"Fantasiemuskel"-Podcast #88

Sich dem Optimierungszwang verweigern – mit Jagoda Marinić

Podcast-Grafik: Fantasie Muskel; Porträt einer Frau im pinken Blazer vor Grün; Monopol-Logo.
Foto: Lena Giovanazzi. Grafik: Monopol

Die Schriftstellerin, Publizistin und Festivalleiterin Jagoda Marinić erklärt in der neuen Folge des Monopol-Podcasts "Fantasiemuskel", warum sie sich gegen feuilletonistische Schubladen und die "Migrationsbrille" wehrt – und wie Literatur in einer lauten Zeit leise Räume für Gemeinschaft schafft

Es gibt eine Wut, die Jagoda Marinić gut kennt, nämlichdie Frustration darüber, dass Kunst gesellschaftlich immer wieder in eng abgesteckte Nischen gepresst wird. Seit ihren literarischen Anfängen muss sich die inzwischen mit vielen Preisen geehrte Schriftstellerin mit einem zwar oft wohlwollenden, aber doch verengtem Blick der Kritik auseinandersetzen, die viele ihrer Geschichten durch die deutsche "Migrationsbrille" gelesen hat. Ihr 2013 erschienener Roman "Restaurant Dalmatia" etwa wurde damals als "Denkmal für Gastarbeiter" gelobt, doch für Marinić ist gute Literatur kein starres Denkmal. Im Gespräch mit den Monopol-Podcastern Friedrich von Borries und Alexander Doudkin macht sie deutlich, dass die eigentliche – und viel größere – Kraft des Erzählens in den kleinen, zwischenmenschlichen Beobachtungen liegt.

Künstlerisches Arbeiten versteht sie dabei als Gegenmittel zur gesellschaftlichen Ausgrenzung: Wo Stimmen oder Themen ins Abseits geraten, müsse man selbst aktiv werden und Raum dafür behaupten. Dazu gehört für sie auch die bewusste, produktive Reibung mit der nicht-künstlerischen Alltagswelt. Das macht sie zum einen in ihrem Podcast "Freiheit Deluxe", aber auch als Kulturmanagerin. Nach über zehn Jahren als Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Heidelberg hat sie 2023 die künstlerische Leitung des dortigen internationalen Literaturfestivals übernommen.

Dort verteidigt sie die Literatur als unterschätzte Möglichkeit der Zusammenkunft. In einer von Aufmerksamkeitsgier geprägten Gegenwart kann, so sagt sie, nicht nur der Fußball, sondern eben auch die Literatur Hunderte Menschen über viele Abende hinweg an einem Ort verbinden und so echte Gemeinschaft stiften. Dabei könne man lernen, sich und das eigene Selbst als Ergebnis eines organischen Prozesses zu verstehen, uns unsere eigenen Fragilgität einzugestehen – und manchmal auch Gefühle wie Hoffnungslosigkeit zu äußern. Nur dadurch, so Marinić können wir uns der ständigen Anforderungen der Gegenwart nach Selbstoptimierung versetzen, auch wenn die Gegenwart nun auch noch nach mehr Kreativität und Fantasie schreit.

"Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, können Sie auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: