Covid-Symptom Riechstörung

"Mit dem Geruchssinn verlieren wir einen Teil unseres Lebens"

Auf Amazon sind negative Bewertungen für Duftkerzen in die Höhe geschnellt, offenbar wegen Covid-19-Riechstörungen. Auch Abstand und Maske verändern unsere olfaktorische Wahrnehmung. Wie reagiert die Duftindustrie?

Duftkerzen riechen einfach nicht mehr so wie früher. Oder sie sind nicht mal mehr Duftkerzen. "Absoluter Mist!", urteilt ein Kunde in einer Amazon-Review über ein Kneipp-Produkt: "Die Kerze entwickelt überhaupt keinen Geruch, selbst nach mehrere Stunden nicht in einem kleinen abgeschlossenen Raum. Für eine normale Kerze ohne Duft viel zu teuer!" Eine Kundin empört sich über einen ähnlichen Artikel von Yankee Candle: "Man denkt sich gönn mir mal eine schöne Duftkerze für über 20 Euro und dann kann die nix... aber überhaupt nix." 

Die Sozialpsychologin Kate Petrova ist der jüngsten Häufung an Beschwerden nachgegangen. Ihr überraschendes Ergebnis: Duftkerzen seien "ein unerwartetes Opfer der Covid-19-Pandemie". Die Havard-Forscherin hat Amazon-Reviews von beliebten Duftkerzen einer statistischen Analyse unterzogen: "Zwischen Januar 2017 und Januar 2020 bewegten sich die durchschnittlichen Bewertungen bei rund 4,3 von 5 Punkten. Aber zwischen Januar und November 2020 gab es einen starken Rückgang", berichtete sie dem "Independent".

Ein gestörter Geruchssinn oder gar dessen vollständiger Verlust gehört zu den häufigsten Symptomen einer Infektion mit Sars-CoV-2. Besonders oft betroffen sind Patienten mit mildem Krankheitsverlauf, so das Fazit einer kürzlich vorgestellten Studie. Der signifikante Einbruch der Kundenzufriedenheit hängt also mutmaßlich damit zusammen, dass einige dieser negativen Reviews von unerkannt Infizierten geschrieben wurden. 


Petrovas Forschungsergebnisse könnte man als eine der vielen Kuriosität dieser Pandemie abtun, doch Riechstörungen sind mittlerweile auch als Langzeitfolge von Covid-19-Erkrankungen erkannt. "Der Verlust des Geruchsinns ist gefährlich. Wie wichtig dieser Sinn ist, erkennt man erst, wenn man ihn verliert", sagt der Kölner Unternehmer Robert Müller-Grünow. Mit seiner Firma Scentcommunication entwickelt er Duftkonzepte, Duftmarketing und Dufttechnologien für Unternehmen wie BMW, Lufthansa oder die Deutsche Bahn. "Mit dem Geruchssinn geht ein wesentlicher Teil unseres Lebens verloren."

Müller-Grünow, der auch ein Buch mit dem Titel "Die geheime Macht der Düfte" geschrieben hat, meint damit nicht nur sich, der mit diesem Covid-19-Symptom berufsunfähig werden würde. Er verweist auf eine Studie, nach der die Selbstmordraten beim Verlust des Geruchssinns höher sind als beim Verlust anderer Sinne. "Wir können ohne Geruchssinn nur noch sehr eingeschränkt schmecken, weil ein Großteil des Geschmacks über die Nase kommt. Wir können Pheromone nicht mehr wahrnehmen und damit fehlt uns ein wichtiges Kriterium in der Partnerwahl. Geruch schafft direkte Information im limbischen System, also dort, wo wir unsere Emotionen erschaffen. Geruch ist Kommunikation."

Auch Künstlerinnen wie die US-Amerikanerinnen Anicka Yi und Bunny Rogers benutzen in ihren Ausstellungen Düfte, um körperliche Reaktionen ihres Publikums hervorzurufen. Wenn diese Reize bei Besucherinnen nicht mehr ankommen, fehlt der Kunst ein zentraler Bestandteil. 

Maske und Abstand als Geruchskiller

Zur Riechstörung als Begleiterscheinung von Covid-19 kommen in der Corona-Pandemie die Maskenpflicht, die das Riechen stark einschränkt und verändert, sowie der Aufruf zum Abstandhalten, wodurch Parfüm und Eigengeruch von anderen Menschen kaum noch wahrnehmbar sind. Corona hat also einen riesigen Einfluss auf unsere olfaktorische Wahrnehmung der Welt. 

Für Produzenten von Wohlgerüchen bedeuten diese Umstände einen tiefen Einschnitt. Im April 2020 sei der Umsatz seiner Firma komplett eingebrochen, sagt Müller-Grünow, vor allem weil Kunden der Reisebranche durch die Coronakrise selbst hart getroffen wurden. "Wir konnten das aber ganz gut kompensieren und haben ein gutes Jahr hinter uns."

Zum einen werden nun nämlich Düfte im Privatbereich als Teil des Nesting-Trendes stärker nachgefragt, zum anderen in der Medizinbranche zur Vermittlung von Sicherheit und Sauberkeit. So beauftragen etwa Arztpraxen Scentcommunication damit, entsprechende Düfte und Duftsysteme zu entwickeln. In kontaktfreien Zeiten entwickelt die Firma auch Duftlösungen für den Online-Versand: Mit Paketen werden nicht nur Waren transportiert, sondern auch Geruchsträger als Teil der Markenidentität und des Konsumerlebnisses. 

Einfach die Dosis erhöhen?

Late-Night-Comedian Stephen Colbert hat im Dezember einen satirischen Vorschlag gemacht, wie Duftproduzenten sonst noch reagieren sollten: Jetzt sei die Zeit für eine Pandemie-Edition mit experimentelleren Kerzen wie "Leerer U-Bahn-Waggon", "Comic-Con-Hotel" oder "Teenager-Kissenbezug":


Müller-Grünow rät übrigens davon ab, einfach die Dosis zu erhöhen, um mit Duft durch Masken zu dringen oder Abstände zwischen Menschen zu überwinden: "Auch wenn der tollste Duft zu stark wird, kann das in der Wahrnehmung schnell ins Negative kippen. Da ja alles im Moment weniger riecht im öffentlichen Raum, gleicht sich das auch wieder etwas aus."

Im Moment leben wir indes noch weiter wie Jean-Baptiste Grenouille, die Romanfigur aus Patrick Süskinds Klassiker "Das Parfum", der am "menschenfernsten Punkt des ganzen Königreichs", im Zentralmassiv der Auvergne, sieben Jahre lang ohne Ablenkung sein "Seelentheater" genießen kann: Traumreisen ohne Ablenkung. Eines Tages aber werden wir wie er herabsteigen von dem menschleeren Vulkan, unsere Masken abnehmen und uns wieder näherkommen dürfen. Vielleicht gibt es dann auch eine Renaissance der Gerüche, weil wir durch ihre Abwesenheit entwöhnt worden sind. Daran glaubt auch Robert Müller-Grünow: "Wir werden uns viel bewusster werden, wie toll Düfte sind."