkte ein bisschen in die Jahre gekommen vor Zumthors modernem Pigmentbeton, aber Anderson hatte sich bewusst für jene Epoche der Traumfabrik entschieden, in der Christian Dior das halbe weibliche Hollywood mit seinen Entwürfen ausstattete. Darunter Ingrid Bergman, Grace Kelly, Audrey Hepburn, Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich, deren Dior-Blazer aus Hitchcocks Film "Stage Fright", auf Deutsch "Die rote Lola", 1950, in einer mit Fransen verlängerten Version auf dem Runway zu sehen war. 

Dazu gab es Kalligrafie auf den Köpfen, gefertigt vom Pariser Couture-Hutmacher Philip Treacy sowie Shirts mit Zahlen, für die man mit dem amerikanischen Künstler Ed Ruscha zusammenarbeitete. Vor allem aber wurden wunderschöne Kleider präsentiert, in vielen Farben schimmernd, mit puscheligen Blumen besetzt, extrem luxurös und supermodern. Und die Schuhe! So viele Highheels berühren selten musealen Boden. Wer zieht schon High Heels für den Besuch eines großen Museums an!

Passt Mode ins Museum?

Das Lacma ist übrigens nicht die einzige Sammlung, die je Austragungsort der Fashionshow einer Luxusmarke war. Auch der Louvre hat dahingehend schon viel gesehen, vor allem von Louis Vuitton. Ein absolutes Highlight in der deutschen Modegeschichte war zudem die Saint-Laurent-Show 2023 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. 

Warum auch warten, bis irgendjemand in der Zukunft die Mode ins Museum bringt? An Puppen, denen die Gesichter fehlen? Mode wird doch erst durch ihre Träger und Trägerinnen zum Leben erweckt. Dann entsteht Aura: Wenn ein schönes Kleid von Jonathan Anderson beim Laufen in Bewegung kommt oder – wie im Fall von Marlene Dietrich und dem Dior-Blazer – durch die Filmfigur zum ikonischen Outfit wird.