Eine "Ausstellung von Weltrang" nannte sie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schon am Tag vor der Eröffnung. Doch auch, wenn man vielleicht nicht ganz so hoch ins Regal greifen möchte, ist es doch eine der bemerkenswertesten Kunstschauen des Jahres: "European Realities" im Museum Gunzenhauser Chemnitz.
Die sächsische Industriestadt, einst eine der wohlhabendsten in Deutschland und seit den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs nie mehr so richtig auf die Füße gekommen, schmückt sich in diesem Jahr mit dem Titel einer Kulturhauptstadt Europas. Da kommt ein Vorhaben, das sich schon im Titel als europäisch ausweist, natürlich gerade recht. Tatsächlich aber hat Kuratorin Anja Richter von den dortigen Kunstsammlungen seit sechs Jahren an dem Projekt gearbeitet. So ist es eher ein glücklicher Umstand, dass ihr Ergebnis ins Kulturhauptstadt-Programm fällt – und darin nun eine zentrale Rolle spielt.
Die Schau hat den Ehrgeiz, beim Blick auf die europäische Kunst der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1939 endlich einmal über Deutschland, Frankreich und allenfalls Italien hinauszugehen. Dieses Vorgehen hat eine solche Fülle von übersehenen, vergessenen und rundheraus unbekannten Künstlerinnen und Künstlern zusammengebracht, dass man geneigt ist, die Kunstgeschichte dieser Epoche neu zu schreiben – mindestens aber erheblich zu erweitern.
Von Holland bis Litauen, von Schweden bis Bulgarien
300 Gemälde von 190 Künstlerinnen und Künstlern aus 21 Ländern sind im Museum Gunzenhauser zu sehen; auf sämtlichen vier Etagen dieses einst als Sparkassenzentrale errichteten neusachlichen Gebäudes, das der Architekt Volker Staab zu einem exzellenten Museum umgebaut hat. In der numerischen Aufzählung der Beteiligten stecken gleich zwei wichtige Informationen: nämlich, dass es bemerkenswert viele Künstlerinnen im besagten Zeitraum gab, und zwar in allen europäischen Ländern. Und dass sich die Zahl der Staaten 1918/19 vervielfacht hatte, bedingt durch den Zerfall und die Aufspaltung der Großreiche Deutschland, Österreich, Russland und der osmanischen Türkei.
Nun gab es neue Länder in Mittel- und Osteuropa, und die vormals im Schatten der Großreiche stehenden Nationen fühlten sich gleichberechtigt und verschafften sich kulturell Gehör. So versammelt die Ausstellung Protagonisten von Holland bis Litauen, von Schweden bis Bulgarien. Die Werke stammen vielfach aus Museen, die kaum je internationale Aufmerksamkeit erfahren haben. Die offenbar aber wahre Fundgruben sind, nimmt man die Leihgaben als Hinweis auf weitere Schätze der jeweiligen Sammlungen.
Die realities im Ausstellungstitel meinen gleichfalls Zweierlei: eben die neuen Realitäten, die es künstlerisch wahrzunehmen galt, und den Modus dieser Wahrnehmung als "realistisch". Der Sammelbegriff taugt hier besonders gut. Schließt er doch die Nachbargebiete wie den Naturalismus und den Surrealismus stellenweise mit ein. Sagen wir einfach "Abbildhaftigkeit", wie individuell auch immer in der Sichtweise.
Neue Möglichkeiten in harten Zeiten
Die Zeiten waren nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg, mit dem sich Europa um seinen Wohlstand gebracht hatte, durchweg hart. Doch sie versprachen auch neue Möglichkeiten der Demokratie, der Teilhabe und nicht zuletzt der Rechte von Frauen. Ständische Barrieren waren an Akademien und im Beruf endgültig beseitigt worden. Freilich drohte neue Gefahr von der politischen Rechten, und nach und nach wandelten sich die meisten neuen Demokratien zu autoritären Regimen.
Die Blüte der "Kunst-ismen", wie ein damaliger Buchtitel lautete, von Kubismus bis Expressionismus, ging nach 1918 rasch zu Ende. Der "Rappel à l'ordre", der "Ruf zur Ordnung", der in Paris ertönte, musste die Künstler in den peripheren Gegenden Europas nicht erst überzeugen. Zu mächtig war die Realität, als dass sie sich ihr entziehen konnten.
Die Themen lagen buchstäblich auf der Straße. Zu malen gab es alles von den Versehrten des Weltkriegs bis zu Arbeitslosen und Demobilisierten. Aber eben auch den Glanz und Glitter der Nacht und dem neu aufkommenden Sport als Ausdruck von Selbstbestimmung.
Nüchtern, prüfend, ohne Pathos
Immer wieder sind Porträts zu sehen, nüchtern, prüfend, ohne Pathos. Warmherzig die zahlreichen Kinderbildnisse, ob von dem Schweden Torsten Wessberg ("Mädchen mit Steckenpferd", 1920), dem Esten August Jansen ("Bildnis der Tochter", 1926) oder dem aus Böhmen stammenden Ernst Nepo ("Familienbildnis Keller", 1929).
Künstlerinnen zeigen selbstbewusste Frauen ihrer Zeit, so die Bulgarin Ekaterina Savova-Nenova ("Bildnis Schivka Todorova"), die Elsässerin Lisa Elisabeth Krugell ("Bildnis einer Dame mit Leopardencollier", 1928), die Polin Irina Luczinska-Szymanowska ("Lesende Frau") oder die nach Schweden emigrierte Lotte Laserstein ("Dame im Café: Lotte Fischler", 1939).
Eine in ihrer Häufung witzige Abteilung ist den Stillleben mit Kakteen und Gummibäumen gewidmet; zeittypischen, widerstandsfähigen Pflanzen, die auf jedem noch so kargen Küchenbord gedeihen. Gemalt wurden sie beispielsweise von Stina Forssell, Tore Kumlin, Boris Eliseev oder Ilona Singer-Weinberger. Eingesponnen in eine surreale Botanik ist der "Gärtner" von Franz Sedlacek (1928), ähnlich Wilhelm Heise in seinem "Selbstbildnis als Radiobastler" aus demselben Jahr.
Eine Wirklichkeitsauffassung, ein Weltverständnis
Man müsste sie alle nennen, alle Künstler, alle Werke, alle Länder; nicht zuletzt alle Museen, die so großzügig geliehen haben. Nebenbei ist allein die Koordination dieses Projekts eine logistische Meisterleistung des Teams vom Museum Gunzenhauser.
Am Ende des Parcours durch vier Stockwerke und zahllose Säle, nach 300 Gemälden, von deren man jedes aufsaugen und im Gedächtnis bewahren möchte, wächst die Ahnung, dass man der Vielfalt und dem Reichtum der realistischen Malerei in den zwei Jahrzehnten zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg gar nicht gerecht werden kann. Dass da noch viele Themen liegen, die selbst in dieser Mammutausstellung nur angerissen werden. Zumindest begreift man, dass die "Neue Sachlichkeit", die 2025 in Mannheim ihr 100. Jubiläum feierte, keine spezifisch deutsche, sondern eine paneuropäische Stilrichtung war - und gleichzeitig mehr als nur Kunst, sondern eine Wirklichkeitsauffassung, ein Weltverständnis.
Zum Glück bleibt von dieser Ausstellung der mächtige, überreich illustrierte Katalog (im Hirmer Verlag, 58 Euro), eine Fundgrube nicht zuletzt für vertiefende Ausstellungen einzelner Künstler und Länder. Von europäischem Rang ist die Chemnitzer Ausstellung allemal.