Bei kräftigem Westwind türmen sich die Wellen an der südspanischen Costa de la Luz. Wahrscheinlich hat die Fotografin das Bad bei unruhiger See genossen, ein bisschen Respekt war sicher auch im Spiel. Nur drei Monate nach der letzten Ausstellung von Dörte Eißfeldt bei Thomas Fischer hat in derselben Berliner Galerie schon die nächste eröffnet.
Die Bilder der nach dem andalusischen Badeort benannten Serie "Conil" sind dort 2003 im Meer entstanden. Mit wasserdichter Kamera bewaffnet, schwamm Eißfeldt hinter die Brandungszone und schoss die Momente, in denen sich das Element auftürmt und der Wellenkamm sich zu kräuseln beginnt. Eißfeldt fotografierte ab Anfang der 1990er zehn Jahre lang immer wieder und in verschiedenen Meeren solche Wellen am Gipfelpunkt ihres Crescendos – zunächst vom Strand aus, in Conil dann aus der Schwimmerperspektive.
Die sensorische Erfahrung ist in die Bilder eingeschrieben. Beim Betrachten hört, riecht, schmeckt man das Meer. Zugleich wird das Körperhafte des Elements selber betont. Auf manchem Bild vergletschert das Wasser, erstarrt hier zu welligem Glas, erinnert dort an helldunkel gefleckte Walhaut. Eißfeldts Fotografie ist eine Kunst der Metamorphose.
Nicht Fenster zur Welt, sondern eine Welt für sich
Die kleine Wellenschau in der Mulackstraße flankiert die umfassende Werkausstellung Eißfeldts im Amerikahaus am Zoo. Im Obergeschoss von C/O Berlin entfaltet sich ihr ganzes Schaffen, das die Künstlerin über Jahrzehnte und weitgehend unter dem Radar der breiten Kunstöffentlichkeit aufbaute. Dabei macht das eigentliche Fotografieren nur einen kleinen Teil ihrer Praxis aus. Eißfeldt hält weitgehend an der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie fest und verarbeitet die Negative in einem oft langwierigen Laborprozess. Fotos sind für sie nicht Fenster zur Welt, sondern eine Welt für sich. Ihre Experimente führen weit in die Abstraktion hinein.
Eißfeldt wollte ursprünglich Malerei studieren und kam dann während ihres Studiums an der Hamburger Kunsthochschule über den experimentellen Film zur Fotografie. Neben dem Labor ist das Archiv eine zentrale Kategorie: Kein stillgelegtes Depot, sondern mehr ein Garten, in dem die Gewächse gehegt, gepflegt und mitunter auch aussortiert werden. Den englischen Begriff "Body of work" nimmt Eißfeldt gleichsam beim Wort: Die Fotografie selbst materialisiert sich in den Papierabzügen, auf denen mitunter das Bildsilber glitzert, und wird körperhaft greifbar. Dass ihr Glaube an das Medium ungebrochen ist, spiegelt auch Eißfeldts Ausstellungstitel "Archipelago".
"Fotos sind wie Wale, die ganze Inseln tragen können", hat Eißfeldt in einem Künstlerbuch geschrieben, das neben Skizzen und Materialien aus dem Studio unter Glas liegt: C/O-Kurator und Programmleiter Boaz Levin hat der Künstlerin ein ganzes Archipel aus Vitrinen zur Verfügung gestellt. An den Wänden sind natürlich auch Bildwerke angebracht. Von einer schnöden "Hängung" mag man angesichts der aufregenden Inszenierung der Arbeiten nicht sprechen. In der Werkauswahl hat die Künstlerin ganz offenbar den Raum und seine dramaturgischen Möglichkeiten mitgedacht.
Faszinierend eigenwillige Bildwelten
Im Amerikahaus wird nachvollziehbar, warum Dörte Eißfeldt im vergangenen Herbst mit dem Prix Viviane Esders ausgezeichnet wurde. Die französische Sammlerin und Stifterin würdigt mit der Auszeichnung seit 2022 Fotoschaffende über 60, die sich ein besonderes künstlerisches Profil erarbeitet haben, bisher jedoch unterschätzt wurden.
Tatsächlich: Wie faszinierend-eigenwillig sich das Werk der 1950 in Hamburg geborenen Eißfeldt jetzt erweist, so suboptimal ist ihre künstlerische Karriere bisher abgelaufen. Sie hat einen berühmten Sohn großgezogen, den Musiker Jan Delay, und war als Professorin von 1991 bis 2016 an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig gebunden, sodass eine zeit- und kraftraubende Ausstellungstätigkeit immerhin erschwert war. Einige Studierende aus ihrer Fotoklasse haben sich im Kunstbetrieb eher etabliert: Andrea Geyer, Matthias Langer, Ingo Mittelstaedt oder der früh verstorbene Sascha Weidner.
