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Meese-Biografie

Erzbube

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Die Biografie des Künstlers Jonathan Meese erklärt die Diktatur der Kunst Würden Sie diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen? Die Sugges­tivfrage will ein "Nein" und kostete 1960 den US-Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon den Wahlsieg gegen JFK. In der Kunst gelten andere Gesetze. "Mach Dich unwählbar", der Untertitel der neu erschienenen Biografie "Jonathan Meese 1970–2023", zeigt klare Kante gegen Ranschmeißertum, Sympathiepunktesammelei und Imagepflege. Meese möchte nicht nett gefunden werden, er hält sein Publikum auf Distanz, in seine Kunst sollen keinesfalls politische Botschaften hineingelesen werden.

Meeses Zeichnungen, Malereien, Bronzen und seine von spielerisch verdrehten Namen, ins Absurde gesteigerten Kampfbegriffen und sonstigen Wortungetümen strotzenden Installationen sind laut, aber ideologiefrei. Seinen Aktionen fehlt das Agitatorische, ihm selbst die Neigung zum Guruhaften. Joseph Beuys, so Meese in einem "Spiegel"-Gespräch, "war ichversaut zum Schluss bis zum Gehtnichtmehr, der hat die Grüne Partei gegründet, das ist ja ganz grauenhaft. Da hat er versucht, die Kunst der Realpolitik unterzujubeln. Das ist Hochverrat, Mann. Komischerweise sind alle Künstler heute linkspolitisch. Ist doch mickrig. Sei doch gar nichts."

Das "gar nichts" oder die Idee, sich als "Ameise der Kunst" nützlich zu schrumpfen, trifft vor allem auf den privaten Meese zu, der im Karriereverlauf zunehmend hinter der Kunstfigur zurücktrat. Den Herausgebern des Bandes, Robert Eikmeyer und Doris Mampe, ist das Kunststück gelungen, das Faktische und das Fiktive zwar ineinanderzublenden, aber die Kontaktstellen zwischen Echtem und Erfundenem doch sichtbar zu lassen.

Beim reichhaltig vorhandenen Bildmaterial liegt natürlich klarer zutage, was authentisch und was erzmeesisch hinzucollagiert ist, was Inszenierung und, zum Beispiel, Hochschulalltag mit Professoren wie Franz Erhard Walther oder Werner Büttner. Doch die quirlige, aber nicht verwirrende Mischung aus Künstlerbuch und reflektierter Künstlerbiografie funktioniert auch in der Textmontage, weil der Leser durch typo­grafische Mittel den Überblick behält. Die O-Töne Meeses, nach Interviewsitzungen von den Autoren transkribiert, sind kursiv gedruckt.

In einer dieser Passagen erklärt der Künstler zum Beispiel sein formales Interesse an der Hitler-Figur: "Also, mich schaltet das Gebrüll von Adolf Hitler ja total an. Manche können das ja überhaupt nicht ertragen. Ich sehe das aber animalisch, nicht moralisch. Für mich ist das Gebelle wie so eine Rhythmusgeschichte, wie ein Taktgeber, also ein Trommelschlag auf der Kunstgaleere: bumm, bumm, bumm. Und der Wagner ist das auch." Davon abgesetzt sind Zitate aus klug ausgewählten Fachtexten, chronologisch strukturiert wird das Buch durch Werk- und Ausstellungsdaten. Fantasiezahlen gibt es auch – so bricht im Jahr 2023 die Diktatur der Kunst an. Wird ja wohl Zeit geworden sein.

Nein, er will uns gar keinen Gebrauchtwagen verkaufen. Und sich bestimmt auch nicht zum Bundespräsidenten wählen lassen. Als "Parsifal"-Regisseur in Bayreuth hätte er durchaus schalten und walten wollen, aber Katharina Wagner traute sich am Ende nicht.

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