Ende der "Body Positivity"

Die mageren Jahre sind zurück

Die kurze Blütezeit der "Body Positivity" hat ein jähes Ende gefunden, auf den Laufstegen und bei Social Media dominieren wieder XXS-Körper. Das liegt nicht nur an Abnehmspritzen, sondern auch am politischen Klima

Millennial-Teenager hatten es schwer. Gerade waren sie noch in ihrer ersten Boyband-Phase versunken, schon mussten sie erwachsen werden und sich mit dem wirklich Wichtigen auseinandersetzen: Kleidergrößen. Im besten Fall passte man in eine "Size Zero", was etwa einer Deutschen 32 entspricht, einer XXS. Extra, extra klein. Doch noch nicht dünn genug, denn dann kam die Größe "Doppelnull" auf den Markt. Von den Maßen entsprach sie etwa der Kinder-Konfektion 152–158. Brustumfang 74-76 Zentimeter, Taille 55-57, Hüfte 81-83. Getragen wurde sie jedoch von erwachsenen Frauen.

Die frühen 2000er-Jahren waren das Jahrzehnt der sogenannten "It-Girls". Heute würde man vielleicht "Nepo-Babies" sagen, oder Influencerinnen. Damals gehörte die Erbin Paris Hilton dazu, ihre erst beste Freundin, dann Rivalin, dann wieder beste Freundin Nicole Richie (Adoptivtochter von Lionel Richie) und die Schauspielerin und von den Medien "Skandalnudel" getaufte Lindsay Lohan. Die Olsen-Zwillinge Mary-Kate und Ashley, Serien-Liebling Mischa Barton, Rockstar-Tochter Peaches Geldof oder Reality-TV-Ikonen wie Lauren Conrad. 

Sie alle galten als Modevorbilder, trugen in den Armbeugen die neusten "It-Bags", an den Füßen Ballerina-Schuhe und waren zum Zerbrechen dünn. In der Klatschpresse, Zeitschriften wie "InTouch" oder "Life & Style", wurden einerseits ihr "Abnehmwahn" diskutiert und knochige Körper in Bikinis angeprangert. Eine Seite weiter jedoch wurde der Hauch von Cellulite einer nicht ganz so dürren Schauspielerin verurteilt. Es wurden Fettrollen zur Schau gestellt und "Extra-Pfunde" erspäht: eine unvorteilhafte Kleiderwahl war ein Titelthema. Damals wie heute konnte und kann man es als Frau eigentlich nur falsch machen. Damals wie heute gehört man doch lieber zu den zarten, elfenhaft Schlanken als zu denen, die sich vermeintlich anmaßen, zu viel Raum einzunehmen.

Raum für Körperformen aller Art

Ausgerechnet die sozialen Medien beendeten damals die Herrschaft des Hungers. Nach vielen Jahren ausgemergelter Mädchen auf der Blogging-Plattform Tumblr, Pro-Anorexia-Foren und Oberschenkelumfang-Vergleichen, angestachelt durch Boulevard-Journalismus und bald auch "Germany’s Next Topmodel", gab es plötzlich unbegrenzten Raum für Körperformen aller Art. 

Man selbst konnte sich zu einem Vorbild posten, Instagram bot einen Anflug von Chancengleichheit. Und wie es Modetrends vormachen, war die Ära des extremen Dünnseins plötzlich vorbei. Diskriminierenden und unrealistischen Schönheits-Idealen wollten viele nicht mehr folgen, sondern viel mehr den natürlichen Körper feiern. Die "Body Positivity"-Bewegung, geboren im Jahr 1969, wurde nach mehreren Jahren im Hintergrund zu einem Hashtag der Stunde, Selbstakzeptanz zum Schlagwort. Und stark vermarktet

Größere Models, die nicht dem Doppelnull-Standard entsprachen, durften plötzlich die heiligen Laufstege entern. Noch immer als Ausnahme, aber trotzdem mittendrin in der Welt der Mode, die Dünnsein für gewöhnlich mit Eleganz gleichsetzt. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde die generelle Verurteilung von Menschen außerhalb der antrainierten Norm aussterben. Doch heute, nur wenige Jahre nach dem Plus-Size-Hoch, sind wir schon wieder zurück in den mageren Zeiten "Thigh-Gap" und "Bikiniboy".

