10. Lyon-Biennale

Eine Stadt feiert den Alltag

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Nichts weniger als die Neuerfindung dieser Biennale hat Kurator Hou Hanru angekündigt. Mit dem Titel „The Spectacle of the Everyday“ bezieht sich der Chinese auf den Situationisten Guy Debord, der das Spektakel als elementare Kategorie unserer kapitalistischen Gesellschaften beschrieb. Allein das Gewöhnliche birgt für Hanru noch die Möglichkeit, sich der Logik des Konsums zu widersetzen.

Alternative Visionen also sollen rund 60 internationale Künstler in den fünf Kapiteln der Ausstellung präsentieren. Gleich zu Anfang werden Oliver Herrings (Deutschland) intimen Kurzfilme gezeigt. In „Waterloo Street“ (2007) etwa baden Latino-Kids im Strahl eines defekten Wasserhydranten eines Armenviertels von Philadelphia. Im nächsten Raum verwandelt Dan Perjovschi (Rumänien) mit wenigen Strichen das große Elend des kleinen Mannes in ironische Kreidezeichnungen. Und beim Langzeitprojekt „Polas por Pistolas“ von Pedro Reyes (Mexiko) werden Waffen zu Schaufeln eingeschmolzen, mit denen in der Schau Bäume gepflanzt werden.

Hou Hanru versammelt viele hervorragende Arbeiten, verbindet Anspruch mit Humor und entwickelt eine kluge Perspektive auf künstlerische Produktion und das Biennalegeschäft; gleichzeitig kommentiert die Schau undogmatisch und doch ernsthaft die globalpolitische Situation.

Dass bei der „Professional Preview“ noch die Handwerker strichen, hämmerten, klebten, wirkte dabei wie ein konzeptuelles Manöver: das Spektakel des Alltäglichen.
 
10. Lyon-Biennale (La Sucrière, Musée d’Art Contemporain, Bullukian Foundation und Bichat Warehouse), bis 3. Januar 2010. Mehr unter www.biennaledelyon.com
 

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