Restitutionsdebatte

Eine Entrümpelung der Wissenskultur ist längst fällig

Abbildungen: © Antoine Tempé/© David Außerhofer
Abbildungen: © Antoine Tempé/© David Außerhofer
Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy

Bénédicte Savoys und Felwine Sarrs Bericht zur Restitution von Kulturgütern sorgte für Aufsehen. Jüngst auf Deutsch erschienene Bücher der Kunsthistorikerin und des Ökonoms sind der Startschuss für eine dringende Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe

2018 wurde das eurozentrische business as usual von allen Seiten herausgefordert. Für Unbehagen in der europäischen Museumslandschaft sorgten allen voran der senegalesische Ökonom und Schriftsteller Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, denn sie legten dem französischen Präsidenten einen Bericht vor und rüttelten all jene auf, die sich um die Frage von Restitution und Provenienz von im kolonialen Kontext erworbener Kunst lange gedrückt hatten. 

Nun sind von Sarr und Savoy zwei Bücher auf Deutsch erschienen, die wichtige Impulse für die Debatte um Dekolonisierung und Provenienz deutschen "Kulturbesitzes" versprechen. Das ist besonders dringlich in dem Jahr, in dem mit dem Berliner Humboldt Forum die ethnografischen Sammlungen der Hauptstadt einen neuen Ort bekommen.

Die Bücher "Provenienz der Kultur" von Savoy und "Afrotopia" von Sarr helfen, die Tragweite der Debatte zu zeigen. Während Savoy ihre Antrittsvorlesung am Collège de France überarbeitet hat und damit eine eingängige und schnelle Lektüre liefert, legt Sarr einen umfassenderen Essay vor, der 2016 erstmals auf Französisch erschienen ist.

Ihm geht es um das nicht eingelöste Versprechen der afrikanischen Unabhängigkeit und um die grundlegende Verbindung zwischen althergebrachten Modi der Geschichtsschreibung, die stets versuchen, Afrika und Afrikaner in "die Mythen des Westens einzugliedern". Zudem rechnet Sarr gründlich mit der Idee ab, dass Afrika ökonomisch auf- und nachholen muss. Beide Autor schaffen es, das Abstrakte und zum Teil Polarisierende an ihren Ideen mithilfe von Anekdoten und Beispielen zu belegen, um zu zeigen, dass wir alle mit unser jeweiligen Geschichte verstrickter sind, als wir meinen.

Anhand von drei Skulpturen nimmt uns Savoy mit auf eine Reise nach Altägypten, Kamerun und Italien. Die Objekte, so Savoy, können uns über viele Dinge Auskunft geben: Kriege und Brüche, Erinnertes und Vergessenes, Eroberungen und Beutezüge. Für Savoy ergibt sich daraus eine "positive Beunruhigung", worin sie die Essenz und den Zweck der Provenienzforschung sieht. 

Die europäischen Museen sind, so Savoy, direkte Erben der im Rahmen der Französischen Revolution entstandenen Idee, dass die intellektuelle Aneignung von Kunst- und Wissensobjekten notwendigerweise an deren materielle Aneignung gekoppelt ist. Man meinte damals, alle Schätze der Menschheit müssten in Paris versammelt sein, um dort "den Fortschritt der Wissenschaft" zu sichern. Die Akkumulation von Objekten bedingte die Wissensproduktion ebenso wie die sich daraus ergebenden Weltherrschaftsfantasien. Das Verlangen nach Wissen und der Wunsch nach Herrschaft gingen Hand in Hand.

Gewalt als Bestandteil des westlichen Wissens

Die damit einhergehende symbolische und reale Gewalt ist ein wesentlicher Bestandteil des westlichen Wissens und der europäischen Kulturtradition. Sie dauert zum Teil bis heute an, dokumentiert in öffentlichen Denkmälern - etwa in der Statue des Gelehrten Champollion von 1875 in Paris. Sie zeigt den Sprachwissenschaftler, der als erster die Altägyptischen Hieroglyphen entzifferte, mit einem Fuß auf den zerbrochenen Gesicht eines Pharaos. 

Gegen diese Gewalt hat es historisch immer wieder Widerstand gegeben, konstatiert Savoy. Besonders interessant sind ihre Ausführungen für jene, die sich wundern, warum Restitution "aus dem Nichts" zum viel diskutierten Thema avanciert ist. Die "aktuelle Krise der Museen", so Savoy, "ist mindestens ein Jahrhundert alt". Wenn wir annehmen, dass Europa das Kulturerbe der Menschheit in seinen Museen aufbewahrt, müssen wir fragen, mit welchem Anspruch nur Europäer Zugang zu diesem Kulturerbe haben sollten. "Wie kann man dulden", so Savoy, "dass das symbolische und reelle Kapital, welches Museen generieren, nicht allen zugutekommt?"

Sarrs Werk hingegen wurde in den Medien vielfach als Manifest angepriesen. Dabei ist es nuancierter, eine Art literarisches Sachbuch. Wer sich vom Titel "Afrotopia" nicht angesprochen fühlt, sollte sich nicht täuschen lassen. Denn so wie Savoy eine Innenschau für Europa nahelegt - im Sinne eines kollektiven Bestrebens, die Objekte in Europas Museen wieder mit der Geschichte ihrer Herkunft zu verbinden - widmet sich Sarr dem afrikanischen Kontinent. Gerade dadurch schafft er es, wichtiges Hintergrundwissen zu vermitteln - eine zentrale Voraussetzung für die von Savoy empfohlene Innenschau Europas.

