Bozen ist, gerade im Frühling, fast lächerlich schön. Die Weinberge sind grün, die Dolomiten und die Sarntaler Alpen bilden eine organische Skyline. Doch wer die Geschichte der Hauptstadt Südtirols kennt, weiß, dass dieser Bilderbuch-Eindruck täuscht. Hinter der idyllischen Fassade verbirgt sich eine konfliktreiche Vergangenheit, die Tradition, Sprache und Zugehörigkeit der Bewohner bis heute bestimmt: Bozen gehörte bis 1919 zu Österreich-Ungarn, wurde nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen und unter Mussolini massiv italianisiert. Ein passender Ort also, um komplexe Realitäten hinter beschaulichen Landschaften zu hinterfragen.
"Sweet Landscape" heißt Evelyn Taocheng Wangs erste institutionelle Einzelausstellung in Italien. Auf der zweiten Etage des Museion zeigt die Künstlerin feine Seidenmalerei, große pastellene Leinwände und bemalte Kleidungsstücke. Bozen wird zum konkreten Schauplatz für Themen, die Wangs Werk seit Langem prägen: kulturelle Übersetzung, hybride Identität, Erinnerung und die Reibung zwischen Selbstwahrnehmung und äußerer Zuschreibung.
Im chinesischen Chengdu geboren, lebt Wang heute in Rotterdam. Neben chinesischen Bildtraditionen ist auch der Einfluss ihres Lebens in den Niederlanden erkennbar: Es ist eine entwaffnende Direktheit, mit der sie zur Betrachterin spricht. So eröffnet Wang unangenehme Diskurse, die sich gern hinter hübschen Kulissen verbergen, und stellt ungewöhnliche, aber wichtige Fragen.
Eine dieser Fragen ist: Wenn es einen Froschkönig gibt, muss es nicht auch eine Froschkönigin geben? Auf Wangs Werk "Frog Princess Checks Her Smartphone in front of Window of August Macke’s Hat Shop" (2026) sieht man einen Frosch mit Krone und Schleier, der auf einem Smartphone scrollt. Hinter ihm befindet sich eine Adaption von August Mackes "Hutladen III" (1914). Wang hinterfragt hier, wer die Macht hat, Geschichte zu schreiben und sie aktiv mitzugestalten – und wer vielleicht einfach aus ihr ausradiert wird. Ein Werk, das man als Leitbild für Wangs künstlerischen Ansatz verstehen könnte.
Evelyn Taocheng Wang "Frog Princess Checks her Smartphone in front of Window of August Macke’s Hat Shop", 2026
Eröffnet wird die von Leonie Radine kuratierte Schau aber mit der Arbeit "Ancient Roman bust for Sale" (2026), einer auf einem Sockel aufgebahrten Pappkiste, in der zwei frische Ochsenherztomaten liegen. Gerade der lokale Obst- und Gemüsemarkt hat es Wang angetan, als sie Bozen zum ersten Mal besuchte. Sie habe sofort zwei Tomaten verspeist, sagt sie. Tomaten, lokale Speisen und Kulturpflanzen finden ihren Weg auf ihre Leinwände. Hier ein Panettone, dort eine Artischocke, eine Pizza, Eiscreme und Knoblauch. Oft klein und fein in die Ecke einer in Pastellfarben gestalteten Leinwand gepinselt, wirkt es, als hätte sie einen kurzen Kommentar hinterlassen wollen.
Es ist diese gewitzte, zurückhaltende und doch konfrontierende Art, die dazu einlädt, ihre Werke ausführlich zu betrachten. "Fast alle unsere Erfahrungen sind 'second hand', fast immer verzerrt, weil wir sie schon zuvor erlebt haben", sagt Wang. Sie meint die vielen Eindrücke, die täglich über soziale Netzwerke auf uns einwirken und uns bestimmte Klischees über Orte suggerieren, die wir selbst noch gar nicht besucht haben. In "Sweet Landscape" liest man einen Ort durch Wangs eigene Erfahrungen, Beobachtungen und Eindrücke gefiltert. "Wo verläuft die Grenze zwischen der Landschaft, die wir kennen, und der Landschaft, die wir sehen?", fragt sie. Es tut gut und macht Spaß, Wangs Blick zu folgen und das europäische Urlaubsparadies durch ihre Perspektive zu lesen.
Evelyn Taocheng Wang "Ancient Roman bust for Sale", 2026 (Detail)
In zwei Vitrinen werden die Seidenmalereien der Künstlerin präsentiert. Ähnlich wie in einem Comic oder einem Social-Media-Skript kommentiert Wang unter der Darstellung von Händen, die Kartoffeln schälen: "Diese Kartoffel ist nicht für Pommes. Sie ist dafür gedacht, Kartoffelbrei zu werden". Sofort muss man an die deutsche Kartoffel-Obsession denken. Doch geht es auch um die Rolle des Gemüses als Grundnahrungsmittel in vielen Teilen der Welt.
An den Wänden im gleichen Raum hängen zwei Kleidungsstücke: eine Lederjacke und ein Max-Mara-Wollmantel. Den Negativraum, der dem des Körpers entspricht, füllt die Künstlerin mit kleinen Gemälden: Romanesco, Trauben, Ingwer. Auch ihr Spiegelbild in einer Puderdose, eine zerbrochene Säule sowie blutende männliche Körperteile sind Teil des Wimmelbilds. So poetisch wie befremdlich.
Auf den ersten Blick erscheint die zweite Etage, zart in Rosa und Hellblau gehalten, tatsächlich wie eine süße Landschaft. Erst nach mehreren Rundgängen erkennt man Zusammenhänge und Kontexte, die Wang auf fast liebliche Weise kritisiert. Zurück bleibt der Impuls, auch außerhalb des Museums wacher auf vermeintliche Idyllen zu blicken und Wege zu finden, sanft, aber bestimmt Kritik zu äußern.