Podcast "Fantasiemuskel" #90

Dümmer klüger werden - mit Manuel Scheidegger

Podcast-Grafik 'Fantasie Muskel'; links Titel, rechts Nahporträt eines Mannes mit neutralem Blick.
Foto: nebenraum.io / Grafik: monopol

Wir wissen mehr als je zuvor und scheinen doch immer weniger in der Lage zu sein, die Probleme unserer Gegenwart zu lösen. In Zeiten künstlicher Intelligenz und allgegenwärtiger Selbstoptimierung plädiert der Philosoph Manuel Scheidegger deshalb für mehr intelligente Dummheit. In der aktuellen Folge des "Fantasiemuskel"-Podcasts erklärt er, warum uns ein anderer Umgang mit unserer menschlichen Begrenztheit klüger machen könnte, wie wir produktiver mit Unsicherheit umgehen und wie die Kunst uns dabei helfen kann

Wir leben in einer Zeit, in der Wissen als wichtigste Ressource gilt. Noch nie konnten Informationen so schnell gesammelt, verarbeitet und verfügbar gemacht werden wie heute. In der Schule, im Beruf, in der Politik und im öffentlichen Diskurs werden schnelle Antworten belohnt, während offene Fragen als Schwäche erscheinen. Und doch führt dieses Wissen offenbar nicht unbedingt zu einer besseren Gesellschaft. Die Krisen unserer Gegenwart lassen sich nicht dadurch überwinden, dass wir immer mehr Daten besitzen und Wissen anhäufen. Trotzdem haben wir uns daran gewöhnt, dass jedes Problem eine schnelle Lösung haben muss, jede Frage eine schnelle Antwort verlangt.

Die Künstliche Intelligenz (KI) ist dabei nicht nur ein technisches Werkzeug, sondern Spiegel unserer Gegenwart. Sie zwingt uns, genauer zu fragen, was Intelligenz eigentlich bedeutet. Denn so leistungsfähig die Systeme auch sind, sie denken nicht wie Menschen. Sie sortieren, berechnen und setzen Vorhandenes neu zusammen. Was ihnen fehlt, ist das Verhältnis zu sich selbst, die Fähigkeit, die eigene Perspektive infrage zu stellen, Fragen zu stellen und Fehler zu machen. Der Philosoph Manuel Scheidegger möchte KI daher lieber als "Keine Intelligenz" verstanden wissen. 

Unsere eigentliche Herausforderung besteht für ihn nicht darin, immer schneller Antworten zu produzieren, sondern die Fähigkeit zu bewahren, Fragen zu stellen. Warum dann also nicht mehr Dummheit wagen? Dummheit versteht Manuel Scheidegger dabei nicht als Mangel, sondern als Metapher für eine Haltung, die sich der eigenen Begrenztheit bewusst bleibt. Eine dumme Frage kann eine weiterführende Frage sein, eine unsichere Idee einen neuen Weg weisen. 

Denken als kollektive Praxis

Scheidegger gefällt darum der Gedanke einer "intelligenten Dummheit". Gemeint ist damit eine Form des Denkens, die nicht vorgibt, bereits alles verstanden zu haben. Wer glaubt, alles zu wissen, verengt seinen Blick auf die Welt. Wer dagegen erkennt, dass jede Erkenntnis nur aus einem begrenzten "Guckloch" auf die Wirklichkeit schaut, wird offen für Widerspruch, Zufall und Hilfe. Denken wird so zu einer kollektiven Praxis.

Das betrifft auch Organisationen und Unternehmen. Scheidegger arbeitet als Philosoph mit unterschiedlichen Institutionen aus Kultur und Wirtschaft und eröffnet dort Denkräume, in denen gewohnte Abläufe und vermeintlich sichere Lösungen infrage gestellt werden können. Eine produktive Fehlerkultur bedeutet für ihn nicht, Fehler nur dann zu schätzen, wenn man sie später vermeiden kann. Sie verlangt vielmehr, auch Unsicherheit, Unfertiges und peinliche Irrtümer auszuhalten.

Was in Organisationen als Umgang mit Fehlern und Unsicherheit beginnt, ist für Scheidegger deshalb auch eine Frage der demokratischen Öffentlichkeit. Auch dort braucht es Menschen, die vorläufige Positionen formulieren dürfen, ohne sofort als schwach oder inkompetent zu gelten. Ein Politiker, der sagt: "Ich bin unsicher", wäre vielleicht nicht weniger überzeugend, sondern vertrauenswürdiger. Denn die großen Fragen des Zusammenlebens lassen sich nicht wie Schachaufgaben lösen. Sie verlangen Urteilskraft, Widerspruch und die Bereitschaft, die eigene Lösung wieder infrage zu stellen.

Kunst als besonderer Übungsraum

Die Kunst kann dafür ein besonderer Übungsraum sein. Wer sich auf ein Kunstwerk einlässt, betritt einen Zusammenhang, dessen Ausgang nicht feststeht. Man weiß vorher nicht genau, was geschehen wird und gibt für einen Moment die Kontrolle über die eigene Deutung ab. Ein Werk kann uns irritieren, langweilen oder grundlegend verändern. Es bringt uns in eine produktive Reibung mit dem, was wir zu kennen glaubten.

Dümmer zu werden, bedeutet also nicht, Wissen aufzugeben. Es bedeutet, sich nicht von der eigenen Klugheit beherrschen zu lassen. Es bedeutet, einen Moment länger bei einer naiven oder zunächst peinlichen Frage zu verweilen, anderen zuzuhören und sich korrigieren zu lassen – kein Rückzug aus der Welt, sondern eine Öffnung zu ihr.

"Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, können Sie auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: