Haus der Kunst

Wege des Imperiums: Ed Ruscha in München

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Seine Liebe zu Buchstaben geht über die eines Typografen hinaus. Aber das offenbart sich dem Besucher erst Schritt für Schritt – in der Retrospektive des großen amerikanischen Künstlers Ed Ruscha im Haus der Kunst in München, die sich ganz auf seine Malerei konzentriert. Seine Fotografie, seine Bücher, seine Filme, für die er ebenfalls Weltruhm erlangte, müssen hier außen vor bleiben.

Anfangs, da sind die in Öl gemalten Schriftbilder. Ruscha wählt sie, weil ihm ihre Gestalt gefällt, wie etwa „Annie“ aus dem Jahr 1962, ein Schriftzug aus einem Comic seiner Kindheit. Später traktiert er einzelne Letter mit Klemmen, etwa bei „Securing the Last Letter“ (1964). Er beginnt, die Buchstaben von der Leinwand zu lösen. Er hievt sie auf eine unsichtbare, abstrakte Ebene. Schrift wird ein Tor zu Ideenwelten.
 
Das Kryptische und Geheimnisvolle steht der Pop-Art gegenüber, den Tankstellen, den Kaugummis, dem Kino und dem langgestreckten Horizont der kalifornischen Landschaft. Ganze Sätze schweben jetzt über Wolken, über der nächtlichen Lichterstadt Los Angeles – jenem Ort, dem er treu geblieben ist, seit er mit 18 Jahren aus dem Mittleren Westen Amerikas aufbrach, um Grafiker zu werden. „Wen Out For Cigrets N Never Came Back“ oder „Japan is America“ sind Sätze, die er aufgeschnappt hat, geträumt, gelesen, für interessant befunden. Es sind Ready-mades, inzwischen immer häufiger in „Boy Scout Utility Modern“ gesetzt, seiner eigenen Schrifttype.

In den 80er-Jahren greift Ruscha zur Spritzpistole. Er lässt aus der Zeit gefallene Motive des frühen Entdecker-Amerikas im schwarzen Dunst verschwinden: Einen heulenden Wolf, eine Kirche, beleuchtete Häuschen, Wagentrails. Die Schriftzüge sind verschwunden – und auch wieder nicht: Weiße oder schwarze Balken markieren ihre Abwesenheit. Diese sogenannten Silhouetten-Bilder hängen im größten, zentralen Saal und machen so die Zäsur in Ruschas Arbeit räumlich erfahrbar.
 
Die rund 75 Bilder umfassende Ausstellung kommt aus der Hayward Gallery in London. Kurator Ulrich Wilmes hat sie mit deren Direktor Ralph Rugoff an die Münchner Räume angepasst. Es ist die große Leistung der Retrospektive, nicht nur chronologisch durch ein halbes Jahrhundert Künstlerleben zu führen. Äußerst elegant wandert der Besucher von einer Themeninsel zur nächsten. Ed Ruschas Entwicklungsschritte sind sehr leise. Die Ausstellung macht sie hörbar. Das Staunen des Malers über Wörter, über ihre semiotische Bedeutung und ihre formale Gestalt – man bekommt eine Ahnung davon.

Wie die Quintessenz von Ruschas Sprachkritik lässt sich da jene Serie lesen, die der Künstler 2005 für die 51. Biennale in Venedig schuf. Unter dem Titel "Course of Empire" hat er Bilder gegenüber gestellt, die in einem Abstand von zehn Jahren entstanden sind: Sie zeigen eintönige Industriegebäude, deren einziges Erkennungsmerkmal ihr weithin sichtbares Firmenlabel ist. Zehn Jahre später sehen die Bauten immer noch gleich aus, außer dass inzwischen ein anderer Schriftzug auf der Wand prangt. Aus dem Unternehmen „Tech-Chem“ ist „Fat Boy“ geworden. Die Buchstaben machen den Lauf der Zeit sichtbar. Und gleichzeitig füllen sie die Schuhschachtel-Architektur mit neuem Inhalt.
 
Bis 2. Mai, Haus der Kunst, München, www.hausderkunst.de
Lesen Sie das große Interview mit Ed Ruscha in der Februar-Ausgabe von Monopol
 
 

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