Wanderausstellung startet in München

Ein antifaschistischer Weckruf

Wie reagiert Kunst auf neue faschistische Dynamiken? Die Wanderausstellung "Antifascism: Now" versammelt künstlerische Recherchen, aktualisierte Widerstandssymbole und digitale Interventionen – und startet ausgerechnet in München

"Man (37) from Sarajevo, seeks a person to discuss antifascism with". Wer dieser Tage durch München-Haidhausen kommt, dürfte über die überdimensionierte Zeitungsanzeige im Schaufenster des Kunstraums Lothringer 13 staunen. Sogar eine Telefonnummer ist angegeben. 

Dieses freundliche Gesprächsangebot des Künstlers Bojan Stojčić – gleichsam der Türöffner für das europaweite Ausstellungsprojekt "Antifascism: Now", das Ende Januar in der städtischen Kunsthalle eröffnete – widerspricht dem gängigen Klischee:

Denn mit dem Reizwort "Antifa" verbindet die breite Öffentlichkeit noch immer schwarze Kleidung, wehende Fahnen und vermummte Gesichter. Das Feindbild eines unversöhnlichen, tendenziell gewaltbereiten Blocks sitzt tief. Donald Trump wollte die Antifa gar als "Terrororganisation" verbieten lassen.

Dieses Zerrbild wird einer Bewegung ohne Zentrum und Politbüro nicht gerecht. Entstanden in den 1920er- und 1930er-Jahren als Reaktion auf den Faschismus Mussolinis und Hitlers, entwickelte sich die Antifa seit der Studierendenrevolte in Westdeutschland mit Hausbesetzungen, Anti-NPD- oder Anti-AKW-Demonstrationen weiter.

Der Verfassungsschutz dankt der Antifa

Mit unorthodoxen Recherchen und Aktionen gegen rechtsradikale Umtriebe erarbeitete sich die Antifa einen Ruf als demokratisches Frühwarnsystem und Seismograf. So würdigte das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2016 ausdrücklich antifaschistische Recherche- und Enttarnungserfolge und erkannte an, dass durch das "Outing" von Rechtsextremisten Straftaten vereitelt werden konnten. Mit Veranstaltungen wie "Rock gegen Rechts" leitete sie schließlich einen cultural turn ein.

In dieser Linie steht auch die "Antifascism"-Initiative der Lothringer 13. Das politische Projekt kommt zur richtigen Zeit. Weltweit erstarken rechtsextreme Bewegungen und Parteien, die lange als überwunden galten. Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment, über neue Formen der Analyse und Gegenwehr nachzudenken?

Installationsansicht "Antifascism: Now", Lothringer 13, München, 2026
Foto courtesy Lothringer 13

Installationsansicht "Antifascism: Now", links: Ismet Mujezinović “Juriš” (Charge), 1947, Lothringer 13, München, 2026

Künstler und Kurator Kalas Liebfried, seit April 2025 Leiter der städtischen Kunsthalle Lothringer 13 und Initiator des Projekts, will keinen "schwarzen Block" der Kunst bilden, sondern neue Ansätze zur Diskussion stellen. Wenn er das Ausstellungsprojekt damit begründet, Antifaschismus müsse "nicht links kodiert sein", sondern gehöre als "demokratischer Imperativ in die absolute Mitte der Gesellschaft", klingt das, als wolle er sich von der links verorteten Antifa distanzieren. Doch die 18 Installationen, Videos und Performances der rund 50 Künstlerinnen und Künstler entfalten ein breites Spektrum kritischer Positionen. Weder die autonome noch die Traditions-Antifa wird hier gebasht.

Antifa ist nicht gleich Antifa

Für die klassische Idee des Antifaschismus steht ein monumentales Ölgemälde des Künstlers Ismet Mujezinović aus dem Jahr 1947. In der Ästhetik des sozialistischen Realismus zeigt die Leihgabe aus dem Kunstmuseum Zagreb bosnisch-herzegowinische Partisanen im Kampf gegen Nazi-Soldaten – eine Komposition, die an Eugène Delacroix’ ikonisches Revolutionsbild "Die Freiheit führt das Volk" von 1830 erinnert.

Für die heutige Recherche-Antifa steht das Video "The Murder of Pavlos Fyssas" von Forensic Architecture. Die Arbeit rekonstruiert die Ermordung des antifaschistischen Rappers in Athen im Februar 2013 digital und spielte eine Rolle im Prozess, der 2020 zum Verbot der neofaschistischen Bewegung "Golden Dawn" in Griechenland führte.

Forensic Architecture "The Murder of Pavlos Fyssas", 2018
courtesy Forensic Architecture

Forensic Architecture "The Murder of Pavlos Fyssas", 2018

Wirklich zeitgemäß wirken die Fahnen des polnischen Kollektivs Office for Postartistic Services. Sie aktualisieren das historische Emblem der 1923 in der Weimarer Republik gegründeten "Eisernen Front" mit seinen ikonischen drei Pfeilen. Eine Version kombiniert das Zeichen mit queeren Symbolen. Auf einer anderen Fahne durchbohren die drei Pfeile ein rotes Herz, gerahmt von den Begriffen Empathie, Solidarität und Care.

