Kunst und Unendlichkeit

Eine kurze Kritik des schwarzen Lochs

Die Idee, das absolute Nichts darzustellen, hat Künstler schon immer verrückt gemacht. Das erste Foto eines schwarzen Lochs sieht nun anders aus als die meisten Vorstellungen. Und hat doch viele Ähnlichkeiten mit einem Kunstwerk

Ein schwarzes Loch sieht also aus wie ein Donut mit außerirdisch oranger Aprikosenglasur. Auch Assoziationen an das Auge des Sauron aus den "Herr der Ringe"-Filmen geistern durchs Netz, wobei das tatsächliche schwarze Loch im Vergleich dazu eher funzelig aussieht. Seit die Nasa am gestrigen Mittwoch das erste Foto des berühmtesten aller Weltraumphänomene veröffentlicht hat, kann man sich fragen, ob man fasziniert oder ernüchtert sein soll. Das unvorstellbare absolute Nichts hat eine visuelle Form bekommen, die nicht mehr auf Fantasie beruht. Und die fotografische "Realität", so weit sich die Forscher jetzt an sie annähern können, ist weit unspektakulärer als die meisten Darstellungen. Grafiken des Schwarzen Lochs sind oft dramatisch verwirbelt, mit lila Blitzen, türkisen Lichtfeldern und Sternenschauern. Das Foto eines leicht verschwommen orangen Leuchtkreises mit dunkler Mitte ist da wesentlich reduzierter und nüchterner.

Doch das Foto passt erstaunlich gut zu den Werken von Künstlern, die versucht haben, sich die Unendlichkeit vorzustellen. Mark Rothkos "Orange Brown" ist dem Nasa-Bild auffällig farbverwandt. Und auch die Wirkung ist eine ähnliche. Durch das Anschauen des Bildes können empfindsame Kunstliebhaber und ergriffene Forscher ins Bodenlose stürzen.

Die Kunst hat sich schon lange für das Paradoxon interessiert, das absolute Nichts darzustellen. Das kann einen verrückt machen, weil das Nichts dann eben auch wieder alles sein kann. Kasimir Maletwitschs "Schwarzes Quadrat", das er seit 1915 immer wieder malte, ist aus diesem Bedürfnis entstanden. Der Künstler Andy Hope 1930 erweitert Malewitschs Konzept mit seinen "Time Tubes", die die Betrachter ebenfalls in absolute Schwärze blicken lassen. Anish Kapoor inszeniert endlose Löcher in Kunsträumen und hütet sein "schwärzestes Schwarz" so besorgt, dass er es hat patentieren lassen. Und auch der Maler Pierre Soulages hat eine ganze Karriere auf der Farbe Schwarz aufgebaut.

Hinter diesen Werken steht die Idee, dass die absolute Reduktion zur absoluten Freiheit der Vorstellungskraft führen kann. Und auch wenn das Nasa-Foto dem Informationsgewinn über das Weltall dient, hat es doch einen ähnlichen Effekt. Durch die Abstraktion und die relative Bescheidenheit des glühenden Donuts wird noch einmal deutlich, wie begrenzt unser Zugang zur Unendlichkeit des Universums ist. Das Nicht oder das Alles bleibt irgendwie immer Fanstasie. Große Kunst also.