Kuratorin Macel über Franz West

"Ein Dandy und ein Freak"

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Rund 200 Werke umfasst die bislang größte Retrospektive zum Werk von Franz West, die jetzt im Centre Pompidou in Paris eröffnet. Chefkuratorin Christine Macel erklärt, was den verstorbenen österreichischen Künstler so besonders machtQuietschbunt lackierte und in öffentlichen Parks verteilte Würste, Möbelskulpturen oder wie von Kinderhand geformte Klumpen – Frau Macel, was für ein Typ Mensch steckt hinter dem eigenwilligen Werk des Franz West?
Ich habe Franz West in den 90er-Jahren in Paris kennengelernt, als er in der Galerie Hussenot riesige, farbige Skulpturen ausstellte. Seine Kunst, und vor allem seine Einstellung zur Kunst waren sehr besonders, ich spürte darin immer eine Verbindung zu dem kalifornischen Künstler Mike Kelley. Ich erinnere mich besonders an Franz Wests blaue Augen, die alles aufsaugten und beobachteten. Und an die Art, wie er mit anderen umging, er hatte gerne Menschen um sich. Er sah gleichzeitig wie ein Dandy und wie ein Freak aus; fraglos ein komplexer Charakter.

Das Soziale spielte ja auch in seiner Kunst eine große Rolle.
Definitiv. West war kein politischer Künstler, aber sein gesamtes Werk dreht sich um den Gedanken, dass Kunst etwas sein sollte, mit dem man buchstäblich Umgang haben kann. Denken Sie nur an seine großen Installationen aus den 90er-Jahren, in denen das Publikum eingeladen war, sich zu setzen, zu trinken, zu lesen … Wests Originalität gründet darin, dass er das Skulpturale neu definiert hat in Bezug zum Körper, zur Sprache, zum Betrachter.

Ein bekanntes Beispiel ist die für die Documenta 9 im Jahr 1992 entworfene Installation "Auditorium", auf der jetzt Ihr Pariser Publikum fläzen darf.
Das Werk wurde für das Freiluftkino der Documenta 9 entworfen, es besteht aus 72 Diwanen und orientalischen Teppichen. Man kann einfach darauf sitzen und entspannen, aber ich entschied mich für ein Begleitprogramm: Musikkonzerte von Wests Freunden wie Franz Koglmann oder Freddie Jellinek und Talks mit Künstlern und Kuratoren wie Kasper König, der zusammen mit Harald Szeemann zu Wests frühesten Unterstützern zählt.

Wests Diwane spielen auf Sigmund Freuds berühmte Couch an. Verstand er Kunst als psychoanalytische Sitzung?
Ja und Nein. Er hatte Freud gelesen, aber er war nicht wirklich überzeugt von dem Gedanken, dass Sex die zentrale Ursache all unserer Probleme sei. Er verstand Kunst nicht als Prozess der Selbst-Analyse, aber man kann seine Kunst aus einer psychoanalytischen Perspektive betrachten: Kunst als Übergangsobjekt im Sinne von D.W Winnicott. Vergessen wir nicht, dass wir von einem Künstler sprechen, dessen echter Name Franz Zokan lautete, der sich aber für den Namen seiner Mutter Emilie West entschied.

Welche Rolle spielt Humor in seinem Werk?
Eine große, genau wie Ironie. Seine Zeichnungen aus den 70ern, in denen er sich über den Wiener Aktionismus lustig macht, sind zum Brüllen. Witzig sind auch die Titel seiner Arbeiten – nicht zuletzt jene in einem alten Besenstiel endende Skulptur mit dem Namen "Deutscher Humor". Zu meinen Lieblingsarbeiten zählen Wests "Lemurenköpfe" – das sind wir, die Menschheit, in der ganzen lustigen Bandbreite.

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