Elizabeth Price auf der Manifesta 16

Die Sprache der Moderne

Die Turner-Preis-Trägerin Elizabeth Price spürt in ihren Filmen den Geschichten moderner Kirchen nach. In der Duisburger Liebfrauenkirche verbindet sie zur Manifesta Archivbilder, Architektur und Sound zu hypnotischen Erzählungen über Migration, Krieg und Erinnerung

Über Schwarz-Weiß-Fotografien von modernistischen Kirchen schwebt ein farbiger Streifen, Text poppt auf. Die britische Künstlerin Elizabeth Price verkehrt die Bilder, die sie in Archiven gefunden hat, oft ins Negativ, was sie stilisiert, verdüstert und dramatisiert. Dazu läuft ein sogartiger Sound. Die Video-Arbeit "Here we are" (2025) ist eines von zwei Werken der Turner-Preis-Trägerin, die in der Duisburger Liebfrauenkirche gezeigt werden. In beiden schaut sie auf katholische Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne.

Unzählige dieser Kirchen wurden in Großbritannien zwischen 1955 und 1975 für die stark wachsende Gemeinde der Migranten errichtet, vor allem aus Irland. "Das waren sehr arme Menschen aus der Arbeiterklasse, die 
kulturellen Vorurteilen ausgesetzt waren", sagt die Künstlerin. Wie ging die Architektur mit ihrer futuristischen, skulpturalen Formensprache auf diese Einwanderer ein? "Ich interessiere mich dafür, wie die Architektur die Zugehörigkeit dieser Menschen zum modernen Leben in Großbritannien ausdrückte, aber auch ihre kulturelle Unterschiedlichkeit. Oder wie sie ihre Erfahrung von Trauma, Verlust und Heimatlosigkeit aufgriff."

Die zweite Arbeit "Where are you where are you" ist eine Auftragsarbeit für die Manifesta 16. Bewegtbilder der beschädigten Kirche St. Marien in Essen-Karnap entfalten sich als langsamer Film, der Formen, Oberflächen und Texturen abtastet. Der kubische Bau wurde auf den Ruinen einer zerbombten neugotischen Kirche errichtet. "Ich erkunde die Geschichte der Gewalt, die ihm vorausgeht, des Krieges und seiner Folgen, des Bombardements von Städten, das Menschen derzeit wieder erleiden", erklärt die Künstlerin.

Als werde eine Wahrheit enthüllt und zugleich verborgen

Elizabeth Price, Jahrgang 1966, hat an der Ruskin School of Art, am Royal College of Art in London und der University of Leeds studiert. Sie arbeitet als Professorin für Film und Fotografie an der School of Art der Kingston University in London. Einzelausstellungen waren in der Tate Britain zu sehen, im Art Institute of Chicago, der Julia Stoschek Foundation in Düsseldorf oder der Frankfurter Schirn. 2012 hat sie den Turner Prize für ihre Arbeit "The Woolworths Choir of 1979" erhalten.

In dem 18-minütigen Video-Triptychon erzählt sie drei disparate Themen, die sie über Nebensächliches in eine überraschende Verbindung bringt. In der Ornamentik gotischer Chorgestühle zeigt sie die verdrehte Handbewegung geschnitzter Figuren, sie erscheint auch bei einer Performance der Girl Group The Shangri-Las in den 1960er-Jahren und schließlich bei den Zeugen eines Feuers in einem Kaufhaus, bei dem 1979 zehn Menschen starben. Alles bleibt vage, als werde eine tiefere Wahrheit enthüllt und zugleich verborgen. Price verwebt die Unschärfe historischer Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit dem Stil einer Powerpoint-Präsentation, stakkatohaften Schnitten und wackelnden oder sich verzerrenden Texten, dem cleanen Hall von Händeklatschen oder Fingerschnippen und suggestiver, hypnotischer Musik.

"Ich betreibe sehr viel Aufwand, um sozialhistorische Geschichten in Szene zu setzen, die abgelegen erscheinen oder nicht viel Aufmerksamkeit bekommen", sagt Elizabeth Price. Wie sie deren Bedeutung im Laufe ihrer Filme entblättert, kann man in der Duisburger Liebfrauenkirche entdecken.