Kuratorin Eva Reifert über Geister

"Unsere Gegenwart wird durch die Vergangenheit heimgesucht"

Geister erscheinen nie ohne Grund: Das Kunstmuseum Basel widmet sich übernatürlichen Phänomenen in der Bildgeschichte. Hier spricht Kuratorin Eva Reifert über Spuk in unseren Köpfen und den Grusel der KI

Geisterhaft flackern die Leuchten von Philippe Parreno im Treppenhaus, die den Weg zur Ausstellung weisen. Die Dramaturgie, die leichte Verunsicherung, ist mit Bedacht inszeniert. Doch entgegen der Annahme, dass im Obergeschoss des Hauses Schauermärchen warten, überrascht die von Eva Reifert und ihrem Team kuratierte Ausstellung "Geister" im Kunstmuseum Basel mit subtilen und subjektiven Denkräumen. Kein historisches Gruselkabinett, sondern eine feinsinnige kulturgeschichtliche Hinterfragung eines Phänomens erstreckt sich über neun Räume.

Was können wir heute vom Geisterglauben lernen? Welche Bezüge hat er zu einer technisierten und zunehmend digitalisierten Welt? Den Auftakt der Ausstellung bildet das 19. Jahrhundert. Rationalisierung und technische Erfindungen führten damals paradoxerweise zu einem Zuwachs an Übernatürlichem. "Geisterfotografien" begegnen dem Publikum in Basel ebenso wie zeitgenössische Dekonstruktionen des Unheimlichen durch Rachel Whiteread oder humorvolle Betrachtungen durch Erwin Wurm. Gezeigt werden aber auch unerwartete Referenzen, wie die Verknüpfung von Poltergeistern und der Entdeckung des kollektiven Unterbewussten durch den Schweizer Psychiater C. G. Jung. 

Über KI, Geisterglaube und darüber, wie irritierend ein scheinbar leerer Raum im Museum wirken kann, sprachen wir mit der Kuratorin Eva Reifert.

 

Frau Reifert, glauben Sie eigentlich an Geister?

Das fragen mich jetzt alle. Sagen wir mal so: Ich glaube, meine Weltsicht hat durch diese Ausstellung ein gewisses Update erhalten. Ich habe auch festgestellt, dass es überhaupt keinen Grund gibt, nicht an die Erzählungen von Menschen zu glauben, denen Geister erschienen oder begegnet sind. Oft sind es ja nicht mal visuelle Erlebnisse, sondern einfach ein Gefühl von Anwesenheit, von Menschen, die man nicht sieht. Oder auch von einer profunden Verunsicherung in Räumen, die so unheimlich geworden sind, dass man das Gefühl hat, man muss da raus – oder dass man dort nicht willkommen ist. Das Gefühl, beobachtet zu werden, dass Blicke einem folgen. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir einfach nicht wissen können.

In der Ausstellung machen Sie diese profunde Verunsicherung erlebbar – ein leerer Raum mit einem Luftzug bringt derartige Irritationen auf den Punkt. Alltägliches, das wir nicht sehen, sondern nur spüren können, wird zu etwas Besonderem. 

Ja, es ist immer eine Frage der Interpretation. Jemand, der sozusagen von Kindesbeinen an komplett naturwissenschaftlich geprägt ist, wird vielleicht selbst bei unerklärlichen Phänomenen nicht auf die Idee kommen, sie übernatürlichen Mächten zuzuordnen. Andere Menschen sind anders aufgewachsen. Im letzten Raum ist der Windhauch ja tatsächlich als Kunstwerk erkennbar. Es gibt ein Label mit dem Titel und den Angaben zum Werk. Wir liefern jedoch keine zusätzliche Erklärung mehr wie in den Räumen zuvor.

Warum?

Wir nehmen uns gegen Ende der Ausstellung aus dem "Erklärmodus" heraus. Es tritt dann nicht mehr dieser auktoriale Erzähler auf, der uns durch die Ausstellung begleitet und sagt, was man wo sehen kann und das Ganze historisch einordnet. Die Perspektiven ändern sich. Da sind plötzlich andere Dinge auf den Labels, im vorletzten Raum sind es zwei Künstlerinnen-Statements von Corinne May Botz und Cornelia Parker. Im letzten Raum ist wirklich nur noch das Werkschild zu Ryan Ganders Arbeit übrig, der Rest ist Leere. Und deswegen sind auch die Besuchenden auf sich allein gestellt. Es ist wie mit dem Thema insgesamt: Man muss am Ende allein damit zurechtkommen, auch mit seinen Fragen. 

Wie reagiert das Publikum?

