Geschichte der Hand in der Kunst

Ein Werkzeug für alle Fälle

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Traditionell war die Hand des Künstlers das Sinnbild seiner Genialität: Sie übertrug den Geist auf das Material. Mit Duchamp übernahm der Kopf die Regie. Doch heute darf der Körper wieder häufiger mitspielen – gerade weil unsere virtualisierte Welt nicht mehr fassbar ist. Eine kleine Kulturgeschichte der Hand in der Kunst von Sebastian Frenzel

Warhol natürlich. 1967 wurde der Pop-Art-Star von seinem Künstlerkollegen Robert Filliou zur Teilnahme an einem Projekt eingeladen, für das Filliou 24 Künstlerhände porträtierte. Andy Warhol sagte zu, stellte allerdings die Bedingung, dass die Fotoserie erstmals in den Schaufenstern von Tiffany in New York ausgestellt werden solle. Und so kam es.

Möglich, dass Warhol einfach nur einer alten Leidenschaft nachhing (er hatte einst als Grafiker für den Juwelier gearbeitet), die Paarung Hand/Schmuck treffend fand oder ein prominentes Forum für Fillious Arbeit suchte. Vielleicht schlug er aber auch ganz bewusst eine Volte: Die Kulturgeschichte überhöht die
Hand des Künstlers zum Sinnbild persönlichen Ausdrucks – Warhol degradierte sie zum Werbemotiv an einem Ort des Kommerzes. Von einem Menschen, der bekanntlich lieber eine Maschine sein wollte, kann man eine Feier der Individualität nur bedingt erwarten.

Genau um diese Individualität war es Filliou mit seiner "Hand Show" anfangs aber gegangen. "Es ist mir klar geworden", so erklärte der Fluxuskünstler in einem begleitenden Text, "dass der Schlüssel zur Kunst möglicherweise darin liegt, die Bedeutung jeder Linie und jedes Teils der Hand sowie ihrer Form zu verstehen." 

Sind Künstlerhände besonders?

Unterscheiden sich die Hände von Künstlern von jenen Normalsterblicher? Lassen sie Rückschlüsse auf das Werk zu? Filliou umschifft diese Fragen in seinem Text am Ende eher ironisch, aber natürlich verweist seine Arbeit auf eine alte Sehnsucht.

Kunst lebt, wie Fetische oder Religionen, von ihrer Unbegründbarkeit, und was jemanden zum Künstler macht, ist letztlich unerklärbar. Gerade weil das Wesen von Werk und Schöpfer aber nicht dingfest zu machen ist, klammern wir uns an Indizien: Wenn bereits sein Auftreten, die Kleidung, der Tagesrhythmus des Kreativen Rückschlüsse auf seinen Sonderstatus erlauben sollen, dann gilt das für die Hand erst recht. Denn sie ist die Schnittstelle zwischen Geist und Material. Durch sie nimmt das innere Bild Gestalt an.

Die Hand ist das komplexe und primäre Werkzeug des Menschen. Mit ihr manipulieren wir unsere Umwelt, formen Natur zu Kultur, kommen unserem Schöpfungsauftrag nach. In Michelangelos Fresko "Die Erschaffung Adams" streckt Gott dem schlaff daliegenden Adam die Hand entgegen: Die Übertragung des Lebensfunkens auf die seelenlose Materie erfolgt von Zeigefinger zu Zeigefinger. Gott schafft den Menschen, auf dass dieser sich die Welt untertan mache. (Die weniger fromme Deutung geht davon aus, dass Michelangelos Adam sich einen Lenz macht – aber das ist eine andere Geschichte.)

Rodins "Hand Gottes"

"Hände sind schon ein komplizierter Organismus, ein Delta, in dem viel fern herkommendes Leben zusammenfließt, um sich in den großen Strom der Tat zu ergießen. Es gibt eine Geschichte der Hände, sie haben tatsächlich ihre eigene Kultur, ihre besondere Schönheit; man gesteht ihnen das Recht zu, eine eigene Entwicklung zu haben, eigene Wünsche, Gefühle, Launen und Liebhabereien." So Rilke in seinem berühmtem Text über Auguste Rodin. Wenn Gott der erste Bildhauer war, muss Rodin als sein legitimer Nachfolger gelten.

Wohl nur wenige Künstler sind ihrer Faszination für den menschlichen Leib und insbesondere die Hand so eindrücklich nachgegangen wie der Franzose. Die Hände verkörpern für Rodin Haltung, Grazie und göttliche Schaffenskraft. In der Skulptur "Die Kathedrale" lässt er sie gen Himmel tanzen. "Die Hand
Gottes", die einen kleinen weiblichen Torso oben hält, ist sein letztes Werk. Die Hand ist ein Abguss von Rodins eigener Hand, abgenommen an seinem Totenbett.

Exakt im selben Jahr, 1917 nämlich, erklärt Marcel Duchamp ein Urinal zum Kunstwerk und erteilt so dem gängigen Werkverständnis eine radikale Abfuhr. Duchamp hat an seine "Fontaine" keinen Finger angelegt – es ist allein
die Setzung des Künstlers, die aus dem Readymade ein Kunstwerk macht.

