Galerist Emanuel Layr

"Das Galeriemodell stößt zunehmend an seine Grenzen"

Fotoporträt: Person frontal im schwarzen Sakko vor blassgrüner Wand, neutraler Ausdruck.
Courtesy Emanuel Layr, Wien

"Es musste eine Veränderung her": Der Wiener Galerist Emanuel Layr

Emanuel Layr löst seine Wiener Galerie in ihrer bisherigen Form auf. Weniger Messen, weniger Ausstellungen, mehr Zeit für Künstler und Projekte: Im Gespräch mit Monopol erklärt er, wie er sich die Zukunft der Kunstvermittlung vorstellt

Die Krise des Kunstmarktes und besonders der sogenannte middle market squeeze, der gerade die mittelgroßen Galerien aus dem Geschäft treibt, werden in den letzten Jahren so oft thematisiert, dass sie fast schon Gemeinplätze sind. Tatsache ist, dass der Kunstmarkt und damit die Art, wie Kunst vermittelt wird, einen tiefgreifenden Wandel durchläuft. Vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte, in denen das Geschäftsmodell vor allem konjunkturellen Schwankungen unterlag, wird diese Veränderung von manchen als Niedergang erlebt. Doch ­– und jetzt kommt eine echte Binse –­ nichts ist so beständig wie der Wandel.

Emanuel Layr, einer der renommiertesten Wiener Galeristen der mittleren Generation, spricht im Interview mit Monopol über einen Schritt, der viele überraschen wird.

Emanuel Layr, Sie haben 2002 mit Thomas Wüstenhagen eine Galerie in Wien gegründet, die Sie seit 2011 allein führen. 2022 sind Sie in neue, größere Räume umgezogen. Sie nehmen regelmäßig an internationalen Messen teil, unter anderem an der Art Basel an verschiedenen Standorten, demnächst in Paris. Jetzt verändern Sie Ihr Modell der Kunstvermittlung.

2002 sind wir als Projektraum gestartet und haben dann 2005 als Galerie in Wien begonnen. Seit 2011 war es dann nur noch Layr. Was für eine spannende Reise. Nach gut 20 Jahren Galerie versuchen wir, mein Team und ich, einen neuen Weg zu gehen. 

Können Sie schildern, wie Sie sich neu aufstellen wollen und was Ihnen dabei wichtig ist?

Das Galeriemodell, wie wir es kennen, stößt zunehmend an seine Grenzen. Für uns ist das ein Anlass, neue Wege zu suchen und uns weiterzuentwickeln. Wir möchten uns bewusst aus den Automatismen eines zunehmend verdichteten Messe-, Logistik- und Ausstellungsbetriebs lösen und unsere Zeit und Energie dort einsetzen, wo sie am meisten bewirken können. 

Das wäre wo?

Künftig bündeln wir unsere kommerziellen und kuratorischen Kompetenzen in eigenen und kollaborativen Projekten, mit Künstlerinnen und Künstlern sowie für und mit privaten und öffentlichen Sammlungen und Institutionen. Unsere Arbeit wird dynamischer und dezentraler. Werkpräsentationen, Veranstaltungen und Dialogformate finden künftig an verschiedenen Orten statt, punktuell auch in unseren neuen Räumlichkeiten an der Wiener Ringstraße. Selbstbestimmung bedeutet für uns, die Bedingungen unserer Arbeit aktiv mitzugestalten. In 20 Jahren Galerietätigkeit haben wir Künstlerinnen und Künstler begleitet, uns von ihnen inspirieren lassen, von ihnen gelernt. Wir sind gemeinsam gewachsen, haben Beziehungen aufgebaut, unzählige Ausstellungen realisiert, an Messen teilgenommen und den internationalen Kunstbetrieb aktiv mitgestaltet. Dabei haben wir die Bedingungen unserer Arbeit immer wieder reflektiert und unsere Aktivitäten neu gedacht. Mit dem bisherigen Galeriebetrieb verbinden uns zwei Dekaden Arbeit, Begegnungen und Freundschaften, mit Künstlerinnen und Künstlern, Sammlerinnen und Sammlern, Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit Institutionen. Diese Geschichte nehmen wir mit in die Zukunft. 

Seit wann haben Sie denn über den jetzigen Schritt nachgedacht, und wie lange haben Sie ihn konkret vorbereitet?

Ich habe ungefähr Ende letzten Jahres angefangen, stärker darüber nachzudenken. Im Frühling hat sich das dann manifestiert. Wichtig ist, dass finanzielle Gründe dabei keine Rolle gespielt haben. Wir stehen diesbezüglich nicht schlecht da, aber es wurde immer mehr Arbeit, und der Druck wurde immer größer. Die Qualität hat begonnen zu leiden, in jedem Bereich. Es musste also eine Veränderung her.

