Die eine oder andere Fotografie ist in allen Handbüchern zur Kunst des 20. Jahrhunderts abgebildet, ihr Autor wird als einer der zahlreichen Foto-Avantgardisten vermerkt: Edmund Kesting. Doch damit hat es sein Bewenden. Dass hinter dem halb geläufigen Namen eine der erstaunlichsten Künstlerlaufbahnen und ein enormes Lebenswerk stecken, war bislang unbekannt. Aber dieser weiße Fleck wird gerade getilgt, oder besser gesagt: Er wird so farbig angefüllt, wie es das Werk Kestings tatsächlich ist.
Kesting wurde 1892 in Dresden geboren und verbrachte einen Gutteil seines Lebens in der Elb-Metropole. Bis zur Nazi-Zeit zehrte Dresden von seinem Ruf als Kunststadt, mit einer berühmten und gern besuchten Akademie, mit Ausstellungsmöglichkeiten und potenten Sammlern. In dieser Atmosphäre wuchs Kesting auf, sein Studium an der Akademie vom Ersten Weltkrieg unterbrochen. Aus dem kehrte er ähnlich desillusioniert zurück wie alle seine Zeitgenossen. Bald schuf er Neues, Eigenes, nicht im Verbund wie etwa die Künstler der "Novembergruppe", sondern nach eigenen Ideen. Diese erstaunlichen Arbeiten der frühen 1920er-Jahre füllen einen der Räume der Ausstellung, die das Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale jetzt eingerichtet hat – nicht in Dresden also, wo Kesting biografisch hingehört, sondern an einem anderen, heute eher weniger geläufigen Brennpunkt der Moderne in Deutschland.
Das Kunstmuseum in Halle war eines der ersten Häuser, in denen die Kunst der Avantgarde gesammelt wurde; unter anderen der Konstruktivisten um den zeitweiligen Gast aus Russland, El Lissitzky. Kesting schuf einen eigenen Konstruktivismus, denn er begann, statt Bilder zu malen sie zu bauen, aus Papier, Pappe und Hölzchen, die er reliefartig auf den Bildträger setzte. "Bildbauwerke" nannte er diese Kompositionen, die man heute unter Begriffen wie Montage und Assemblage einsortieren würde.
Kesting liebte es bunt
Sie sind die großen Überraschungen dieser ungemein dicht gehängten und farblich geradezu überwältigenden Ausstellung. Denn Kesting liebte es bunt. Mit den zumal am gleichzeitigen Bauhaus geheiligten Grundfarben Rot, Gelb und Blau hielt er sich nicht lange auf, vielmehr experimentierte er mit allen Farben, die es gab und die ihm zur Verfügung standen. Kesting wird in der Ausstellung, seiner ersten Retrospektive überhaupt, als Experimentator vorgestellt, als einer, der sich nie lange mit dem zufrieden gab, was er einmal geschaffen hatte, sondern sogleich weiterging, auch um den Preis von Widersprüchen oder gar Rückschritten.
Hätte er sich nur an seine "Bildbauwerke" gehalten und sie in genügend großer Zahl zusammengebastelt, so dass sie heute in mehreren Museumssammlungen zu finden wären! Dass sie es nicht sind, hat erheblich dazu beigetragen, Kestings Leistungen der Zwischenkriegszeit in Vergessenheit geraten zu lassen. Die jetzige Ausstellung, der eine enorme Forschungsarbeit vorangegangen sein muss, haben die Kuratoren Thomas Bauer-Friedrich, der Direktor des Hallenser Museums, und Paul Kaiser im Wesentlichen aus Privatbesitz zusammengestellt; die Leihgeber der 227 gezeigten Arbeiten sind auf den Schildchen im Museum nicht angegeben. Etliches dürfte in Familienbesitz geblieben sein.
Dicht an dicht hängen die meist kleinformatigen Bilder in Halle, als ob es auf das einzelne Werk nicht ankäme, sondern eher auf den Gesamteindruck einer wahren Farbsymphonie. Die fotografischen Exerzitien der späten 1920er-Jahre gehen darin beinahe unter, sie sind im strengen Schwarz-Weiß der damaligen Zeit gehalten und arbeiten oft mit Doppel- und sogar Dreifachbelichtungen oder auch Solarisationen. Nie war Kesting das Material genug, so wie es war, stets musste er etwas Neues, darüber Hinausgehendes mit ihm erproben. In der Fotografie war Kesting ebenfalls Avantgarde, aber kein Einzelgänger, sondern einer aus einem nun schon breiten Strom von Neuerern.
Als wäre die Zeit über ihn hinweggegangen
Die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 war für ihn, der in seiner Heimatstadt jede Straße und jedes Haus kannte, ein Schock, den er mit melancholisch gestimmten Fotografien der Ruinen zu besänftigen suchte. Bald aber war er wieder vorneweg und arbeitete an der "Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung" mit, der letzten im Osten noch weithin unzensierten Ausstellung, mit der Dresden 1946 an seine Tradition als Kunststadt anknüpfen sollte. Es kam anders; die alsbald einsetzenden, rigiden "Formalismus"-Vorwürfe der SED-Kulturfunktionäre führten auch bei Kesting zur Entlassung aus einer kurz zuvor erst zugesprochenen Professur. Immerhin fand er danach Anstellung an der Hochschule in Berlin-Weißensee, bezeichnenderweise für die eher als Gebrauchskunst verstandene Fotografie. In Weißensee herrschte zumindest ein paar Jahr noch ein liberalerer Geist, ehe Kesting 1953 auch dort gefeuert wurde.
Da hatte er nämlich bereits wieder ungegenständlich gemalt und damit gegen den verordneten "Sozialistischen Realismus" verstoßen. Dass seine Malerei nun eher gestisch-bewegt wurde und sich dem "Informel" des Westens annäherte, machte ihn zusätzlich suspekt. Dieses Spätwerk Kestings ist nun vollends unbekannt geblieben, und was in Halle in einem weiteren, dicht gefüllten Raum zu besichtigen ist, kann sich ohne Weiteres mit der internationalen Avantgarde der 1950er-Jahre messen. Aber keiner hat es damals ausgestellt, ausstellen können. Kesting malte für sich, daneben im Brotberuf zuletzt nochmals Lehrbeauftragter, diesmal an der Filmhochschule Babelsberg. 1970 ist er gestorben, nicht mehr von der SED drangsaliert, aber auch schon lange nicht mehr beachtet, als wäre die Zeit über ihn hinweggegangen.
"Heute erscheint uns sein Werk als ein außergewöhnliches Zeugnis künstlerischer Freiheit und radikaler Erneuerung", schreiben die beiden Kuratoren, als ob sie ihre Ausstellung rechtfertigen müssten. Rechtfertigen muss sich eher "die" Kunstgeschichtsschreibung dafür, dass sie an Kesting bis heute vorbeigesehen hat. Es ist erstaunlich genug, dass es immer noch etwas zu entdecken gibt, aber die Wiederentdeckung von Edmund Kesting ist unter denjenigen zur Kunst des 20. Jahrhunderts eine von ganz großem Kaliber.