Material und Form, Hand und Körper werden ersetzt durch Immaterielles und Konzept: Kunst wird zum Denkspiel, das im Kopf des Künstlers entsteht und im Kopf des Betrachters vollendet wird.

Seit Duchamp spielt die Kunst eine neue Rolle im alten ideengeschichtlichen Konflikt zwischen Geist/Kultur und Körper/Natur, der mit Platon beginnt und über Descartes und Kant bis in die Gegenwart reicht. Jene gelten als Medien der Aufklärung, Rationalität und Abstraktion, diese repräsentieren Erfahrung, Sinnlichkeit und Authentizität. Lange Zeit schien es, als habe in der Kunst das Konzept die Erfahrung ersetzt. Doch zurzeit stehen der Körper und die Hand im Besonderen wieder einmal hoch im Kurs. Das gilt für das Design, wo das Handwerk eine Renaissance erlebt, für die Wirtschaft (jede Bäckerei nennt sich plötzlich Manufaktur) und die Freizeit (Urban Gardeners greifen wieder zu Spaten und Forke).

Und in den Künsten boomen die körperbetonten Medien Malerei und Performance, kommt das Kunsthandwerk zu neuen Ehren, erfährt die Arts-and-Crafts-Bewegung ein neues Interesse. Offenkundige Erklärung: Das Handgemachte wird als Gegenbewegung zur anonymen, angeblich entsinnlichten Welt des Internets immer beliebter. Es ist das griffige Pendant zur Aura. 

Ein gutes Bild ist immer auch ein schlaues Bild

Die Gefahren des Körperhypes sind offensichtlich: Sie reichen von Esoterik, Technik und Intellektfeindlichkeit bis zu Blut-und-Boden-Ideologie, Biopolitik und Geniekult.

Allein deshalb sollte man die alten Fronten nicht gleich wieder aufreißen. Die Künstler selbst sind ohnehin viel weiter. Schon die Malergeneration von Gerhard Richter und Sigmar Polke und später vor allem Albert Oehlen und Martin Kippenberger zeigte, dass man das Hirn nicht ausschalten muss, wenn
man vor die Leinwand tritt (wie es Jackson Pollock & Co. noch hatten glauben machen wollen). Qualität beruht nicht auf genialer Pinselführung oder den Befehlen höherer Wesen, vielmehr ist ein gutes Bild immer auch ein schlaues Bild. Zugleich braucht auch der Videofilmer, Fotograf oder Computerkünstler
ein geschicktes Händchen.

Der Paläoanthropologe André Leroi-Gourhan wies in seinem Hauptwerk "Hand und Wort" schon 1964 auf das evolutionsbiologische Wechselspiel von Körper und Geist hin. Erst durch den aufrechten Gang kann die Hand instinktive Funktionen des Kopfes (wie das Zerlegen von Nahrung) übernehmen; der Gesichtsschädel schrumpft, der Hirnschädel wächst, Technik und Kultur entstehen. Durch die evolutionsgeschichtliche Entwicklung des menschlichen Körpers unterliegt auch unser Verständnis dessen, was unsere Natur und
was unsere Kultur ist, ständigen Verschiebungen.

Zentrales Motiv der Post-Internet-Generation

Dass das Thema nicht durch ist, zeigen heute die jungen Künstler der sogenannten Post-Internet-Generation. In der Ausstellung
"Speculations on Anonymous Materials" 2014 im Kasseler Fridericianum wurde die Hand in den Arbeiten von Michele Abeles, Trisha Baga, Aleksandra Domanović, Josh Kline und Sachin Kaeley zu einem zentralen Motiv, das
"die Grenze zwischen Hinter- und Vordergrund, materieller Malerei und digitaler Malerei, Fotografie und Photoshop markiert" wie die Kuratorin Susanne Pfeffer erklärte.

Der 1979 geborene Josh Kline ließ für seine Serie "Creative Hands" Hände von befreundeten Kuratoren, DJs und Künstlern scannen und von einem 3-D-Drucker Repliken aus Silikon fertigen. Jede Hand hält ein typisches Produkt der Lifestyle-Industrie – ein iPhone, einen Blackberry, eine Flasche Ibuprofen, eine Digitalkamera. "Ich wollte mir die Hände heutiger Kreativarbeiter, also der Menschen, die unsere Kultur formen, physisch aneignen und massenhaft reproduzieren", sagt Kline. Die "Creative Hands" sind zugleich Porträt und Produkt, Haut und Plastik – eine Reflexion auf das Selbstausbeutungspostulat der Creative Industries, sein "Selbst" einzubringen.

Drückt die Hand heute noch Individualität aus, oder sind unser Körper, unsere Sprache und Bilder, Arbeit und Alltag determiniert von Digitaltechnik und Computerprogrammen? Unverkennbar deutet sich in der jüngsten Künstlergeneration ein neuer Weltbezug an, in dem eine Hand ebenso künstlich und abstrakt erscheint wie das übrige "anonyme Material" der Welt.

Es heißt bereits, die Grenzen von Natur und Kultur würden obsolet. Doch nicht so schnell bitte. Hand und Wort haben sich noch einiges zu sagen.

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