Einhorn-Ausstellung in Potsdam

Die wilden Vorfahren des 🦄

Das Museum Barberini in Potsdam zeigt eine Ausstellung über das Einhorn. Obwohl der Zugang zu dem beliebten Fabeltier streng kunsthistorisch ist, dürfte das ein Blockbuster werden. Was wollen wir denn alle von diesem Wesen?

Es gibt wahrlich bemerkenswerte Geschöpfe auf der Erde. Wer sich zum Beispiel einmal ein Stachelschwein genauer angeschaut hat, oder einen Nashornvogel oder einen Glaskopffisch, kommt nicht umhin, einer wie auch immer gearteten Schöpfer:in dieses Universums einen Hang zu exzentrischer Gestaltung zu unterstellen. Im Vergleich klingt es dann gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass auch ziegen- oder pferdeförmige Paarhufer existieren, die ein einzelnes, gezwirbeltes Horn auf der Stirn tragen.

Jahrhunderte lang glaubten Menschen an die Existenz von Einhörnern. Das vierbeinige Wesen tauchte schließlich in der Bibel, bei Plinius dem Älteren oder in der frühchristlichen Naturkunde "Physiologus" auf. Gesehen hat das scheue Tierchen in freier Wildbahn kaum jemand, dafür wurden als Beweis beeindruckende Hörner ausgestellt, denen heilende Kräfte nachgesagt wurden. Erst im 17. Jahrhundert konnten Forscher verbreiten, was die indigenen Bewohner der Arktis schon lange wussten: Bei den rund zwei Meter langen, filigranen Spitzen handelte es sich um die Stoßzähne von Narwalen (noch so eine Spezies, die genauso gut fiktiv sein könnte).

Die wissenschaftliche Entzauberung hat der kulturgeschichtlichen Existenz des Einhorns jedoch keinen Abbruch getan. Heute ist es das mit Abstand populärste Fabeltier (kennt noch jemand den Hippocamp oder den Mantikor?) und in seiner Symbolik durchaus flexibel. So werden heute Start-up-Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar wegen ihrer Seltenheit als unicorns bezeichnet. Gleichzeitig bevölkert eine geglättete Version in Regenbogen-Glitzer die queere Bildwelt genauso wie die Kinderzimmer von Grundschülerinnen und das Emoji-Repertoire in den sozialen Medien. Wer in so verschiedenen Lebensräumen gedeihen kann - vom Turbokapitalismus bis zum Widerstand gegen starre Geschlechternormen –, ist vielleicht doch zu fantastisch, um wahr zu sein.

Die Angst, im Wald von einem Einhorn angefallen zu werden

Die kunstgeschichtlichen Vorfahren der heutigen Einhörner hat nun das Museum Barberini in Potsdam zusammengetragen. Von Felszeichnungen aus dem heutigen Indien bis zu Videoarbeiten des 20. Jahrhunderts schreitet und stampft das Geschöpf in 150 Werken durch die Zeit. Dabei entpuppt es sich als wahrer Gestaltwandler. Denn niedlich und konsumierbar war das Einhorn nicht immer. Auf mehreren Gemälden und Tapisserien kämpft es raubtierhaft mit Hufen, Horn und Zähnen gegen Menschen oder andere Mitwesen. Im Mittelalter gab es außerdem die Angst, im Wald von hinten von einem Exemplar besprungen zu werden (man könne dann schlecht atmen). Eine Skulptur, die eine solche Szene zeigt, wirkt heute eher märchenhaft-putzig als wirklich beunruhigend. 

In der christlichen Ikonografie war das Einhorn oft einer Jungfrau zugeordnet, denn nur sie konnte die wilde Kreatur zähmen. Wenn der Erzengel Gabriel ein gehörntes Tier in den Schoß der heiligen Maria treibt, wo es sich hündchenbrav an sie schmiegt, steht diese Szene in der mittelalterlichen Malerei für die Verkündigung und die "unbefleckte Empfängnis". Legt die Gottesmutter dabei auch noch ihre Hand um das erigierte Horn ihres neuen Haustiers, ist die phallische Qualität des Einhorns schwer zu übersehen. Der Surrealist René Magritte und die Künstlerin Andrea Hampel greifen diese erotischen, zuweilen brutalen Facetten des Motivs später wieder auf. 

