Emre Abut auf der Manifesta 16

Der Sound der Solidarität

Der Künstler Emre Abut kommt aus Duisburg. In seiner Installation in St. Anna in Gelsenkirchen erinnert er zur Manifesta 16 an lange Clubnächte und die Kraft der Community

Am Anfang von Emre Abuts Beitrag für die Manifesta 16 steht eine Erinnerung. Es ist Winter 1992, Emre ist sieben Jahre alt und läuft auf einer Demonstration gemeinsam mit seinen Geschwistern neben seinen Eltern her. Gewalt und ausländerfeindliche Anschläge von Neonazis hatten das Jahr geprägt. Gerade waren in Mölln bei einem heimtückischen Brandanschlag auf zwei Wohnhäuser türkischer Familien drei Menschen ermordet worden. Die Demonstration in Duisburg war Teil einer Welle von Solidarität und Gegenwehr, die das Land erfasste. "Ich erinnere mich an die Rufe, die Banner und an das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich gegen eine offen rassistische Stimmung zur Wehr setzte." Momente der Selbstermächtigung – das ist Abuts Thema.

Wir treffen uns in einem Café in Duisburg, nicht weit davon ist Abut aufgewachsen. Seine Eltern waren als Lehrer aus der Türkei nach Deutschland gekommen, um türkischsprachige Kinder zu unterrichten. Sie waren im Lehrerverein, die Mutter ging regelmäßig ins Literaturcafé des türkischen Schriftstellers Fakir Baykurt, sie waren auf vielfältige Weise Teil einer Community, die sich gegenseitig unterstützte. Für Abut selbst war später ein anderer Ort wichtig: der Hip-Hop-Floor in der Großraumdisko Turbinenhalle im nicht weit entfernten Oberhausen – ein Ort, an dem die rassistischen Strukturen des Alltags keine Bedeutung hatten, wo viele Jugendliche aus migrantischen Familien hinkamen, einfach um zu tanzen, wo sie Gemeinschaft erfuhren. "Heute würde man sagen: ein Safer Space", so Abut.

Aus Bruchstücken der Musik, die sie damals hörten, aus Interviews und Erinnerungen hat für die Manifesta 16 eine Klanginstallation kreiert, die in einem Listening-Space in der Kirche St. Anna in Gelsenkirchen läuft. "Mir geht es darum, über die Musik eine Erzählung zu schaffen, die diesen Moment der Selbstermächtigung widerspiegelt. Es geht um Musik als Erinnerungsort", sagt er.

"Deutschland ist längst ein Einwanderungsland"

Abuts erstes künstlerisches Mittel war die Kamera, er studierte Fotografie an der Folkwang-Universität – wobei seine eigene Perspektive dort erst sehr spät wirklich gesehen wurde, wie er erzählt. Seine nächste Station war die Universität der Künste in Berlin, wo er Kunst im Kontext studiert hat und lernte, das System der Kunst und das, was es aus- und einschließt, zu hinterfragen. Heute arbeitet er mit Installationen, Sound oder Performance.

Sein Klangstück, das extra für die Manifesta 16 entstanden ist, versteht Abut als Teil einer längeren Recherche, zu der auch Fotografien und Objekte gehören. "Deutschland ist längst ein Einwanderungsland, und im Ruhrgebiet zeigt sich diese Realität besonders deutlich", so Abut. "In meiner künstlerischen Arbeit möchte ich diese Geschichte der Selbstermächtigung neu lesbar machen. Diese Arbeit erzählt nicht nostalgisch, sondern versteht Erinnerung als ein Werkzeug der Gegenwart."