Manchmal sieht man in diesem Raum Leute etwas ärgerlich reagieren, weil sie einfach nichts sehen und vielleicht denken, die Klimaanlage ist zu hoch eingestellt. Das war aber von vornherein klar, dass das ein Risiko ist. Ursprünglich gab es die Idee, die Ausstellung mit einer Arbeit von Bill Viola zu beenden, einer großen, erhabenen, dreiteiligen Videoinstallation, die einmal in Venedig zu sehen war. Irgendwann war dann aber klar, dass das nicht in unserer Zeit passt, mit einer Geste der Schönheit und des Trostes aufzuhören. Deswegen hören wir mit einer Geste der Verunsicherung auf. 

Oder auch der Offenheit. Und gleichzeitig bringt uns diese Geste zurück an den Anfang, weil man durch die Lichter von Philippe Parreno bereits dramaturgisch an das Thema herangeführt wird. Man wird auf subjektive Art abgeholt und auf ebenso subjektive Art entlassen. Das bildet eine stimmige Klammer.

Eine Klammer mit Ryan-Gander-Werken. Einerseits mit sichtbaren Kindheitserinnerungen und dann der supersubtilen Arbeit mit dem Windhauch. Aber es ist durchaus auch eine Herausforderung, wenn man in einem Museum nichts mehr sieht. 

Was zu den Geistern passt, die auf ihre Art und Weise ebenfalls eine Herausforderung darstellen, gerade in unserer modernen Welt. Weshalb also gerade jetzt so eine Ausstellung? Liegt es daran, dass das Geisterhafte uns in Form von personifizierter KI begegnet? 

Dieser ghost in the machine ist ein Riesentopos. Jede neue Technik bringt immer ihre eigenen Geister mit. Das hat man bei der Fotografie gesehen, das sieht man bei Audioaufzeichnungen, beim Radio. Gerade das Radio ist unglaublich geisterhaft, wie Stimmen aus dem Jenseits muss das damals teilweise gewirkt haben. Und dann Video. Manche kennen vielleicht "The Ring" als Horrorfilm, in dem der Geist aus dem Bildschirm herauskriecht und in die Realität eindringt. Da wird klar: Der Screen schützt nicht mehr, er ist keine unüberwindliche Barriere. Bei der KI wird es jetzt vielleicht so ein Szenario wie im Film "Her" geben, wo sich ein Mann in eine Computerstimme verliebt. Man hört ja jetzt schon davon, dass KIs sich untereinander unterhalten. Von daher: Die Technologie, gerade die, die unser Verstehen übersteigt, kann wie eine Geistersphäre erscheinen. 

Wie kamen Sie auf das Thema der Ausstellung?

Eigentlich ging das Ganze mit einem vagen Interesse an Geisterfotografie los. Geisterfotografie ist aber nun mal keine Kunst. Das heißt, sie im Kunstmuseum unterzubringen, ist eine gewisse Herausforderung. Wir haben uns ebenfalls schon lange für Werke aus dem Musée de l'Art Brut in Lausanne interessiert, also für Objekte, die ebenfalls nicht im traditionellen Kunstkontext zu verorten sind. Es war eine gewisse Offenbarung, zu sehen, dass man diese Welten gut zusammenbringen kann: Mediumistische Kunst, die teils obsessive Qualitäten hat, und Geisterfotografie, die den technologischen Aspekt und neue visuelle Ideen mit sich bringt. Und natürlich zeigen wir, wie beides die Kunst beeinflusst hat. Deswegen ist auch das 19. Jahrhundert unser Ausgangspunkt, weil da neue Modi für die Darstellung und Repräsentation von Geistern gefunden wurden, die jeweils auch mit Menschen als Medien und Technologie zu tun haben. Um das Ganze mit dem nötigen Fachwissen zu begleiten, haben mein Kollege Jasper Warzecha und ich mit zwei Expert:innen zusammengearbeitet. Susan Owens hat ein Buch über die Kulturgeschichte des Geistes in Großbritannien geschrieben, Andreas Fischer ist Experte für Geisterfotografie. 

Damit fangen Sie auch den Diskurs um Hilma af Klimt mit ein, deren Werk zuletzt für große Aufmerksamkeit sorgte und vielfach gezeigt wurde. Aber warum gerade jetzt die Geister? Auf Schloss Moyland gibt es aktuell ebenfalls eine Ausstellung mit dem Titel "There is a Ghost in the Room. For Sure!" 

Es gibt gerade offenbar eine ganze Reihe von Projekten, die das Thema streifen. In Wien arbeiten Kolleginnen zu technologischen Aspekten in Bezug auf Geister. Wir gehen aber in eine andere, viel poetischere Richtung. Vielleicht liegt etwas in der Luft. Meine Erklärung dafür ist, dass wir im Moment in einer Art und Weise mit dem Irrationalen zu tun haben, wie das lange nicht der Fall war. Das ist für viele Menschen ein sehr unsanftes auf die Welt kommen – zu sehen, dass wir mitnichten in einer rational verfassten Welt leben, sondern dass viele Aspekte des Weltgeschehens wirken wie Folgen von Traumata. Unsere Gegenwart wird heimgesucht durch die Vergangenheit. Jacques Derrida hat das als "Hauntologie" bezeichnet. Für dieses Phänomen, dem Unheimlich-Werden der Gegenwart, findet die Kunst im Geist eine perfekte Metapher, um über oft unsagbare Dinge zu sprechen.