Das Afrikabild zurechtrücken 

Am Anfang stellt Sarr fest, dass diskursive Vorstellungen des afrikanischen Kontinents stets von den Projektionen anderer geprägt gewesen seien und auf wenige, immer wiederkehrenden Essenzialismen festgelegt wurden. Die Darstellung der Geschichte und Gegenwart Afrikas ist üblicherweise ein verzerrtes und undifferenziertes Sammelsurium von Klischees, Mythen und Schlagzeilen, die, so Sarr, zwischen "Katastrophismus oder seligem Optimismus" schwanken. 

Sarr unternimmt den Versuch, den Kontinent so anzunehmen, "wie er ist, und nicht wie er zu sein hat." Im Bereich der Kultur- und Wissensgeschichte werden die Widersprüche des hiesigen überlieferten Afrikabildes schnell klar. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat Afrika Geschichte, Kultur, Zivilisation und Vernunft abgesprochen. Damit steht er exemplarisch für seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert. Heute wissen wir, unter anderem dank der aufstrebenden touristischen (Selbst-)Vermarktung im Zeitalter der Globalisierung, dass Afrika der kulturell und geografisch vielfältigste Kontinent ist. Gleichwohl wird Afrikas Diversität regelmäßig entweder übermäßig exotisiert oder auf verwertbare touristische Events reduziert. 

Dass Afrika durch den transatlantischen Sklavenhandel und den "Zivilisationsauftrag" des Kolonialismus historisch trivialisiert wurde und dass seinen Bewohnern das Menschsein systematisch abgesprochen wurde, ist nicht spurlos an den Afrikanern vorbeigegangen, schreibt Sarr. Eine erdrückende Entfremdung zeigt sich auch ein halbes Jahrhundert nach dem vermeintlichen Ende des Kolonialismus zum Beispiel darin, dass Sprachen zu Dialekten, Kulturen zu Traditionen und Religionen zu Aberglaube reduziert werden. Solche Beispiele bezeugen einen tiefen Mangel an Selbstbewusstsein und Selbstachtung, einen Zustand des entfremdeten Bewusstseins. Sarr argumentiert schließlich, dass eine Wiedererrichtung der psychischen Infrastruktur der Afrikanerinnen und Afrikaner notwendig sei.

Selbstentfremdung des afrikanischen Kontinents

Diese Entfremdung erklärt für Sarr, warum der afrikanische Kontinent mit einer "mangelhaften Bezeichnung" seiner eigenen Wirklichkeit und Gegenwart hadert. Dieser Zustand bietet einen fruchtbaren Boden für den fortdauernden Versuch, "eine schlechte Kopie Europas zu werden". Damit erinnert Sarrs Resümee an das Werk des auf Martinique geborenen Philosophen Frantz Fanon, der schon 1961 von einer "fratzenhaften Nachahmung" Europas warnte. Die Ursprünge dieser Zwickmühle sind für Sarr im bestehende Wissenskorpus über Afrika zu finden. Laut Sarr kann man sich dieses wie eine Kolonialbibliothek vorstellen: eine Wissenskultur, die mit dem Ziel entstanden ist, Afrika sowohl physisch als auch geistig zu beherrschen. 

Diese Bibliothek prägt bis heute die Fremd- und Selbstwahrnehmung Afrikas. Sie verstetigt Machtverhältnisse, die afrikanische Länder in Abhängigkeit halten. Dass sich Afrikaner oft selbst aus dem allgemeinen Kultur- und Wissenserbe der Menschheit ausschließen, indem sie beispielsweise "westliche Wissenschaft" synonym für Wissenschaft verstehen, zeigt, wie gravierend diese Entfremdung ist. Daher fordert Sarr eine Zäsur. Er sieht Afrikaner in der Pflicht, sich aus einer "Dialektik der Aneignung und Entfremdung" und der "kolonialen Vernunft" zu befreien. Aus Savoys Ausführungen wissen wir, dass Aneignung von Wissen und Enteignung von Kulturgütern und Ressourcen in der Kulturtradition Europas oft zwei Seiten der gleichen Medaille gewesen sind.

Ganz so, wie Savoy eine Innenschau für Europa nahelegt, schlägt Sarr ein vergleichbares, wenn auch viel umfassenderes Programm für den afrikanischen Kontinent vor. Für Afrikaner sei es notwendig, sich mit Erinnerungsarbeit auseinanderzusetzen und sich um eine Versöhnung mit "den vielfältigen Quellen der eigenen Identität" zu bemühen. Es geht für Sarr darum, "sich wieder als Mittelpunkt seiner selbst" zu denken, sich nicht länger zu rechtfertigen und eine "Dialektik der Reaktion und Affirmation" hinter sich zu lassen, um sich neu kennenzulernen.

Afrotopos ist ein Möglichkeitsraum

Daraus kann erst die Welt von morgen entstehen, nämlich Sarrs Afrotopos: Der Ort, "der erst noch zu bewohnen sein wird von einem kommenden Afrika", auch wenn er bereits heute im Keim existiert. Der Afrotopos ist ein Möglichkeitsraum, "der erst noch geschaffen werden muss", ein Raum ohne Ort. Nur geistige Grenzen, so Sarr, versperren den Weg vom Wirklichen zum Möglichen.

Sarr fordert von Afrikanern eine Entscheidung zwischen einem "unmöglichen" und einem "außerordentlichen" Weg. Man liest diese Zeilen und denkt irgendwie auch an Europa und die angeblich unmögliche Restitution von Kulturgütern. Sarrs Essay erinnert an Fanons These, dass Dekolonisierung ein außerordentliches Programm ist: ein "Programm absoluter Umwälzung". Sarr liefert Hintergründe zur Restitutionsdebatte, und das ist eine einmalige Chance für die bilaterale Entrümpelung der Wissenskultur - wenn wir schon die Keller der Institutionen ausleuchten, die maßgebend zur ihrer Entstehung beigetragen haben.