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Ausstellung im Whitney Museum

Eine große Retrospektive in New York definiert Warhol neu

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Die seit drei Jahrzehnten erste Andy-Warhol-Retrospektive in den USA präsentiert eine brillante Werkauswahl dieses größten aller Pop-Künstler. Nebenbei zeigt sie auch, dass popkultureller Ruhm für die spezifische Wirkung von Kunst extrem gefährlich ist

Jackson Pollock mit seinem Image vom genialischen Farben-Spritzer mag als erster amerikanischer Künstler um die Welt gegangen sein. Doch Andy Warhol eroberte sie wie ein Popstar. Dabei sind ihm die Coca-Cola- und Celebrity-Bearbeitungen durchaus zum Verhängnis geworden, denn sein Werk ist viel weniger simpel, als es den Anschein macht. Der Konzeptkünstler Warhol, geboren 1928, hat weitaus mehr geschaffen und feiner gearbeitet, als eine seiner unzählig reproduzierten Marilyn-Monroe-Ikonen uns seit Jahrzehnten beibringen kann. Kunst, das beweist diese New Yorker Retrospektive grandioserweise, Kunst will keinen Pop, sie will der stille, innige Augenblick sein, der einen befeuert, der einen stumm vor Staunen macht oder um Welten klüger.

Selbst dem hyperreflektierten Warhol hat der Berühmtheitseffekt ein Bein gestellt, obgleich er diesen Effekt in seinem Werk gewieft und gewinnbringend hat brechen und ausspielen können. Doch schon zwei Jahre nach seinem Tod legt ihn 1989 die große MoMA-­Retrospektive vor allem auf die Werke aus den 60ern fest, die ihn so berühmt gemacht haben: Die Campbell’s-Suppendosen, die Marilyn-Porträts, die Brillo-Boxen.

Den Popper aufs Populäre festnageln? Fair enough. Auch Donna De Salvo, schlaue Chefkuratorin des Whitney und zugleich Warhol-Expertin, zwingt den Besucher durch dieses Nadelöhr. In der Lobby des Museums wird man von Warhols Porträts begrüßt – hi, Mick Jagger, hi, Dennis Hopper – und oben im Ausstellungsgeschoss dackelt man erst mal an Suppendosen und Waschmittel-Boxen vorbei, bis es so richtig losgeht.

Dann aber hält die Show, die mit mehr als 350 Werken aus allen Schaffenszeiten Warhols künftige Rezeptionen prägen wird, immer wieder kleinere Sensationen bereit. Wer hat schon das frühe und selten ausgestellte Aquarell "Living Room" (um 1948) live gesehen, an dem man erkennen kann, wie sehr den jungen, seinen Stil noch suchenden Künstler Muster interessierten, hier die der heimischen Sofa- und Häkeldecken? Und seine Zeichnungen, die Truman Capote abbilden – damals mit einem sexy Autorenfoto provozierend –, lassen Warhol als unsicheren Homosexuellen und sicheren Bewunderer der Stars erscheinen. Natürlich wäre er mit solchen eleganten Kabinettstücken nie weltberühmt geworden, zu Recht verehrt man ihn für die lässige Neuerfindung des Siebdrucks, die Gründung des "Interview Magazine", für seine Gier nach Ruhm und Glamour.

Doch kann man, wenn man sich all das im Whitney wieder ins Gedächtnis gerufen hat, auch über seine gähnend strengen Konzeptkunst-Filme rätseln, bei denen man einem Menschen so lange ins Gesicht schauen muss, bis es zum Zeichen wird. Beschwert wird man durch Jackie Kennedys Trauer, verblüfft wird man von Maos gesiebdruckter und malerisch bearbeiteter Größe: Diese viereinhalb Meter hohe Mao-Version wurde kaum je ausgestellt und ihrer gigantischen Ausmaße wegen auch nie reproduziert. Und dann steht man im finalen Raum der Show vor den späten (ebenfalls riesigen) "Rorschach"-Gemälden (1984): rein malerische, nach dem berühmten Psychotest benannte Leinwände, die den Betrachter ins Rampenlicht zerren. Sage mir, was du siehst, und ich sage dir, wer du bist …

Warhol ist ein Philosoph, der die industrielle, die mediale Welt des 20. Jahrhunderts erklärt, nicht zuletzt in seinem Buch "From A to B And Back Again", das der Whitney-Retrospektive ihren Titel gibt. Niemand hat es klarer in Worte fassen können als Warhol: Der billige Hotdog ist der beste Hotdog, weil er ein Original, also mit sich selbst identisch ist. Dabei zählt nicht, wie viele es davon gibt, kein Geld der Welt könnte einen besseren kaufen. Folgerichtig erzählt Warhols Pop-Art auch nicht andauernd vom Aura-Verlust des reproduzierten Kunstwerks, sondern ist eine gut gelaunte, Neues erzeugende Kulturleistung.

Gerade in der Eigenheit der Variation liegt der zauberhafte Geist der Pop-Art verborgen – und auch der Geist eines heute offenbar versunkenen Amerika, zu dem diese Kunst untrenn­bar gehört. Als die Presse durchs Whitney geführt wird, sind in den USA gerade Midterm-Wahlen, die Präsident Trump zumindest ein demokratisches Bein stellen sollten. Und De Salvo, die schlaue Kuratorin, schließt ihre Eröffnungsrede mit folgenden Worten ab: "So ist Amerika, es hat eine enorm starke Sehnsucht nach Er­neuerung und gleichzeitig auch nach Konformität. Do vote!"

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