James Bennings "Eight Bridges" auf der Berlinale

Über acht Brücken musst du sehen

Mit seinem Berlinale-Film "Eight Bridges" knüpft der US-amerikanische Filmemacher James Benning an jene streng komponierten Langzeitbeobachtungen an, mit denen er das Kino seit Jahrzehnten radikal entschleunigt

Das Konzept des Films ist schnell beschrieben: Acht jeweils zehnminütige Einstellungen von Brücken in den USA, getrennt durch kurze Momente der Dunkelheit. In "Eight Bridges", dem jetzt auf der Berlinale vorgestellten jüngsten Werk des US-amerikanischen Experimentalfilmers James Benning, entwickelt sich diese strenge formale Setzung zu einer Studie über Wahrnehmung, Zeit und Geschichte – und darüber, was Landschaften preisgeben, wenn man ihnen lange genug Aufmerksamkeit schenkt.

Der 83-jährige Benning räumt dem Zufälligen einen zentralen Platz ein. Tageszeiten, Routen und Wetterlagen werden im Vorfeld festgelegt, doch vor Ort entscheidet oft das Ungeplante. "In der Regel weiß ich schon vor der Ankunft, was ich filmen will und wann ich es bekommen kann. Aber das Zufällige spielt eine größere Rolle, als man vielleicht denkt", sagt Benning in einem Interview. Hubschrauber, vorbeiziehende Schiffe, ferne Züge oder unerwartete Wolkenformationen werden so zu Bestandteilen der Kartierung, die zunächst starr und unbeweglich erscheint.

Der Avantgarde-Filmemacher ist  bekannt für streng komponierte, meist statische Langzeiteinstellungen ohne Kommentar oder klassischen Schnitt: In Zyklen wie "13 Lakes" oder "Ten Skies" behandelt sein Konzept des "Looking and Listening" Landschaft als Zeitphänomen. Die Auswahl der "Eight Bridges" folgt sowohl persönlichen als auch politischen Linien. Es gibt monumentale und filigran, berühmte (Golden Gate Bridge!) und weniger berühmte Brücken in dem Film, Stahlbogenbrücken, Kastenträgerbrücke, Hängebrücken, Fachwerkbrücken. Einige Orte sind biografisch aufgeladen, andere historisch hochgradig kontaminiert, etwa die Edmund Pettus Bridge in Selma, einem Ort, an dem sich Infrastruktur und Bürgerrechtsgeschichte untrennbar überlagern.

Minimale Veränderungen von Licht, Klang und Bewegung

Dass "Eight Bridges" über Architektur hinausweist, machte Benning auch im Kontext der Berlinale-Premiere klar: "Es scheint die Zeit zu sein, über Brücken nachzudenken", heißt es im Programmheft. Gemeint sind damit nicht nur physische Übergänge, sondern auch politische und kulturelle Verbindungen – oder deren brüchiger Zustand. Während dieser 80 Minuten im Kino kann man über Donald Trumps USA nachdenken, über die Floskel von dem "zutiefst gespaltenen Land", die bei aller Phrasenhaftigkeit doch wahr zu sein scheint, über den wirklichen oder nur vermeintlichen Untergang der Schwerindustrie und der MAGA-Bewegung, die sich in die Zeit der großen Ingenieursdenkmäler und Industriekathedralen zurücksehnt.

Oder man lässt sich einfach fallen in die Kontemplation. "Eight Bridges" nach der Berliner Premiere beim MoMA-Festival Doc Fortnight in New York zu sehen ist kein Film für den schnellen Blick. Er verweigert narrative Abkürzungen und verlangt Geduld. Wer sich jedoch auf die Dauer einlässt, erlebt ein Kino der feinen Verschiebungen: minimale Veränderungen von Licht, Klang und Bewegung, die erst über Zeit Bedeutung gewinnen. Und obwohl der Blick auf Zeugnisse der Zivilisation fällt, entsteht allmählich eine tiefe Ruhe in den Bildern, die an eine Zeit vor der Kolonialisierung Amerikas, ja, vor der menschlichen Besiedelung des Kontinents denken lässt.