Was wir Wirklichkeit nennen, steht auf taumelndem Grund. Die Journalisten übrigens auch, die täglich in Wassertaxis zum Filmfestival auf dem Lido übersetzen. Während viele Wettbewerbsfilme ihnen bei der Ankunft das zeigen, was ohnehin zu ihrem Bildungsschatz (Psychoanalyse in „A Dangerous Method“) oder ihrem Erfahrungshorizont gehört (die nie endende Adoleszenz in Todd Solondsz' „Dark Horse“), riskieren die Kurz- und Experimentalfilme der „Orrizonti“-Reihe – ohne den Druck der Kinoauswertung – den Sicherheitsgurt abzulegen, in unbekannte Gewässer oder ins All vorzudringen.
Christoph Girardet und Matthias Müller haben mit „Meteor“ einen geradezu verstörend schönen 15-Minüter aus gefundenem Spielfilmmaterial montiert. Träumende oder verschreckte Kindergesichter werden mit Bildern in den Weltraum startender Raketen, gefährlich glühender Sonnen oder an Nabelschnüren zappelnder Astronauten kombiniert. Erzählt wird von Angst und Aufbruch, von kindlicher Einsamkeit und der unerklärlichen Geborgenheit des Traums. Auf der Tonspur trauert Puccinis „Suor Angelica“ um ihr totes Kind. Oper und Experimentalfilm? Hier eine geglückte Kombination.
Josef Dabernig verschränkt in seinem 17-minütigen Film „Hypercrisis“ Musik aus dem Requiem Giuseppe Verdis mit knüppelharter Perkussion von Can. Zwei Welten stehen sich auch auf der Leinwand gegenüber: Die faulenzenden und schlemmenden Ärzte eines Erholungsheims im Südkaukasus und der durch eine verschneite sozialistische Ruinenlandschaft stampfende Moskauer Schriftsteller, der an einer Schreibblockade leidet. Kränkelt die Gesellschaft, ist auch der Künstler in der Krise, wie sollte es anders sein?
Der seltsamste Kurzfilm, dazu einer der packendsten der „Orrizonti“-Reihe, stammt von Yves Netzhammer. Sein Nachtstück „Dialogischer Abrieb“ erzählt keine Story, sondern verkettet künstliche Konstellationen miteinander. Ein computergeneriertes Update von Bunuel/Dalis „Andalusischem Hund“, in dem statt einem Auge eine Zunge zerschnitten wird. Immer wieder kehren die zeitlupenhaft ineinander gleitenden Szenen zur Unfallsituation zweier ineinander rasender Autos zurück. Inventar und Figuren sind rudimentär: Fahrzeuge, Tische, Stühle, Papierbögen, Pferde und gesichts- wie geschlechtslose Gliederpuppen taumeln, schlittschuhfahren und vögeln sich durch den Cyberspace, begleitet von Bernd Schurers hypnotischer Musik. Da kann einem Venedig, dieser unmögliche Ort im Meer, schon wieder bodenständig real vorkommen.
Das 68. Filmfestival von Venedig läuft noch bis zum 10. September. Der Beitrag des Videokünstlers Steve McQueen wird hier besprochen. Der Beitrag von James Franco hier
Christoph Girardet und Matthias Müller haben mit „Meteor“ einen geradezu verstörend schönen 15-Minüter aus gefundenem Spielfilmmaterial montiert. Träumende oder verschreckte Kindergesichter werden mit Bildern in den Weltraum startender Raketen, gefährlich glühender Sonnen oder an Nabelschnüren zappelnder Astronauten kombiniert. Erzählt wird von Angst und Aufbruch, von kindlicher Einsamkeit und der unerklärlichen Geborgenheit des Traums. Auf der Tonspur trauert Puccinis „Suor Angelica“ um ihr totes Kind. Oper und Experimentalfilm? Hier eine geglückte Kombination.
Josef Dabernig verschränkt in seinem 17-minütigen Film „Hypercrisis“ Musik aus dem Requiem Giuseppe Verdis mit knüppelharter Perkussion von Can. Zwei Welten stehen sich auch auf der Leinwand gegenüber: Die faulenzenden und schlemmenden Ärzte eines Erholungsheims im Südkaukasus und der durch eine verschneite sozialistische Ruinenlandschaft stampfende Moskauer Schriftsteller, der an einer Schreibblockade leidet. Kränkelt die Gesellschaft, ist auch der Künstler in der Krise, wie sollte es anders sein?
Der seltsamste Kurzfilm, dazu einer der packendsten der „Orrizonti“-Reihe, stammt von Yves Netzhammer. Sein Nachtstück „Dialogischer Abrieb“ erzählt keine Story, sondern verkettet künstliche Konstellationen miteinander. Ein computergeneriertes Update von Bunuel/Dalis „Andalusischem Hund“, in dem statt einem Auge eine Zunge zerschnitten wird. Immer wieder kehren die zeitlupenhaft ineinander gleitenden Szenen zur Unfallsituation zweier ineinander rasender Autos zurück. Inventar und Figuren sind rudimentär: Fahrzeuge, Tische, Stühle, Papierbögen, Pferde und gesichts- wie geschlechtslose Gliederpuppen taumeln, schlittschuhfahren und vögeln sich durch den Cyberspace, begleitet von Bernd Schurers hypnotischer Musik. Da kann einem Venedig, dieser unmögliche Ort im Meer, schon wieder bodenständig real vorkommen.
Das 68. Filmfestival von Venedig läuft noch bis zum 10. September. Der Beitrag des Videokünstlers Steve McQueen wird hier besprochen. Der Beitrag von James Franco hier