Und die Wissenschaft?

Dieser psychologische Aspekt des Geisterthemas ist ein Fokus der zweiten Hälfte der Ausstellung geworden. C. G. Jung, der berühmte Schweizer Psychiater, fing an, über Trancezustände zu forschen, nachdem er ein Poltergeist-Erlebnis hatte. Das war für ihn der Ausgangspunkt für alles, was danach kam, inklusive seiner epochalen Entdeckung des kollektiven Unbewussten. Die Ausstellung weht also durch unterschiedliche Bereiche und manchmal auch Randbereiche des Geisterthemas. Und am Ende löst sich alles in Luft auf. 

Gleichzeitig thematisieren Sie die Persona des Geistes oder das Nicht-Fassbare als Vermittler zwischen Welten. Momentan prallen viele Welten aufeinander, die wir kaum noch zu fassen bekommen oder die wir als andere Welt verstehen: Die Kriegsgebiete, die Konflikte, die für viele Menschen lange kein Teil ihres Bewusstseins waren, gehören dazu. 

Auf dem Weg in die Ausstellung steht in einem Durchgang als Wächterfigur – und auch als Begrüßungskomitee  – der Geist mit Blutlache von Katharina Fritsch. Das ist die beste Erinnerung und der beste Mahner, dass das Geisterthema essenziell auch mit Gewalt verbunden ist. Geister erscheinen nicht ohne Grund. Sie sind, wo die Dinge uns entgleiten, jenseits der Grenzen von Wissenschaft und Technik. Dass wir in unserer hochtechnologisierten Zeit immer noch nicht wissen, was nach dem Tod kommt, oder ob man vom Tod in irgendeiner Form zurückkommen kann, könnte man als rationaler Mensch als Skandal empfinden. Dieses Unwissen bleibt, dieses dunkle Loch. 

Und gleichzeitig haben ja die Geister auch eine Form von Positivität in der Frage des Künstlerverständnisses und der Kreativität. 

Ja, der Aspekt des Mediums, das hat mich auch überrascht. Die Vorstellung von der Künstlerin oder des Künstlers als Wesen, das mit höheren Mächten in Kontakt ist, das Inspiration empfängt. Bei der Inspiration weiß man auch nicht, wo sie herkommt – es ist ein großes Mysterium. 

Haben Sie für sich im Rahmen dieser Ausstellung eine Definition für Geister gefunden? Was ist ein Geist, und was nicht? 

Also keine, die wir jetzt in den Duden schreiben können, aber sicher eine, der wir folgen, nämlich dem Geist als Schatten der Menschheit. Das heißt, es geht uns in der Ausstellung um diese humanen, menschlichen Aspekte, um existenzielle Fragen und eben auch die menschliche Form oder das für den Menschen Spürbare. 

Wie haben Sie sich auf diese Ausstellung vorbereitet? Gibt es Literatur, die unter dem Schlagwort Geist firmiert? 

Ich war überrascht zu sehen, dass es noch keine Ausstellung dazu gab. Es ist das erste derartige Projekt über Geister, soweit ich das sehen konnte. Es gab zahllose Ausstellungen zum Thema "Das Okkulte" und wie die Moderne sich daraus speist. Zum Thema Spuk findet man Literatur. Spuk, das sind ja quasi Geister in Gemäuern – für uns ein ganz wichtiger Aspekt, gerade ab dem Moment, wo das Gehirn oder die Psyche zum neuen Zuhause von Geistern wird. Unsere Psyche ist wie ein Haus für geisterhafte Vorgänge. Diesen psychological turn machen wir in der Ausstellung mit dem Gedicht von Emily Dickinson "One need to be a Chamber – to be haunted" stark, das uns eine Schauspielerin eingesprochen hat, als würde es aus einer Wand flüstern.

Die Kunst ist ein dankbares Feld für Geister, da sie dazu neigt, Unsichtbares sichtbar zu machen.

Ja, oder umgekehrt: Die Geister haben der Kunst auch die Freiheit gegeben, ganz tief in den Topf von Experimentiermöglichkeiten zu greifen. Es gibt Geister, die uns anregen, nicht nur dem Verstand zu folgen, sondern auch mal der Fantasie freien Lauf zu lassen. Dieses Kindliche, dieses Sich-Dinge-Erschaffen, Möglichkeiten zulassen, wo man vorher keine gesehen hat. Manchmal ist das auch mit dem Wunsch verbunden, dass es mehr geben möge als das, was wir sehen und verstehen können – im Sinne einer Wiederverzauberung der Welt. Noch im 19. Jahrhundert war das Irrationale ein Forschungsgegenstand. Warum haben wir diese Selbstverständlichkeit des Zusammendenkens verloren?