Heike Geißler gehört aktuell zu den meistausgezeichneten Schriftstellerinnen. Drei Preise erhielt sie allein im Jahr 2025: den Heinrich-Böll-Preis, den Klopstock-Preis für neue Literatur und den Bayerischen Buchpreis. Aber das Schreiben hat sie und ihre Familie nicht immer ernährt. Als das Geld einmal nicht reichte, arbeitete sie bei Amazon im Warenlager. Dorthin durfte man nichts Persönliches mitbringen, nur kleine Post-its waren erlaubt. Auf denen notierte sie alles, was sie sah. Eine Weigerung, die Tage einfach verschwinden zu lassen, und der Anfang von "Saisonarbeit", dem literarischen Erfahrungsbericht, der 2014 erschien. Ihre kapitalismuskritische Haltung zieht sich seitdem durch ihr gesamtes Werk: Sie versteht Schreiben als Widerstand gegen eine Welt, die alles optimiert und dabei das Wesentliche verliert.
Im Zentrum dieser Podcast-Folge, die auf der Leipziger Buchmesse aufgezeichnet wurde, stehen Geißlers jüngste Essays "Verzweiflungen" und "Arbeiten". In "Arbeiten" entwickelt sie keine Theorie der Erwerbstätigkeit, sondern beschreibt eine vielstimmige Enttäuschungsgeschichte. Denn viele Menschen begegnen der Arbeitswelt mit Wünschen, Hoffnungen und Ideen, treffen dann aber auf Hierarchien, Pseudointeresse, Degradierung. Wer früher aussteigt, weil er nicht mehr kann, gilt als Versager.
Verzweifeln lässt sich aber nicht nur an der Arbeitswelt. Es gibt, sagt Geißler, in unserer Gegenwart so viel, woran man verzweifeln kann. Im Großen wie im Kleinen. Und genau diese Verzweiflung, sagt sie, muss sein dürfen. Ist Verzweiflung vielleicht sogar eine Kulturtechnik? Geißler zögert. Nicht die Verzweiflung selbst sei handhabbar, aber sie sichtbar zu machen, darüber zu sprechen, das schon. Denn wer sie meidet, rutscht in Leichteres: in Ressentiment, in Groll, in Hass. "Wir sind in einem Zeitalter der Verachtung gelandet", sagt sie. "Das ist ganz schön schrecklich. Aber es zu wissen ist sinnvoll."
Briefe an die liebe Arbeitswelt
Die beiden Podcaster Torsten Fremer und Friedrich von Borries suchen wie immer die praktische Verbindung zwischen künstlerischer Reflexion und Alltagswelt. Deshalb wollen sie von der Schriftstellerin wissen, ob sie sich vorstellen könne, Workshops in Unternehmen zu geben, damit diese die Arbeitswelt so gestalten, dass die Arbeitnehmenden weniger verzweifeln. Geißler ist eindeutig. Das interessiert sie nicht. Weil es eben absolut notwendig ist, zu verzweifeln.
Was sie hingegen interessieren würde, wäre die Arbeitnehmenden zum Schreiben anzuregen. Briefe schreiben, an die liebe Arbeitswelt, an den Bundeskanzler, an wen auch immer. Nicht Briefe, die jemanden erreichen müssen, sondern solche, die es einem ermöglichen, vom Grunde des Herzens zu sprechen. Was stinkt eigentlich? Was läuft wirklich falsch? Optimierung verlernen heißt somit auch: aussprechen können, was wirklich nicht stimmt, anstatt immer weiter zu optimieren, was sich nicht optimieren lässt.
"Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, können Sie auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: