Visueller Auftritt der Documenta 15

Ein Symbol, das alle verstehen

Der visuelle Auftritt einer Documenta ist das erste konzeptuelle Ausrufezeichen einer Ausgabe. Das Kuratorenkollektiv Ruangrupa macht es dem Publikum mit ihrem D15-Design etwas leichter als so manche Vorgänger

Ein gängiges Vorurteil gegen jobsharing lautet: Wo die Verantwortung geteilt wird, fehlt es an klarer Haltung. Diesen Vorwurf kann man dem indonesischen Kollektiv Ruangrupa, das die kommende Documenta leiten wird, bislang nicht machen. Am heutigen Dienstag hat Ruangrupa in Kassel das Erscheinungsbild der 15. Ausgabe der Documenta (D15) vorgestellt. Es zeigt ineinander verschränkte Hände und Seile, und sie sollen genau das ausdrücken, was diese Symbole seit Menschengedenken ausdrücken: Zusammenhalt, Solidarität, Freundschaft.

Bereits bei ihrer offiziellen Ernennung Anfang 2019 hatte Ruangrupa das sogenannte "Lumbung"-Prinzip als Kernthema der Documenta vorgestellt. "Lumbung" ist eine aus den ländlichen Gebieten Indonesiens stammende Praxis, bei der die überschüssige Ernte zum zukünftigen Wohl aller in einer gemeinsamen Scheune gelagert und nach kollektiv bestimmten Mechanismen verteilt wird.

In diesem Sinne sollen Praktiken des Teilens und der kollektiven Ressourcennutzung im Zentrum der Weltkunstschau stehen, was bereits auch für das jetzt vorgestellte Design gilt: Es wurde von dem Studierendenkollektiv Studio 4002 aus Jakarta entwickelt, und die Farbpalette ist von natürlichen Textilfarben inspiriert, wie sie bei der Herstellung traditioneller Produkte in Indonesiens verwendet werden.

Dass Design und Botschaft derart deutlich kommuniziert werden, kann man nicht von jeder Ausgabe der Weltkunstschau behaupten. Im Jahr 2017 verpflichtete Adam Szymczyk gleich vier Agenturen, verschiedene visuelle Elemente und Designs für die Documenta 14 zu entwickeln, und untergrub so die zentrale Idee der Corporate Identity: Wiedererkennbarkeit.

Einer von vier Entwürfen des Logos zur Documenta 14
Foto: Courtesy Documenta

Einer von vier Entwürfen des CIs zur Documenta 14

"Zusammenhalt und ein neues Miteinander"

Szymczyk wollte kein Label, keine Vermarktbarkeit seiner Documenta. Und während die D14 ihren Namen etwas schüchtern in Kleinbuchstaben schrieb, setzte die Vorausgabe unter der Leitung von Carolyn Christoph Barkagiev eine klare Wortmarke: Kleines d am Anfang, die folgenden Buchstaben in Versalien, gefolgt von der in Klammern gesetzten Zahl 13. Zur Begründung hieß es damals, die Schreibregel solle besagen, "dass die Lehren dieser 13. Documenta (das lateinische 'documentum', von dem das Pluralwort 'documenta' stammt, bedeutet 'Lehre' und gelegentlich bezeichnet es auch eine 'Ermahnung') nicht pedantisch sein werden. Wir setzen vielmehr eine lebendige, pluralistische, ideenreiche und stetig zunehmende Entwicklung in Gang. Viele, auch die Öffentlichkeit, werden in den kommenden Jahren in diesen Prozess involviert werden. Der Höhepunkt, im Jahr 2012, stellt nur einen Moment einer viel längeren Reise dar, durch die Klammern um die dreizehn wird das deutlich." Nun ja.

CI zu Documenta 13

CI zu Documenta 13

Sehr schön war das Design der von Harald Szeemann geleiteten Documenta 5: Auf orangefarbenem Grund verstreute der Künstler Ed Ruscha eine Handvoll Ameisen in Form einer 5, wobei drei kleine Tierchen sich unauffällig aus dem Staub zu machen scheinen.

Katalog der Documenta 5 aus dem Jahr 1972
Foto: Delorian, CC BY-SA 4.0

Katalog der Documenta 5 aus dem Jahr 1972

Eher romantisch als cool: Das Logo der Documenta 9 mit dem künstlerischen Leiter Jan Hoet, mit einem schwarzen Schwan, der einen weißen Schatten wirft. Das Farbspiel soll das Männliche und das Weibliche, das Aggressive und das Sanfte, das Laute und das Stille, das Böse und das Gute, kurzum: das dialektische Prinzip an sich symbolisieren.

Plakat zur Documenta 9

Plakat zur Documenta 9

Wie leicht es uns im Vergleich dazu Ruangrupa machen, zeigt sich vielleicht auch an einer heute veröffentlichten Erklärung des Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), der wenig hinzuzufügen ist: "Viele ineinandergreifende Hände stehen für Zusammenhalt und ein neues Miteinander. Die großartige Umsetzung des Erscheinungsbildes in ein Mural am 'ruruHaus' ist ein deutlicher Gruß des Kuratorenteams Ruangrupa an die Stadt. Es ist eine farbenfrohe und vor allem optimistisch in die Zukunft weisende Botschaft am Ende eines für alle kräftezehrenden Jahres."

Anzumerken bleibt ansonsten, dass die vom 18. Juni bis 25. September 2022 laufende Weltkunstschau sich "documenta fifteen" nennen wird. Message understood.