Dass das fiktive Einhorn immer in eine reale Welt eingebettet war, zeigt besonders deutlich ein Werk von Maerten de Vos aus dem 16. Jahrhundert. Darauf prangt ein manieristisch überzeichnetes Tier mit Elefantenfüßen, Schweineschwanz und perlmuttschimmerndem Pferdeleib im Bildzentrum. Die Landschaft, in die das Wesen eingebettet ist, wirkt diffus gebirgig, jedoch sind im Hintergrund Schwarze Krieger mit Lendenschurz und Pfeil und Bogen zu sehen. Der Maler hat das Einhorn offenbar in seine Vorstellung von Afrika verlegt - die Imagination vom wilden Fabelwesen trifft auf die koloniale Konstruktion der "Wilden", die sich Europa erschaffen hat.

Der glitzernden Versuchung widerstanden

Jede Zeit gebiert also ihre eigenen symptomatischen Einhörner - auch diesen durchaus politischen Schluss kann man aus der Ausstellung in Potsdam ziehen. Das Museum Barberini begegnet seinem Thema mit Materialfülle und Tiefenrecherche und widersteht der Versuchung, ins poppige Glitzer-Universum der Emoji-Gegenwart abzudriften (das öffnet sich dann im Museumsshop). Die Schau bleibt streng auf dem Gebiet der bildenden Kunst und bietet mehr Originalquellen und Mediävistik-Content als offensichtliche Selfie-Stationen. Trotzdem dürfte "Einhorn" ein ziemlicher Blockbuster werden - schwärmerische Rezensionen erschienen schon vor der Eröffnung in allen großen Feuilletons, und auch das Wissenschafts-Magazin "Geo" widmete dem Mythos eine Strecke. Was wollen wir also heute alle von diesem Tier?

Schon 1923 schrieb Rainer Maria Rilke, dass im Einhorn für ihn "alle Liebe zum Nicht-Erwiesenen, Nicht-Greifbaren" stecke. Es verkörpere den Glauben "an den Wert und die Wirklichkeit dessen, was unser Gemüt durch die Jahrhunderte aus sich erschaffen und erhoben hat". Auch wenn das Tier heute vor allem für Eskapismus steht und in einer quietschbunten Marketing-Maschinerie gefangen scheint wie Rilkes Panther hinter seinen Stäben, steckt vielleicht noch ein tieferer Gedanke in seiner Existenz: Dass die menschliche Schöpfung dieser Kreatur aus der Fantasie ähnlich wertvoll und einflussreich ist wie seine tatsächlich existenten Tierkollegen auf der Erde. 

In Zeiten von KI ist das keineswegs trivial. Denn ein generatives Bildprogramm kann schon jetzt tadellose Darstellungen von Einhörnern liefern - aber eben nicht den Kontext, in dem sein Erscheinen den Menschen immer wieder etwas über sich selbst erzählt hat. Das Wesen, das aus der Vorstellung entsprungen ist, kann man als Selbstversicherung der Homo sapiens als Gestalter ihrer Welt interpretieren. Und gerade als Wappentier der queeren Community dient es als Erinnerung, dass eine andere, in dem Fall utopische Form der Gemeinschaft zum Leben erweckt werden kann.

Nicht zu fangen, nicht zu zähmen

Die ganze Ambivalenz des Motivs lässt sich das an Rebecca Horns Performance "Einhorn" von 1970 studieren, die als Video in der Potsdamer Ausstellung zu sehen ist. Darin trägt die Protagonistin eine Art Korsett aus Gurten über der nackten Brust und einen extrem phallischen Hut mit einem anderthalb Meter langen Horn auf dem Kopf. Wie eine Halluzination erscheint ihre Gestalt auf einem Waldweg zwischen Sonnenflecken, schreitet durch ein Getreidefeld und verschwindet wieder am Horizont. 

Die Performerin trägt in diesem Werk tausende Jahre Kulturgeschichte an ihrem Körper. Sie wird niemanden überzeugen, dass sie tatsächlich ein Einhorn ist. Und trotzdem ist das Gewicht, das das Erbe dieser Spezies auf ihren Körper lädt, genauso real wie sie selbst. Rebecca Horns abstraktes Einhorn ist nicht zu fangen und nicht zu zähmen, die Jungfrau mit der Hand am Horn ist selbst zum Fabelwesen geworden. Und löst sich schließlich auf in den nebligen Rändern der Welt, in denen sich der Mensch immer wieder neu erschafft.