Temporäre Kunsthalle Berlin

Experimentell, nicht borniert

Die Berliner Kunsthalle geht in ihr zweites Jahr – und schafft einen überzeugenden Neuanfang. Schon die Außenarbeit von Bettina Pousttchi ist überraschend gelungen. Die Idee, eine verfremdete Fotografie des abgerissenen Palastes der Republik auf die Außenhaut der Kunsthalle aufzubringen, erscheint auf den ersten Blick zwar nicht besonders originell. Aber das Ergebnis wirkt doch spektakulär. Die schwarz-weiße Struktur, mit der Pousttchi den Kubus überzogen hat, verfremdet die bekannte Palast-Fassade so weit, dass wirklich nur noch ein „Echo“ (so der Titel der Arbeit) des DDR-Gebäudes erscheint – das Gebäude sticht noch einmal ganz neu aus der umgebenden Schlossplatz-Kulisse heraus. Die Balance zwischen öffentlichkeitswirksamer, für breite Masse verständlicher Kunst und ästhetischer Innovation, die sich die Kunsthalle vorgenommen hat, gelingt also in ihrem äußeren Erscheinungsbild schon mal sehr überzeugend.

Auch innen hat man den schwierigen Ausstellungsraum, diese große, unstrukturierte Schachtel, endlich richtig in den Griff bekommen. Es war offensichtlich eine gute Idee, eine Künstlerin aus der Berliner Szene die Schau kuratieren zu lassen. Die Dänin Kirstine Roepstorff hat mit Hilfe einer spiralförmigen Rampe und transparenten Vorhängen den Raum als Ganzes gut strukturiert und nebenbei noch Nischen für Videos und kleine Vitrinen geschaffen.
 
So fügen sich große Installationen und kleine Arbeiten mühelos in die Ausstellungsarchitektur ein: Das Zaun-Labyrinth „Turning Walls“ von Monica Bonvicini und ein Schlauchboot samt Akkordeon von Kirsten Pieroth finden genau so ihren Platz wie die wunderbaren „Weltempfänger“ von Isa Genzken, die sich bescheiden in einer Vitrine unter der Spirale verstecken: grobe Betonklötze mit Antennen darin, die wer-weiß-was für Wellen aus aller Welt empfangen, aber nie hörbar machen.

„Scorpio’s Garden“ ist der etwas rätselhafte Titel von Roepstorffs Ausstellung: In das Sternbild des Skorpions fällt nicht nur die erste urkundliche Erwähnung der Stadt Berlin, sondern auch der Mauerfall, so Roepstorffs Erklärung. Die Künstlerin will Berlin als einen Garten zeigen, und die Kunstszene darin als die lebendige, wachsende Flora. Eine Metapher, die weit genug ist um einen schönen Überblick über die Szene zu ermöglichen, die ja wirklich die unterschiedlichsten Blüten treibt.
 
„Scorpio’s Garden“ ist durchaus experimentell, aber nicht borniert. In dem – absolut unkitschigen - Kunstgarten finden die farbintensiven Collagen von Amelie von Wulffen und gruselige kleine Figuren von Enrico David und rätselhafte halbe Ausstellungsvitrinen und disfunktionale Bänke von Shahryar Nashat, alles beobachtet von den scharfäugigen Tieren auf den Hinterglasmalereien von Alexandra Hopf. Im Videoraum gibt es dazu den Märchenfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ aus Scherenschnitten der Berliner Film-Pionierin Lotte Reiniger aus den zwanziger Jahren: eine Hommage an die frühe Kreativität dieser Stadt. Der jetzigen Szene will und soll die Temporäre Kunsthalle noch ein Jahr lang ein Forum bieten – „Scorpio’s Garden“ ist ein guter Auftakt.
 
Temporäre Kunsthalle Berlin, bis 15. November 2009. Am Samstag, den 26. September, treten um 21 Uhr in der Kunsthalle zwei Brüderpaare in einem DJ-Battle gegeneinander an: die Künstler Olaf und Carsten Nicolai gegen die Musiker Robert und Ronald Lippok (auch bekannt als To Rococo Rot). Mehr unter www.kunsthalle-berlin.com