Nun aber ist Eißfeldts Zeit gekommen. Sie wird mit einer angemessen großen Ausstellung gefeiert, die das Publikum in die Bildwelten der Künstlerin lockt. Da gibt es die halbwegs eindeutigen Motive: Wieder die Wellen oder ein Felsenspringer, der wie ein schwebender Pfeil über der Gischt hängt: Aufgehobene Zeit. Eine Bildreihe jugendlicher Gesichter mit geschlossenen Augen ist durch das Dunkelkammerverfahren der Solarisation ins Metallische verfremdet. Hier wird schon ein deutlicher Abstand zwischen Motiv und Abbild sichtbar. Vom Bild eines Schneeballs in der eigenen Hand – es gibt nur ein einziges Negativ – stellte Eißfeld 1988 so viele unterschiedliche Abzüge her, dass der Schneeball zum mehrdeutigen Gegenstand wird.
Dörte Eißfeldt "Schneeball 01", 1988
Eine Mehrfachbelichtung aus einem gefleckten Ponyrücken und glänzendem Asphalt nennt Eißfeldt "Drachenblut II". Irgendwann im Arbeitsprozess ist aber das titelgebende Lindenblatt (à la Siegfried-Sage) verschwunden – und der fotografierte Raum auch. Stattdessen reflektiert sich das große Fenster zur Hardenbergstraße im Großformat: Fotografie als Karusselltür, deren Glas sich dreht und dreht und unablässig alte mit neuen Bildern überschreibt.
Der Übergang von den fotografierten Körpern zum "Körper der Fotografie" ereignet sich fließend. Im dritten und letzten Raum dominiert die Ungegenständlichkeit, die reine Fotografie. Ihre programmatischen Zeilen, die Eißfeldt 1992 in ihrem Künstlerbuch "Pol" abdrucken ließ, bleiben gültig: "Papier ist geduldig. Film ist geduldig - die Fotografie setzt sich zur Wehr: Sie will sich nicht länger verausgaben und verschwenden an die Motive und an die grenzenlose Unterhaltung; sie hat einen Körper und sie zeigt ihn; sie bildet sich selbst auf allen Bildern ab, hinterlässt einen Eindruck – mal versteckt, doch zunehmend offensiv."
Der "grenzenlosen Unterhaltung" vor drei Jahrzehnten entspricht heute die in den sozialen Netzwerken körperlos herumgeisternde Allerweltsfotografie, während Eißfeldt umso entschiedener auf die Materialität der Bilder setzt.
Eine sensorische Kraft liegt in den Bildern
Allein um die textilen Strukturen und chemischen Spuren von Fotopapier geht es in "Vera Ikon" und anderen Serien mit Fotogrammen: Bilder ohne Kamera, die schon von der Produktionsweise her einen hohen Abstraktionsgrad besitzen. Anders als beim "Schweißtuch des Herrn" der Veronika-Legende ist der "Vera Ikon"-Begriff bei Eißfeldt eine säkulare Metapher für die Analogfotografie selbst.
Im dritten und letzten "Archipelago"-Raum finden sich farbige Fotogramme. Farbfotografie hat Seltenheitswert bei der Künstlerin, weil der übliche Color-Prozess zu wenig Spielraum für Experimente lässt. Ironischerweise kommen die Pastelltöne der genannten Fotogramme ohne Entwicklerlösung und Fixierflüssigkeit zustande. Die Farbe ist ein Zufallsprodukt der Eißfeldt’schen Experimentierwerkstatt. Und sogar den Ausstellungsraum funktioniert die Künstlerin jetzt zum Instant-Fotolabor um, denn sie hat in den Vitrinen Rohfotopapier ausgelegt, das von Restbeständen aus dem Berliner Atelier von Sibylle Bergemann und Arno Fischer stammt. Im Zusammenspiel der Beleuchtung und der Exponate könnten wieder Eißfeldt-Werke entstehen.
Eißfeldts Schaffen ist eine Kunst des Trotzdem
Im klassischen Fotolabor wird mit Flüssigkeiten hantiert. Mit den Händen an der Laborschale simuliert man einen sanften Wellengang, vor und zurück, bis das Positiv schön gleichmäßig entwickelt ist. "Wasser spielt eine wesentliche Rolle bei der Herstellung von Fotografien", schrieb auch Jeff Wall 1989 in seinem Essay "Photography and Liquid Intelligence"; das Wasser müsse nur "genau kontrolliert werden und darf sich nicht über die im Prozess vorgesehenen Zonen und Phasen hinaus ausbreiten – sonst wird das Bild zerstört. Du willst zum Beispiel sicherlich kein Wasser in der Kamera, oder du ruinierst das Bild!".
Hat Eißfeldt beim "Conil"-Projekt 2003 also Jeff Wall beim Wort genommen? Oder hat sie trotzig den fotografischen Regelverstoß riskiert, um am Ende doch zu gewinnen? Denn ihr sind Seestücke gelungen, die man so nie gesehen, gespürt und gerochen hat.
Dörte Eißfeldts Schaffen ist eine Kunst des Trotzdem, der Synästhesie, des imponierend langen Atems, der fluiden Übergänge und schwankenden Gewissheiten. Aus dem Gesamtwerk sprüht eine Energie, die in der Fotokunst ihresgleichen sucht. Was den Zuspruch von Kritik und Publikum angeht, ist die Welle der Begeisterung inzwischen ja endlich angerollt.