Kaum über einen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts wurde so viel geschrieben – und doch bleibt so vieles unklar wie bei Kasimir Malewitsch (1879-1935). Der Begründer des Suprematismus, wie er seine Kunst "vom Nullpunkt aus" taufte, war eine zentrale Figur der Kunst im revolutionären Russland und der frühen Sowjetunion. Er war enorm aktiv, als Maler, Theoretiker, Lehrer, als Mittelpunkt einer eingeschworenen Gemeinde. Doch wie viel er gemalt hat, wie viel davon erhalten blieb und wo sich einzelne Arbeiten befinden, ist bis heute nicht vollständig geklärt.
So verwundert nicht, dass wieder einmal Gemälde aufgetaucht sind, von denen die Fachwelt bislang keine Kenntnis hatte. Diesmal in Rumänien – was wohl mit der Herkunft des Künstlers aus der benachbarten Ukraine zusammenhängt. Nun sind in Bukarest in einer Ausstellung des Nationalmuseums für Zeitgenössische Kunst (MNAC) drei Gemälde zu sehen, als deren Urheber Malewitsch angegeben wird: "Kubo-Futuristische Komposition" um 1912/13, "Suprematistische Komposition in Farbe" um 1915 sowie "Linearer Suprematismus" um 1916. Ihr Eigentümer ist der in Bukarest tätige israelische Geschäftsmann Yaniv Cohen, der sie als Leihgaben für eine Ausstellung unter dem Titel "Kasimir Malewitsch: Die Geschichte überdauern" zur Verfügung gestellt hat.
Unklare Provenienz
Konstantin Akinsha, der wie Malewitsch in Kiew, heute Kyiv, gebürtige Kunsthistoriker und Kunst-Detektiv, hat nun in einem Beitrag für das Online-Magazin "e-flux" die Autorschaft Malewitschs in Zweifel gezogen. Akinsha hat die Bilder selbst nicht gesehen. Er führt aber an, dass das Museum "unvollständige und unüberprüfbare Provenienzen" angegeben habe und es "an jeglichen Dokumenten aus der Lebenszeit des Künstlers" mangele, die die Echtheit der drei Gemälde stützen könnten.
Dies sind weniger Vorwürfe als Bedenken, die allen seriösen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern kommen. Um so mehr im Falle Malewitsch, wo es um sehr viel Geld geht: Denn authentische Werke aus der Hochphase des Suprematismus zwischen 1912 und 1922 bringen auf dem Markt mittlerweile hohe zweistellige Millionenbeträge ein. Der gegenwärtige Auktionsrekord für Malewitsch liegt bei 86 Millionen Dollar für eine "Suprematistische Komposition" aus dem Jahr 1916, erzielt vor sieben Jahren bei Christie's in New York.
Kein Wunder also, dass Yaniv Cohen jetzt mit juristischen Schritten droht. Dem Magazin "ArtNews" zufolge verlangt er in einem Schreiben an "e-flux", den Artikel Akinshas zu entfernen und sich für den "Rufschaden" und "erlittenen Ärger" zu entschuldigen. Der Brief ging über eine Anwaltskanzlei in Tel Aviv und machte deutlich, dass Cohen im Falle einer Weigerung von "e-flux" und Akinsha auf Schadenersatz für den möglicherweise eingetretenen Vermögensschaden klagen werde. In der Tat ist ein Malewitsch-Gemälde ohne gesicherte Autorschaft kaum mehr auf dem Auktionsmarkt veräußerlich.
Kunst unterm Bett
Cohen bot unterdessen eine eigene Version für die Provenienz der Bilder an. Demnach habe er die Bilder von seiner 95-jährigen Großmutter geerbt, die sie ihrerseits von ihrem aus der Ukraine stammenden jüdischen Vater erhalten habe. Der habe die Bilder 1929 und 1930 von heute nicht mehr bekannten Verkäufern erworben.
Die Großmutter habe die Bilder 1990 bei ihrer Auswanderung aus Russland nach Israel mitgebracht und "unter ihrem Bett" aufbewahrt, bis sie im vergangenen Jahr von dem ukrainischen Kunsthistoriker Dmytro Horbatschow in Augenschein genommen und für echt erklärt wurden. Horbatschow habe den Wert der Bilder auf 130 bis 160 Millionen Dollar beziffert. Viel Geld – oder eine Luftnummer, wenn die Bilder von anderer Hand stammen. Horbatschow ist bislang jedenfalls nicht international als Malewitsch-Experte hervorgetreten.
Das macht dann doch hellhörig, denn bedeutende Kenner der sowjetischen Avantgarde haben sich mit Malewitsch befasst, allen voran der 2022 verstorbene, in Paris ansässige Exil-Bulgare Andréi Nakov, der das gültige, vierbändige Werkverzeichnis Malewitschs erarbeitet – und nebenbei die Herkunft des Künstlers geklärt hat. Der stammt aus einer polnischen Familie mit Namen "Malewicz" und wurde zwar in Kyiv geboren, ist aber mitnichten ukrainischer Herkunft, wie neuerdings gegen die frühere, ebenso falsche Einordnung als "russisch" behauptet wird.
