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"Elevation 1049"-Festival in Gstaad

Hochstimmung im Tiefschnee

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Nackt in Chalets, ausgebrannt im Hangar: Wie das Kunstwochenende "Elevation 1049" den Luxusferienort Gstaad umdeutet

Zeiten ändern sich: Im Vorzimmer des einstigen Wohnhauses von Gunter Sachs warnt ein Schild vor nackten Körpern! Wer sich davon nicht aufhalten lässt, steigt eine Treppe hinab zur Sauna- und Badelandschaft des Vieux Chalets, die mit bemalten Wänden, Wasserfall und künstlicher Grotte eher an eine Therme in Ost-Westfalen erinnert, als an die mondäne Welt eines Lebemanns. Empfangen werden die Besucher der dritten Ausgabe des "Elvation 1049"-Festivals in dieser kitschigen Idylle von der Künstlerin Isabel Lewis, einer Gruppe junger Performer und einem Spektakel, das jede männliche Phantasie von einem Playboy-Arkadien umdeutet, verqueert, aufweicht.

"Elevation 1049" am ersten Februarwochenende schafft Zugang zu einer Vielzahl von ungewöhnlichen Orten in Gstaad und in den Nachbardörfern des Berner Oberlands. Keine einfache Herausforderung, sich gegen die erhabene Alpenlandschaft und die Gemütlichkeit aus Chalets, Luxusboutiquen und Winterzauber zu behaupten. In ihrem "Poolside Pastoral" im Vieux Chalet (das übrigens mittlerweile der Schweizer Galerie Hauser & Wirth gehört) stellt Isabel Lewis einfach alles auf den Kopf: Nachdem die Gruppe Gedichte rezitiert hat, springen die Performer nackt in den Pool, planschen, tanzen, belagern die Grotte und stellen am Beckenrand als Tableau vivant Pastorale nach. Ihr wollt eine Utopie der Lust? Gerne, aber nur, wenn die sexuelle Revolution eine Vielzahl von Körpern und Beziehungen umfasst.

Auch Dominique Gonzalez-Foerster eignet sich kraft ihres Auftritts einen starken Ort an: Das Konzert ihrer Band Exotourisme (mit Julian Perez) im Nachtclub Greengo im Palace Hotel bestreitet die französische Künstlerin als Wiedergängerin der Replikantin Rachael aus "Blade Runner", sie singt Lieder von Marlene Dietrich (die 1964 mit ihrem Auftritt in Palace Hotel den Jetset-Ruf des Hauses begründete), von Queer-Theoretiker Paul B. Preciado und La Femme, und plötzlich könnte diese kleine Schickimicki-Höhle auch ein von Philip K. Dick erdachter Party-Bunker im überbevölkerten und runtergekommen Los Angeles sein.

Bei dieser "Elevation"-Folge mit dem Titel "Frequencies" - erneut von den Festival-Gründern Olympia Scarry und Neville Wakefield kuratiert - gibt es einige Arbeiten mit Musikbezug. Neben der Schweizer Luma Foundation wird das Wochenende von The Store X The Vinyl Factory mitveranstaltet, einer Plattform, die sich um den Grenzbereich zwischen Kunst und Musik kümmert. In einer alten Dorfkirche spielt die Synthesizer-Pionierin Suzanne Ciani, und auch Naama Tsabars Performance "Barricades" in einem Flugzeughangar ist von Sound und Gesang getragen. Die Komposition für 16 Mikrofone entfaltet wie nebenbei eine bildnerische Qualität durch die geometrisch mit Tape verklebten Kabel, die über den Boden laufen.

Einen Tag später, im gleichen Hangar, laden Liz Magic Laser, Hanna Novak und Cori Kresge zur Meditation. Es überrascht, wie vertrauensvoll sich das Publikum den Künstlerinnen hingibt und sogar auf deren Geheiß eine Ampulle mit einer unbekannten Flüssigkeit leert. Ist die Sehnsucht nach Heilung dermaßen groß? Wollen die Künstlerinnen mit ihrer "User Friendly" betitelten Performance genau das zeigen? Aber keine Spur von Ironie. Am Ende berühren die Teilnehmer mit verbundenen Augen eine große Glasfront, die wie ein Touchscreen zwischen ihnen und dem Naturschönen der schneebedeckten Berge steht. "Gibt es wirklich wichtige Nachrichten, die ihr heute noch checken müsst?", fragt Cori Kresge mit ruhiger Stimme. Und meint: Nein, eigentlich nicht.

In diesem Jahr sind bei "Elevation" mehr Performances als installative Arbeiten zu sehen, während man vor zwei Jahren noch durch die Berge wanderte, auf der Suche nach der Videoprojektion in einem Heuschober oder der Statue auf dem Gletscher. Diesmal sticht Doug Aitkens Arbeit "Mirage Gstaad" aus dem Performanceprogramm heraus, ein Haus mit Spiegelfassaden, in denen die Berge und der Schnee reflektiert werden - perfekt, um über das Innen und Außen von Architektur nachzudenken. Es wird zwei Jahre stehen bleiben, mitten auf einem Feld in 1100 Meter Höhe. Die Witterung wird an ihm fressen, seine renderhafte Künstlichkeit verschwinden. Die Zeiten ändern sich, die Berge sind ewig.

Mehr vom Festival berichte ich im Interview mit Detektor.fm:

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