Open Call der Manifesta 16+

Essen, trinken, singen

Foto: Publikum bei Open-Call-Präsentation; Projektion 'Open Call', Person am Pult auf Bühne.
Foto: © Anton Vichrov / Manifesta 16 Ruhr

Manifesta-Leiterin Hedwig Fijen bei der Enthüllung der Open-Call-Teilnehmenden

Bei einem Open Call konnten sich Initiativen und Künstlerinnen und Künstler aus dem Ruhrgebiet für das Programm der Manifesta 16 + bewerben – und hatten viele originelle Ideen

Sacred Kitchen

Hände schneiden Kürbis auf Schneidebrett; Messer, Schüssel und Schäler auf Holzarbeitsplatte.
Foto: Beate Gärtner

Kaum etwas verbindet Menschen so sehr wie gemeinsames Essen. Beim Austausch von Rezepten und Küchentricks kommen sich selbst die unterschiedlichsten Menschen mühelos näher. Genau das macht sich das Projekt zunutze, das die Essener Künstlerin Beate Gärtner für das Manifesta 16+-Programm realisiert. 

Für Manifesta 16+ konnten Künstlerinnen und Künstler sowie Initiativen aus der Region Vorschläge einreichen, aus denen 16 Projekte ausgewählt wurden. Bei Gärtners "Sacred Kitchen" versammeln sich an drei Abenden Menschen im Gemeindezentrum Fulerum in Essen, um nach dem Rezept einer Künstlerin zu kochen. Die koreanische Künstlerin Sung Mi Marina Kim, die aus der Ukraine stammende Julia Priss und die peruanische Künstlerin Karla Paredes gestalten diese Kochabende mit Geschirr, Tischdekoration und Rezepten jeweils auf sehr unterschiedliche Weise.

Eingeladen sind Menschen aus der Nachbarschaft und andere Interessierte. Sie sind aufgefordert, auch ihre eigenen Herzensrezepte mitzubringen, die an die Wand geheftet werden. Am Tisch werden dann bestimmte Fragen diskutiert: "Woran erinnert dich dieses Gericht?", "Wer fehlt heute in dieser Runde?" oder "Welche Zutaten braucht die Gesellschaft der Zukunft?"

Gärtner, die an der Kunstakademie Düsseldorf studiert hat und in Essen lebt, arbeitet interdisziplinär: Sie nutzt Video und Augmented Reality, aber auch performative Elemente. Sie stellt nicht nur aus, sondern kuratiert und organisiert auch Ausstellungen. Bei den Kochabenden von "Sacred Kitchen" kommt all das zusammen. Aus Filmaufnahmen, die Gärtner an diesen Abenden macht, wird eine Videoinstallation entstehen, die im Oktober am Ort der Workshops präsentiert wird. Zur Eröffnung sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wieder treffen – und hoffentlich nachhaltige Kontakte knüpfen.

 

Sing our Songs!
 

Fünf Personen vor bogenförmigem Wandbrunnen mit Bronze-Relief an Backsteinfassade.
Foto: Sing our Songs!/Markus Pottbäcker

Etienne Walch (Musiktheater im Revier), ​Jürgen Reitzler (Musiktheater im Revier), ​Julia Höner (Kunstmuseum Gelsenkirchen), ​Markus Pottbäcker (Kirchengemeinde St. Urbanus), ​Kim Lensing (Kunstmuseum Gelsenkirchen)

Dass das gemeinsame Singen Identität stiftet, Zusammenhalt fördert und solidarisch miteinander macht, ist jedes Wochenende in den Fußballstadien zu spüren. Aber auch um gemeinsam zu protestieren, hat das Singen eine lange Tradition, gerade im Ruhrgebiet, wo man sich damit bei der Arbeit verbündete, sich bei Demonstrationen ausdrückte oder beim Streik die Gemeinschaft nicht nur beschwor, sondern auch laut hörbar machte. Doch die Tradition der Arbeiterlieder stirbt – wie auch das gemeinsame Singen in der Kirche – mehr und mehr aus. Für das Projekt "Sing our Songs!", geleitet von Pfarrer Markus Pottbäcker, kooperieren katholische Kirche, das Musiktheater im Revier MiR und das Kunstmuseum Gelsenkirchen.

Geprobt und gesungen werden unter anderem Lieder wie "Keiner schiebt uns weg" der Arbeiterinnen des Gelsenkirchener Fotolabor-Betriebs Heinze, das bei ihrem Arbeitskampf 1979 für die Angleichung der Löhne entstanden ist, und Stücke der von Imran Ayata und Bülent Kullukcu zusammengestellten Compilation "Songs of Gastarbeiter", in denen die Lebensrealitäten eingewanderter Arbeiterinnen und Arbeiter thematisiert werden.

 

"Zuhören"

Foto: Menschen im Foyer bei einem Empfang; Buffet links, Gespräche, Tageslicht durch hohe Fenster.
Foto: Ole-Kristian Heyer

Projektauftakt von "Zuhören"“ in der Kirche St. Engelbert in Mülheim

Die Kirche St. Engelbert in Mülheim-Eppinghofen wurde von der katholischen Kirche 2025 aufgegeben, eine Umwandlung in Wohnraum verhindert der Denkmalschutz. Aber was kann man aus dem Gebäude mit seinem Turm aus roten Ziegeln sonst machen? Aktuell werden Gespräche mit Anwohnerinnen und Anwohnern geführt, denn sie sind ja die Experten für ihre Nachbarschaft. Der Mülheimer Kulturverein Makroscope e. V. und die Gruppe Ruhrorter (Theater an der Ruhr) haben das Projekt "Zuhören" ins Leben gerufen und machen St. Engelbert zum Ort akustischer Erkundungen und des Austauschs. In einer Rauminstallation wird ein mehrteiliges Hörspiel über fünf Tage aufgeführt. Dazu gibt es musikalische Beiträge und Gespräche beim gemeinsamen Essen. Klar ist für die Menschen der Gegend, dass ein dauerhafter Leerstand des Kirchengebäudes katastrophal wäre. Stattdessen wird neuen, konstruktiven Ideen ganz buchstäblich Gehör verschafft.

 

"This is not a Bar"

Grafik mit roter Frakturschrift 'This is not a bar' über blasser Architekturzeichnung.
Foto: Wilko Meiborg

Gelsenkirchener Barock" war bundesweit eine despektierliche Bezeichnung des Geschmacksbürgertums für die Möblierung der guten Stube von Arbeiterwohnungen. Dabei waren die damals so beliebten historisierenden Kommoden und Schränke, häufig mit Wölbungen versehen und in dunklem Holz gehalten, Ausdruck von Wohlstand und einer universellen Sehnsucht nach Tradition und Komfort. Nachdem die große Welle der ironischen Vereinnahmung längst vorbei ist, kann man diesen Stil nun wieder ernst nehmen und auch formale Qualitäten darin entdecken. 

So machen es auch die beiden Künstler Felix Meermann und Wilko Meiborg, die eine umgenutzte Nachkriegskirche in Dortmund, das Sozial Ökologische Zentrum SÖZ, in eine temporäre Kneipe umwandeln und sie stilecht einrichten.