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Ausstellung in Abrisshaus

Requiem für ein Wohnzimmer

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Zwischen "Mercedes-Welt" und "Smart-Center" in einem durchentwickelten Quartier in Berlin-Charlottenburg hat sich ein über 100 Jahre altes Wohnhaus behauptet. Jetzt betrauern die letzten Mieter den bevorstehenden Abriss und die voranschreitende Gentrifizierung mit einer Abschiedsausstellung

Im April 1986 stand Joachim Schmid auf seinem Balkon in der Englischen Straße in Charlottenburg und wollte eine unsichtbare Bedrohung fotografieren. Damals war gerade die Katastrophe von Tschernobyl bekannt geworden und die Berliner warteten unruhig auf die giftige Luft von Osten. Durch einen Entwicklungsfehler tauchten auf Schmids Fotos dann tatsächlich schwarze Flecken am Himmel über den Berliner Dächern auf. Das Gefühl der Bedrohung hatte sich materialisiert.

Über 30 Jahre später hängen diese Bilder wieder im Wohnzimmer in der Englischen Straße 29. "Etwas kam auf uns zu", steht auf einem Textplakat darunter. Doch diesmal ist die Bedrohung eine andere. Vom Balkon des Hauses aus sieht man nur noch wenig Himmel und schon längst kein Stadtpanorama mehr. Der Blick prallt von einem nichtsagend gerasterten Gebäude ab, von dem es in Berlin inzwischen Hunderte gibt und in dem unter anderem ein freudloses Hotel untergebracht ist. Die Nummer 29, ein hummerroter Altbau von circa 1900 mit Stuck und Prachttreppenhaus, ist das letzte Wohngebäude in der Straße am Charlottenburger Salzufer. Auf der einen Seite wird es vom Autohaus "Smart Center" bedrängt, daneben macht sich Mercedes mit einem ausladenden Showroom breit. Obwohl sich die Eigentümer lange gewehrt haben (2015 drohte die Besitzerin damit, das größte Bordell der Stadt zu eröffnen, um die Gegend für Investoren unattraktiv zu machen), wird das Haus mit rund 30 Wohnungen nun abgerissen.

Im Gebäude selbst trauern die letzten beiden Bewohner noch bis zum 24. Februar mit einer Ausstellung. Dagmara Genda und ihrem Freund William Engelen flatterte die Kündigung schon im Januar 2017 in den Briefkasten, aber während immer mehr Nachbarn das Gebäude räumten und im Seitenflügel schon die Wohnungen entkernt wurden, zahlte das Künstlerpaar weiter seine Miete und blieb in dem sich leerenden Haus wohnen. Ihre Räume im vierten Stock des Vorderhauses sind die einzigen, die noch bewohnbar sind. Durch ausgebaute Schlüssellöcher in den Haustüren kann man auf dem Weg nach oben in wüste Wohnungen schauen, in denen nur noch Schutt und Staub in den Fluren liegt. Die Leere, sagt Dagmara Genda, ist Teil des Kunstwerks.

Die Künstlerin, die in Polen geboren und in Kanada aufgewachsen ist, hat für die Gruppenschau mit dem Titel "Etwas kam auf uns zu" die Zimmer in Ausstellungsräume verwandelt. Mehrere der eingeladenen Künstler haben selbst in der Wohnung gewohnt. Der Komponist William Engelen, der seit 19 Jahren in der Englischen Straße 29 zu Hause war, begrüßt Besucher schon im Treppenhaus mit einer leicht gespenstischen Soundinstallation aus klingenden Gläsern. Im seinem ehemaligen Atelier, in dem auch die schwarzen Himmelsflecken von Joachim Schmid hängen, läuft eines von Engelens experimentellen Orgelstücken. "Ein Requiem für dieses Haus", sagt Dagmara Genda. Sie selbst hat die Formen von Türen und Fenstern der Wohnung aus LKW-Planen ausgeschnitten und dann als Fadenskulptur wie Spinnweben im Raum verteilt. Einige der Werke, die die Tapetenillusion von Friederike Feldmann oder die bunten Keramikfliesen im Bad von Emily Hunt, werden mit dem Haus zerstört werden. Im Abstellraum inszeniert Emma Adler mit Spiegeln das Gefühl, in bodenlose Tiefe zu fallen.

Die Idee, Kunst in einem Fast-Geisterhaus in einer Unternehmens-Hochglanzgegend zu sehen, scheint viele Menschen zu interessieren. Allein zur Eröffnung standen sich fast wie bei einer Wohnungsbesichtigung in Kreuzkölln gut 300 Menschen auf den Füßen. "Es ist absolut nicht außergewöhnlich, was hier passiert", sagt Dagmara Genda, die mit William Engelen nach fast zweijähriger Suche inzwischen eine neue Wohnung gefunden hat. "Es ist schade, dass viele Menschen fast schon gleichgültig darauf reagieren, wenn Wohnraum verschwindet." Die Situation, dass in einem Abrisshaus ein temporärer Kunstraum entsteht – und das sogar mit Fördergeld der Senatsverwaltung für Kultur und Europa – findet sie paradox. "Früher gab es das in Berlin oft, weil so viele Häuser leer standen", sagt sie. "Heute steht diese Ausstellung für das Verschwinden von Wohnraum, der dringend gebraucht wird."

Im Treppenhaus und im Hausflur der Wohnung verknüpft Thomas Locher den Fall nicht ohne Pathos mit den ganz großen Themen: Auf zweisprachigen Plakaten hat er den Artikel 25 der Menschenrechte gedruckt, den die Besucher mit bunten Stiften kommentieren sollen. Beim Abschnitt, in dem es um das Recht auf Wohnung geht, hat jemand mit schwarzem Edding dazugeschrieben: "I would like to believe it."

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