Künstlerin Esther Shalev-Gerz

"Ein Denkmal kann den Faschismus nicht bekämpfen. Das müssen wir selbst tun"

Ihr Antifaschismus-Denkmal in Hamburg ist langsam im Boden versunken: Esther Shalev‑Gerz über Leerstellen, Erinnerung und die Grenzen von Monumenten

Wie setzen wir uns mit Geschichte und Erinnerung auseinander? Welche Formen kann kollektives Gedenken annehmen? Braucht es eine sichtbare, mahnende Präsenz – oder können leere Räume sogar wirkungsvoller sein? 1986 errichteten Esther Shalev-Gerz (geb. 1948) und Jochen Gerz (geb. 1940) im Hamburger Stadtteil Harburg ein ungewöhnliches Denkmal gegen den Faschismus. Statt sich durch monumentale Präsenz im Stadtraum zu behaupten, wurde das Denkmal für seine radikale Verwendung von Abwesenheit in Verbindung mit partizipativen Strategien bekannt.

"Wir laden die Bürger:innen von Harburg und die Besucher:innen der Stadt ein, ihren Namen hier unseren eigenen anzufügen", heißt es in einem auf sieben Sprachen formulierten Statement der Künstlerin und des Künstlers. "Es soll uns verpflichten, wachsam zu sein und zu bleiben. Je mehr Unterschriften der zwölf Meter hohe Stab aus Blei trägt, um so mehr von ihm wird in den Boden eingelassen. Solange, bis er nach unbestimmter Zeit restlos versenkt und die Stelle des Harburger Mahnmals gegen Faschismus leer sein wird. Denn nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben."

Bis 1993 wurde die Stele sukzessive im Boden versenkt – heute sieht man nur noch die Oberseite als Platte im Boden. Durch ein Fenster in einer Unterführung lässt sich ein Blick auf den unterirdischen Teil werfen. Vor Kurzem wurde das stark verfallene Denkmal restauriert und im Rahmen eines performativen Stadtrundgangs in Anwesenheit der Künstler wieder in öffentliche Bewusstsein der Hamburger Bürger gerückt. Grund genug, um mit ihr über neue Denkmäler, das Potenzial des Abwesenden und eine andere Art der Erinnerung zu sprechen.

Esther Shalev-Gerz, wenn wir an Denkmäler denken, erwarten wir normalerweise monumentale Bauwerke. Ihr "Monument gegen Faschismus" hingegen zeichnet sich durch seine offensichtliche physische Abwesenheit aus. Von der zwölf Meter hohen Stele ist nur noch ein in den Boden eingelassenes Quadrat übrig. Wie kam es zu dieser Formveränderung?

Als Jochen Gerz und ich begannen, über den Auftrag für das Denkmal gegen den Faschismus zu diskutieren, wollte ich überhaupt kein Denkmal schaffen. Ich bin in Litauen unter russischer Besatzung geboren und inmitten großer, unbeweglicher Denkmäler aufgewachsen. Später, in Israel, gehörten schwere Holocaust-Denkmäler zu meiner alltäglichen Landschaft. Mein tiefer Wunsch war es, dass Denkmäler verschwinden, und von diesem Ausgangspunkt aus haben wir das Projekt entwickelt. Wir wollten einen anderen Weg vorschlagen, um einen Ort der Reflexion und der Auseinandersetzung mit dem Kampf gegen den Faschismus zu schaffen. Das Denkmal sollte sich durch die Beteiligung der Öffentlichkeit verändern. Über einen Zeitraum von acht Jahren wurde es nach und nach in den Boden abgesenkt, bis es vollständig verschwunden war und der Ort leer zurückblieb.

Wie kann diese andere Art des Erinnerns, die Sie vorschlagen, konkret Gestalt annehmen?