"Disziplin ist die höchste Form der Selbstliebe" - wirklich?

Man hätte es sich gewünscht, dass die Akzeptanz von Diversität nicht wie ein Trend kommt und geht, sondern sich Stück für Stück etabliert. Bis die Abbildung von Körpern tatsächlich der Realität entspricht, den vielen unterschiedlichen menschlichen Versionen, von denen nur wenige dem sogenannten Ideal gleichen. 

Doch öffnet man heute Instagram, erklären einem dünne, blonde Influencerinnen, was sie an einem Tag essen, um so auszusehen, wie sie aussehen. Vorher-Nachher-Bilder von Prominenten und Supermodels zeigen das präferierte Zielgewicht. Rezepte aus Beeren und Eiweiß werden mit den Worten "Wir sehen uns in drei Monaten in dem kleinsten Bikini" betitelt. Neue Magersucht förderne, "Pro-Ana"-ähnliche Initiativen erleben natürlich auch ein Comeback. Heute aber heißen sie anders. Da gibt es etwa die "Skinni Société" von Influencerin Liv Schmidt. Und hier lernt man, wie ein dünnes Mädchen zu essen. 

"Disziplin ist die höchste Form der Selbstliebe", ist das Mantra. "Wie man aufhört, nach dem Abendessen zu essen: Dünne Mädchen naschen nachts nicht. Sie machen die Küche zu. Das Essen nach dem Abendessen ist selten echter Hunger. Es ist Stress. Langeweile. Gewohnheit. Impuls. So habe ich gelernt, den 'Ausschalter' zu aktivieren. Keine "Snack-Attacken". Kein zielloses Herumwandern. Nur ein sauberer Abschluss des Tages – und ein frisches Gesicht am Morgen. Merk dir dieses System."


Nicht, dass man auf die Idee käme, Essen wäre mehr als eine programmierte Nahrungsaufnahme. Und es scheint zu wirken, denn Schmidt ist sehr dünn – und hat beim Schreiben dieses Textes 313.000 Follower, die ihr vermutlich gleichen wollen. Sie zeigt auf, wie man auch am Wochenende "Skinni" bleiben kann, erklärt das passende Mindset und postet ein Bild von sich mit einem riesigen Stück Torte. In der Bildunterschrift weist sie jedoch darauf hin, dass die nur eine Requisite sei. Von da aus ist es nicht mehr weit zu Kate Moss' legendärer Äußerung, dass nichts so gut schmecke wie das Gefühl, dünn zu sein.

Von gefeierter Selbstakzeptanz führt der Weg über detailverliebte "Selfcare", strenge "Morning-Routinen" zum trainierten Pilates-Girl - und möglicherweise hin zu einer verschwindenden Person, deren Ziel ein möglichst dünner Körper ist. Social-Media-Ästhetiken im Schnelldurchlauf. Heute wird offen verbreitet, dass Schlanksein kompromisslos ist – es sei nicht nur gesund, sondern vor allem eine mentale Einstellung und für jeden umsetzbar. "#SkinnyTok" heißt das Phänomen auf TikTok – und ist nach Auffassung mancher Beobachter gerade für die jüngere Zielgruppe so gefährdend, dass bereits die Politik eingeschritten ist. 

Die französische Digitalministerin Clara Chappaz etwa hat "#SkinnyTok" der Aufsichtsbehörden wegen Bedenken der Förderung von Magersucht gemeldet. Warum dieses ausgezehrte Aussehen gerade jetzt zurück ist, hat mehrere Ursachen. Und es ist ein Teufelskreis: Immer weniger Vorbilder in großen Größen gab es in den letzten Monaten auf den digitalen Plattformen zu sehen - und das weckt die Begierde, dem neuen, alten Mainstream zu folgen.