Wie geht es jetzt weiter?

Im Herbst werden wir noch die Messen Art Basel in Paris, die Artissima in Turin und die Art 021 in Shanghai machen. Es wird sich zeigen, wo man bei den klassischen Strukturen, die Galerien erfordern, noch direkt andocken kann, wenn man sich von der Bezeichnung "Galerie löst". Bis jetzt stößt dies auf großes Interesse und Offenheit, vor allem bei gewissen Künstlerinnen, Künstlern und Sammlungen. Die aktuelle Ausstellung von "Curated by Vienna" wird unsere letzte Ausstellung an diesem Standort sein. Parallel beginnen schon die ersten Projekte und Ausstellungen, von denen man in den nächsten Monaten mehr erfahren wird. 

Die "neuen Räumlichkeiten" an der Wiener Ringstraße sind dann doch wieder eine Galerie, oder wie kann man sich Ihren Betrieb künftig vorstellen?

Nein, das sind keine komplett öffentlichen Räume mehr. Es wird dort einerseits Büros geben, andererseits zwei großzügige Räume für Treffen, die auf Einladung zugänglich sind. Man kann sich das ein wenig wie die alten Salons vorstellen. Ein inhaltlicher Austausch soll dort auf jeden Fall auch stattfinden. 

Werden Sie weiterhin mit allen Künstlerinnen und Künstlern Ihrer Liste zusammenarbeiten?

Natürlich, das ist mir ganz wichtig. Aber auf Augenhöhe. Für Projekte, externe Ausstellungen und, wenn es passt, auch für ganz andere Dinge. Das kann gemeinsam mit Institutionen, aber auch mit anderen Galerien geschehen. Die Rollen können unterschiedlich sein: Advokat, Produzent, Fundraiser … Jedes Projekt soll individuell behandelt werden. Mit Kunst handeln werden wir weiterhin. Wir möchten aber auch das wieder fokussierter und sehr ausgewählt machen. Dies ist nichts Neues, gute Galerien machen genau das, aber den Luxus zu haben, reduzierter und fokussierter damit umzugehen, interessiert mich. Ein Werk einer jüngeren Künstlerin oder eines jungen Künstlers genauso zu behandeln wie ein sehr teures, klassisches Werk von zum Beispiel Richard Prince. Der klassische Kunsthandel ist etwas sehr Schönes und Direktes, wenn man damit verantwortungsvoll umgeht und die eigene Leidenschaft involviert.  

Sind Messeteilnahmen weiterhin geplant?

Vorerst nicht. Es ist aber so viel in Bewegung. Ich schätze sehr, dass Basel die Teilnahmebedingungen geöffnet hat, in puncto fixem Standort und Künstlerliste. Das ist ein wichtiger Schritt in eine Richtung bezüglich der unterschiedlichen Charaktere der doch sehr unterschiedlich agierenden und denkenden Galeristen und Galeristinnen. Dieses Bewusstsein ist notwendig, weil es immer mehr unterschiedliche Denkweisen gibt und auch geben wird. Ich persönlich bin aber sehr an Projekten wie Basel Social Club interessiert, weil dort grundsätzlich Kategorisierungen keine so große Rolle spielen und durch die starke inhaltliche Ausrichtung fast schon von Ausstellungsformaten zu sprechen ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass dies nicht den Kunsthandel beziehungsweise Markt ausgrenzt. Im Gegenteil, ich sehe in diesem Bezug eher einen lustvollen Umgang damit. 

Wie sehen Sie den Kunstbetrieb in seiner aktuellen Ausprägung? Halten Sie ihn für ein Auslaufmodell?

Das kann man nicht einfach beantworten. Ich habe für mich selbst einen neuen Weg gewählt, auf dem ich wieder mehr mit Künstlerinnen und Künstlern und Kunst zu tun haben werde. Hoffentlich auch mit Menschen, die das ähnlich sehen. In einer volatilen Marktsituation kommen gewisse Dinge stärker zum Vorschein und ich glaube, dass es gerade ein guter Moment ist, genauer hinzusehen.

Welche neuen Formate können Sie sich vorstellen?

Auch wenn es sich auf den ersten Blick nicht wahnsinnig innovativ anhört, können doch Kleinigkeiten viel verändern. In meiner aktuellen Situation – ich habe auch von den klassischen Strukturen profitiert –­ geht es um eine Entschleunigung. Weniger, aber intensivere Phasen für Künstlerinnen und Künstler und Projekte, vor allem mit den dann hoffentlich stärker vorhandenen Ressourcen Zeit und Aufmerksamkeit. Ich versuche gerade, viel über die Beziehung von Künstlerinnen und Künstlern zu Kunsthändlerinnen und Kunsthändlern vor den 1980ern zu lesen.