Für mich geht es in erster Linie um Partizipation. Beim Hamburger Denkmal tragen sich die Menschen mit ihrem Namen ein. Was auch immer sie schreiben, durch das Unterschreiben entsteht eine neue, persönliche Erinnerung. Diese ist das wichtigste Element. Selbst diejenigen, die nicht direkt partizipieren, werden dazu angeregt, über das Werk nachzudenken. In den meisten meiner Projekte lade ich Menschen ein, sich auf unterschiedliche Weise zu beteiligen, denn dadurch schaffen wir gemeinsam neue Erinnerungen. Ich glaube, dass Beteiligung heute eine neue Form des Seins ist – bedeutender als Loyalität oder Zugehörigkeit.

Wie verstehen Sie Erinnerung?

Erinnerung ist die Verkörperung der Abwesenheit – die Darstellung dessen, was unsichtbar ist, verschwindet, vergänglich ist. Sie ist die Konstruktion der Leere, das Negativ der Präsenz. Wenn wir von Erinnerung sprechen, gehen wir davon aus, dass wir wissen, was wir meinen, aber sie ist zutiefst persönlich und auch zeitlich individuell. Was geschieht in der Welt, wenn wir darüber sprechen? An vielen Orten ist Erinnerung, so wie wir sie verstehen, nicht erlaubt. Unser Unbewusstes, geprägt von Leben und Erfahrung, spielt eine zentrale Rolle. Dennoch glaube ich, dass wir in einer ständigen Gegenwart leben. Selbst ferne Erfahrungen werden im Jetzt aktiviert. Es ist die Gegenwart, die das prägt, was wir Erinnerung nennen – wie wir uns mit einem Thema auseinandersetzen und wie es an Bedeutung gewinnt.

Und auch die Öffentlichkeit ...

Ja. Der Text des "Monuments gegen Faschismus" lädt die Menschen dazu ein, im öffentlichen Raum zu unterschreiben. Das bedeutet, dass dieser Akt von anderen beobachtet wird. Normalerweise passiert sowas unter vier Augen in einem Raum. Hier sind Unbehagen und Entfremdung wichtig, weil sie Bewegung und Dynamik erzeugen. Das Handeln im öffentlichen Raum erfordert Vertrauen: in das Kunstwerk und in sich selbst. Vertrauen ist in der Kunst unerlässlich. Menschen dazu einzuladen, der Kunst zu vertrauen, ermutigt sie, sich selbst zu vertrauen. Das Denkmal verschwindet langsam, um eine einfache Wahrheit zu vermitteln: Es kann den Faschismus nicht bekämpfen. Nur Menschen können das. Das ist die Kernidee: Menschen zu engagieren, sie daran zu erinnern, dass sie die Macht haben, nicht nur neue Erinnerungen zu schaffen, sondern vielleicht auch zukünftige zu formen. Ohne ihr Handeln kann das Monument nur sehr wenig bewirken. Über einen Zeitraum von acht Jahren haben rund 60.000 Menschen das Monument auf die eine oder andere Weise berührt und es damit verschwinden lassen.

Das "Monument gegen Faschismus" nach der letzten Absenkung
© Studio Shalev-Gerz

Das "Monument gegen Faschismus" nach der letzten Absenkung

 

Traditionelle Denkmäler erinnern oft an etwas Gewaltvolles oder Tragisches. Könnte Ihre Arbeit auch als Monument für das Vertrauen in die eigene Kraft der Menschen verstanden werden?

Wenn man sich mit gewalttätigen Themen befasst, ist es die Kunst, Gewalt zu konfrontieren, ohne sie in der Darstellung nachzustellen. Das ist für meine Arbeit von entscheidender Bedeutung. Es ermöglicht neue Formen für ein Denkmal, das mit der Öffentlichkeit geschaffen und aktiviert wird, da es für die Öffentlichkeit geschaffen wird. Auf diese Weise trägt das Denkmal nicht die Last passiver Erinnerung.

Wie in Ihrer Videoinstallation "Between Listening and Telling: Last Witnesses, Auschwitz" von 1945-2005, in der man nur die Pausen zwischen dem Gesprochenen sieht?

