Kontroverse in Ungarn

Die neue Radikalität der Frida Kahlo

ANZEIGE

Eine ungarische Zeitung macht dem Nationalmuseum Vorwürfe, es würde auf Staatskosten kommunistische Propaganda betreiben – mit einer Frida-Kahlo-Ausstellung

Ein Gesinnungscheck im Museum ergibt Folgendes: Die Künstlerin Frida Kahlo war mit einem Kommunisten verheiratet und hatte möglicherweise eine Affäre mit einem weiteren Linken. Ihr Ehemann Diego Riviera war mit seiner Kunst zunächst der Moderne verpflichtet, dann, 1922, trat er der kommunistischen Partei Mexikos bei. Fortan arbeitete er an großen Wandbildern, um den Elitismus der Avantgarde hinter sich zu lassen. Damit wurde er zum Vorbild von Generationen kommunistischer Wandmaler in Lateinamerika. Als Leo Trotzki vor Stalins Verfolgung aus der Sowjetunion fliehen musste, nahm ihn das Ehepaar bei sich auf. Bis heute hält sich das Gerücht, dass Kahlo eine Affäre mit dem russischen Revolutionär gehabt haben soll. Für Kunsthistoriker ist diese Allianz von moderner Kunst und radikaler Politik natürlich nicht überraschend und wahrscheinlich auch gar kein Problem. In den frühen Jahren der Sowjetunion beispielsweise waren die politische und die künstlerische Avantgarde beinahe eins. 

In Ungarn sorgte allerdings eine große Kahlo-Ausstellung dafür, dass eine rechtsgerichtete Zeitung dem Nationalmuseum vorwirft, kommunistische Propaganda zu betreiben. "Sie werden es nicht glauben", heißt es dort, "Trotzki ist wieder in Budapest. Diesmal ist er aus Frida Kahlos Bett aufgestanden." Die Zeitung steht der Fidesz-Partei um den Ministerpräsidenten Viktor Orbán nahe. Die Partei ist mit Anti-Einwanderungspolitik an die Macht gekommen und hat in der Vergangenheit unter anderem damit von sich reden gemacht, dass sie das Musical "Billy Elliot" von den Spielplänen der Staatsoper nehmen ließen. Begründung: Das Stück sei homosexuelle Propaganda.

Über Jahrzehnte schien die Kunst Frida Kahlos verdammt zu einem Dasein auf Postkarten und Kühlschrankmagneten in Museumsshops. Zwar wurde sie auch benutzt für einen gut verkäuflichem Wohlfühlfeminismus – im Frühjahr ist eine Frida-Kahlo-Barbie auf den Markt gekommen, deren Verkauf mittlerweile gestoppt wurde. Trotzdem umweht die Künstlerin nun plötzlich wieder ein Hauch von Radikalität.

Drucken

Weitere Artikel aus Interpol