Neue Formen des Faschismus fordern neue Gegenformen

Die Schnittstelle zum künstlerisch inspirierten Aktivismus bilden die Arbeiten der von !Mediengruppe Bitnik gegründeten Stiftung "Error 417 Expectation Failed*". Deren Online-Schau "13 Partituren gegen Tech Fascism" richtet den Blick auf eine neue Spielart des Faschismus im digitalen Raum. Die Arbeiten reichen von geleakten Interviewprotokollen zu den Führungsprinzipien großer Tech-Firmen über mit Sprachdateien umfunktionierte Protest-Tennisbälle bis hin zu Trojanern, die linke Theorietexte in die digitalen Werke rechtsradikaler Autoren einschleusen.

"Antifascism: Now", Installatinsansicht, Lothringer 13, München, 2026
Foto: Christian Kain

Alexander Scharf, Krzysztof Bielecki, Magdalena Frankowska, Jakub Jezierski, Zofia Kofta, Kaja Kusztra, Miłosz Lindner, Krzysztof Pyda, Anna Siekierska and Małgorzata Gurowska, "The Three Arrows [Trirzy Strzaly]", 2019/2026–fortlaufend, Lothringer 13, München, 2026

Der unmittelbar nach der Eröffnung vom rechtspopulistischen Nachrichtenportal "Nius" erhobene Vorwurf, die Schau propagiere mit Steuergeldern "als Kunst getarnte" Sabotage – mit Verweis auf die digitalen Störaktionen der Stiftung "Error 417 Expectation Failed*" –, läuft freilich ins Leere. Von Anfang an war "Antifascism: Now" als Kunst- und Rechercheprojekt konzipiert. Gewalt wird nirgends propagiert. Vom Münchner Museum Brandhorst über die Stiftung Kunstfonds bis zur Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) genießt das Projekt breite Unterstützung.

Sein antifaschistischer Impuls zeigt sich nicht nur in den ästhetischen Positionen, sondern auch in der Bottom-up-Struktur des Projekts. Bei den 14 geplanten Stationen – von Pristina im Herbst dieses Jahres über Istanbul bis nach Aachen 2028 – tourt keine fertige Wechselausstellung durch Europa, die mit einem festen Antifa-Kanon belehren will. Stattdessen entwickelt sich die von den Goethe-Instituten in Südosteuropa unterstützte Schau prozessual weiter und wird an jedem Standort neu zusammengestellt. So entsteht Schritt für Schritt ein dezentrales europäisches Netzwerk.

München zwischen Faschismus und Antifaschismus

Dass die Ausstellung in München beginnt, ist kein Zufall. Die Nationalsozialisten stilisierten die Stadt zur "Hauptstadt der Bewegung". 1939 verübte Georg Elser im Bürgerbräukeller sein Attentat auf Hitler. In München kreuzen sich die historischen Linien von Faschismus und Antifaschismus.

Als geistiger Schirmherr des Projekts fungiert der italienische Philosoph Alberto Toscano. In seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch "Spätfaschismus" entwickelt er die Idee eines "präventiven Antifaschismus", die auch das Symposium prägte. Toscano will das defensive Moment der Antifa – etwa bei Blockaden von Neonazi-Aufmärschen – um eine Analyse des "sozialen Untergrunds von Gewalt und Ressentiment" erweitern.

Mehr auf die Kunst gemünzt war Damian Lentinis "Call for Realism". Der stellvertretende Direktor des Ludwig Forum Aachen versteht Ästhetik als Mittel, "Mikrofaschismen" im Alltag sichtbar zu machen – jenes Verlangen nach Kontrolle, das in jedem Einzelnen schlummert. Über die Referenz auf Christoph Schlingensiefs "Ausländer raus!"-Container während der Wiener Festwochen 2000 ist dieser Ansatz bislang jedoch kaum hinausgekommen.

"Antifascism: Now", Ausstellungsansicht, Lothringer 13, München, 2026
Foto: Christian Kain

"Antifascism: Now", Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Nikita Kadan und Patrik Thomas, Lothringer 13, München, 2026

In der gegenwärtigen Lage ist man schon froh über jene Minima Moralia, die der Kunst noch gelingen. Für Kurator Sebastian Cichoki zeigte sich ein solches Minimum 2022, als das Museum of Modern Art in Warschau seine Türen für Geflüchtete vor Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine öffnete, Schutz und kulturelle Anbindung bot – als Versuch, "the pain of the others" zumindest zu lindern.

Auch wenn es der Auftaktausstellung samt Symposium nicht vollständig gelang, jene "positiven Visionen offener, widerstandsfähiger und solidarischer Gesellschaften zu etablieren – jetzt, bevor Faschismus zum Status quo wird", die Kurator Liebfried beschwor, zeigt das Projekt doch, dass die entscheidenden künstlerischen Impulse zu den drängenden Fragen der Gegenwart nicht aus großen Institutionen, sondern aus experimentellen Räumen kommen.

Vorerst wird die antifaschistische (Kunst-)Szene in dem Dilemma laborieren müssen, faschistische Dystopien abzuwehren und zugleich Umrisse einer antifaschistischen Utopie zu skizzieren. Die dafür nötige Tugend versucht die Utrechter Basis voor actuele Kunst (BAK) in der 2013 gemeinsam mit dem aktivistisch arbeitenden Künstler Jonas Staal gegründeten "New World Academy" zu trainieren. "Learning what does not yet exist", nannte es BAK-Direktorin Maria Hlavajova.