Ja. Im Jahr 2005 arbeitete ich mit Aussagen von 60 Holocaust-Überlebenden. Sie wurden gefilmt, während sie Fragen beantworteten: Was haben Sie während des Krieges, vor dem Krieg, und danach gemacht? Neben diesen unbearbeiteten Zeugenaussagen präsentierte ich ein zweites Video, das ausschließlich aus den Schweigepausen bestand – den Pausen, in denen sie nachdenken und sich erinnern, bevor sie ihre Worte formulieren. James E. Young schrieb nach dem Betrachten der Installation: "Shalev-Gerz zeigt uns nicht nur den tiefen Raum zwischen Zuhören und Erzählen, sondern auch den unüberbrückbaren Raum zwischen der Erinnerung eines Überlebenden und einer mündlichen Zeugenaussage. Es ist fast so, als ob diese Erinnerung, sobald sie in Worte gefasst ist, nicht mehr die Erinnerung des Überlebenden ist, sondern nur noch unsere eigene." Ich finde diese Formulierung sehr schön, weil sie genau das erfasst, was ich suche: Ich möchte Kunst schaffen, die das Feld des Ausdrucks im tiefsten Sinne des Wortes aktiviert und erweitert. Eine Übertragung findet im leeren Raum statt – zwischen Stille und Sprache, zwischen dem Kunstwerk und der Betrachterin, zwischen dem Künstler und der Öffentlichkeit. Diese Leere ist voller Absichten, Versprechen und Erinnerungen. Es ist schwierig, solche Räume in der Kunst zu schaffen, aber wenn sie angeboten werden, werden sie aktiv. Stille ist in diesem Sinne nicht die Abwesenheit von Bedeutung. Es ist der Moment, in dem gelebte Erfahrung – nicht mehr nur Worte – als Leben selbst übertragen wird.

Trotz des Potenzials der Leerstelle haben die Menschen in Hamburg ihre Erinnerungen verloren. Fast 30 Jahre nach der Installation befand sich das Denkmal in einem desolaten Zustand und musste restauriert werden. Ist das Gedächtnis in den letzten Jahrzehnten zerfallen? Oder ist es ein Zeichen einer Stadtpolitik, die sich nicht ausreichend um ihr kulturelles Erbe kümmert?

Die Pflege von Kunstwerken im öffentlichen Raum ist immer ein komplexes Thema, da es selten eine einzelne Person oder Behörde gibt, die wirklich für diese vielfältigen und oft fragilen Stätten verantwortlich ist. Im Fall des "Monuments gegen Faschismus" wird die Erinnerung in erster Linie von jeder Person getragen, die am Prozess teilgenommen hat. Ob aktiv oder nur als Zeuge der Aktion, diese Erfahrung wird Teil der persönlichen Erinnerung als Bürger:in. Ich halte die Schaffung der Rolle einer Stadtkuratorin für einen positiven Schritt. Sie ermöglicht es der Stadt, die Bedeutung und Qualität der im öffentlichen Raum installierten Denkmäler besser zu verstehen und sie auf eine Weise zu restaurieren, die sowohl historisch als auch künstlerisch sensibel ist. Eine solche Sorgfalt ist für die Erhaltung dieser Werke in der Zukunft unerlässlich, insbesondere in einer Stadt wie Hamburg, die über eine bemerkenswerte und vielfältige Sammlung öffentlicher Kunstwerke verfügt.

Was könnte man in Zukunft tun, damit die Menschen durch Ihr Denkmal aktiviert bzw. wachsam bleiben?

Das Bemerkenswerte an diesem 1986 eingeweihten Denkmal ist, dass es weiterhin das Interesse von Forschenden, Philosophen, Stadtplanerinnen, Dichtern und Künstlerinnen weckt. Ich erhalte jede Woche ein, zwei Anfragen zu Fotos oder Interviews. Die Menschen schreiben weiterhin darüber, weil die Idee selbst es am Leben erhält. Das Monument schlägt ein anderes Verständnis davon vor, was ein Denkmal sein kann. Es führt Bewegung, Transformation, Partizipation und Abwesenheit ein – Elemente, die Neugier, Kreativität und Gedanken anregen. Genau diese Eigenschaften halten die Menschen bei der Stange und lassen es auch nach seinem physischen Verschwinden aktiv bleiben.