Malewitsch im Westen
Die Echtheit vieler in den vergangenen Jahrzehnten auf Ausstellungen präsentierter Gemälde ist umstritten. In der Regel mangelt es an vollständigen Provenienzen – kein Wunder angesichts der Verfemung, der der Suprematismus in der Stalinzeit anheimfiel. Zuletzt konnte Malewitsch 1932 in Leningrad ausstellen; bereits schwer krank, verstarb er 1935 an Krebs. Für besagte Ausstellung zum 15. Jahrestag der Oktoberrevolution malte er mehrere Bilder neu, deren Originale er 1927 in Berlin bei seiner letzte – und einzigen von ihm selbst besuchten – Ausstellung im Westen gezeigt und bei seiner überstürzten Rückkehr nach Moskau dagelassen hatte.
Abgesehen von russischem Museumsbesitz aus den 1920er-Jahren sind allein diese Bilder, ursprünglich 55 an der Zahl, völlig zweifelsfrei, weil der Künstler sie selbst mitgebracht hatte. Sie befinden sich überwiegend durch Ankauf 1958 im Stedelijk Museum Amsterdam, weitere gelangten ins Museum of Modern Art nach New York, manche gingen schon in Berlin verloren.
Seit der Lockerung der sowjetischen Verhältnisse in den 1960er-Jahren kamen zahlreiche Bilder auf verschwiegenen und, vorsichtig ausgedrückt, unorthodoxen Wegen in den Westen. Davon hat nicht zuletzt Peter Ludwig beim Aufbau seiner riesigen, rund 600 Arbeiten umfassenden Sammlung russisch-sowjetischer Avantgardekunst gezehrt.
Das Kölner Museum Ludwig hat, lange nach des Stifters Tod, diese Sammlung kritisch gesichtet und bei einigen Arbeiten die Autorschaft Malewitschs streichen müssen. Die Kölner Galerie, die Ludwig belieferte, war von ihren sowjetischen Quellen bisweilen selbst mit zweifelhafter Ware versorgt worden.
Anlass zur Skepsis
Dabei ist durchaus nicht oder nicht nur Fälschung im Spiel – auch wenn suprematistische Gemälde vergleichsweise leicht nachzuahmen sind. Malewitschs Schüler, vor allem in Wizebsk zwischen 1919 und 1922, malten so wie der Meister, und nur Kennern ist es möglich, die einzelnen Autoren zu identifizieren; wenn überhaupt.
Noch schwieriger gestaltet es sich bei den Zeichnungen – Malewitsch zeichnete bevorzugt mit Bleistift auf kleine Notizblätter, was keinem geübten Fälscher Schwierigkeiten bereitet. Entsprechende Kontroversen gab es denn auch anlässlich der Ausstellung von Malewitsch-Zeichnungen, die das Guggenheim Museum 2003 in Berlin und anschließend New York veranstaltete.
So sind auf allen größeren Malewitsch-Ausstellungen, ob in Amsterdam oder Paris, Werke in Zweifel gezogen worden. Manche Kompositionen hat der Künstler selbst wiederholt und gelegentlich abgewandelt; Schüler haben sie aufgegriffen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die jetzt in Bukarest vorgestellten Arbeiten authentisch sind – nicht minder denkbar aber, dass es sich um Arbeiten von fremder Hand handelt.
Dass der Urgroßvaters des jetzigen Besitzers sie über die Jahre des stalinistischen Terrors um 1936 hinweg bei sich aufbewahrt haben will, als schon die bloße Nennung des verfemten Namens in den Gulag führte, ist jedenfalls Anlass zu Skepsis.
Mangelnde Expertise
"ArtNews" berichtete unterdessen, dass das Bukarester Museum seit dem 3. Juli auf seiner Website auf vorsichtige Distanz gegangen ist und die eigene Ausstellung als "kuratorisches Experiment" bezeichnet. Die Einbeziehung der fraglichen Gemälde dürfe "nicht als institutionelle Bestätigung ihrer Autorschaft oder Authentizität interpretiert" werden. Das Museum wolle "klarstellen, dass es nicht die nötige Expertise besitze, die betreffenden Werke zu authentifizieren".
Yaniv Cohen, darauf von "ArtNews" angesprochen, bezeichnete diese Erklärung als "übliche Vorsichtsmaßnahme". Er selbst werde in naher Zukunft Dokumente beibringen, die die drei Werke als echt auswiesen. Er habe ohnedies nicht vor, die Bilder zu verkaufen: "Ich möchte sie lediglich in der ganzen Welt ausstellen, in Erfüllung des Wunsches meiner Großmutter". Man darf gespannt sein, ob die Bilder nach Bukarest nochmals auftauchen.