Dünnsein ist durch Ozempic kein Kampf mehr

Viele einst zufrieden scheinende Prominente, die als curvy galten, sind innerhalb kürzester Zeit zur perfekten Doppelnull geschrumpft, Ozempic sei Dank. Das als Abnehmdroge genutzte Diabetes-Medikament verlangsamt die Magenentleerung, wodurch man sich länger satt fühlt. Außerdem kommuniziert es dem Hirnzentrum für Hunger weniger Appetit. Dadurch ist Dünnsein heute für die Elite kein Kampf mehr, den sie mit ihrem Personaltrainer ausfechten – eine Spritze genügt ja schon. Wer heute dick ist, entscheidet sich ganz offenbar gegen das Dünnsein.

Repräsentation ist wichtig – und wo es keine Körperdiversität gibt, haben es Trends wie die "Skinny-Mentalität" leichter. Doch nicht Ozempic allein fördert magere Körper, es ist viel mehr das Mittel zum Zweck. Es ist das generelle politische und gesellschaftliche Klima, in dem vor allem dünne Frauen akzeptiert sind – denn die sind es ja meistens, die sich den Körpertrends verschreiben sollen. 

Der Konservatismus, der seit Längerem an Macht gewinnt und in Donald Trumps Wiederwahl in den USA seine autoritäre Ausprägung zeigt, bedingt mehr als nur politische Entscheidungen. Er verlangt auch eine rückschrittliche Ästhetik, die wir bereits durch die Rückkehr des Echtpelzes, das verbreitete Entfernen von Tattoos und zurückhaltende Herbst-Winter-Kollektionen erleben konnten. Dass nun auch die Silhouette angepasst werden muss, ist in diesem Kontext eine logische Konsequenz. In einem von Donald Trump regierten Land ist kein Platz für all das, was von Konvention abweicht. Es gibt zwei Geschlechter, einen "König" und sein System, und man hat gefälligst hineinzupassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Weiteressen als Protest

Frauen, die in jeder freien Sekunde mit dem eigenen Gewicht und der Selbstoptimierung beschäftigt sind, haben kaum Kapazitäten, sich mit dem politischen Zerfall ihres Landes auseinander zu setzen. Oder gar zu protestieren. Sie wieder in eine Kindergröße stecken zu wollen, verbildlicht nur noch einmal eine Entmündigung, die immer mehr voranschreitet. 

Nicht genug Kalorien zu sich zu nehmen, schwächt dazu den Körper und die Konzentrationsfähigkeit. Man wird machtlos, wehrlos, manipuliert sich selbst in eine Opferrolle. Dazu ist Schlankheit gerade in den USA ein Privileg, das sich oft nur reiche, zum großen Teil weiße Menschen leisten können. Zu teuer sind frische Nahrungsmittel, zu wenige Einkaufsmöglichkeiten gibt es in abgelegenen Landstrichen. Der Körperkult verdeutlicht also auch, wer zur standardisierten Elite gehören kann, und wer nicht.

Es ist traurig mitanzusehen, wie sich höchst ungesunde Muster und Praktiken innerhalb von nur zwei Jahrzehnten wiederholen. Als hätten wir von abgestürzten Jungschauspielerinnen, die dem Druck der Öffentlichkeit nicht Stand halten konnten und von reihenweise essgestörten Jugendlichen, die oft ein Leben lang mit den Folgen ihrer Krankheit zu kämpfen haben, nichts gelernt. Das einzig Gute ist, dass auch dieser Trend wieder vorbeigehen wird. Bis dahin ist die wohl einfachste und angenehmste Form des Protests: Weiteressen. Und vielleicht TikTok löschen.