Osten-Festival

In der Kunst liegt die Kraft

Das Festival "Osten" in Bitterfeld-Wolfen zeigt, wie Kunst die Geschichte der Kraftwerke und die Erinnerung an sie neu ordnet – und damit den Blick auf die Zukunft öffnet

Im Bitterfelder Bahnhofsbäcker begegnet einem die Symbolik der Industrialisierung bereits in Form eines schienenförmigen Gebäcks. Die ehemalige Hochburg der DDR-Chemieindustrie ist seit 2022 Standort des biennal stattfindenden Festivals "Osten". Kuratiert von den Berliner Theatermachern Aljoscha Begrich und Anne Diestelkamp, wird hier der "Bitterfelder Weg" neu gedacht. Was mit dem "Osten" eigentlich gemeint ist, wurde bei den vergangenen beiden Festivalausgaben ausführlich verhandelt. Nun soll es um das "Kraftwerk Zukunft" gehen – technologisch ebenso wie gesellschaftlich.

Um das besagte Kraftwerk zu erreichen, ist eine Fahrt in einem historischen Linienbus erforderlich: vorbei an einem ehemaligen Braunkohletagebau, dem heutigen Großen Goitzschesee, durch einen kleinen Wald und eine Kraftwerkssiedlung, bis schließlich das stillgelegte Kraftwerk Zschornewitz auftaucht. Die Anlage wurde 1915 unter Einsatz kriegsgefangener Frauen zur Stromerzeugung errichtet und belieferte unterschiedliche politische Systeme mit Energie, bis sie 1992 geschlossen und zum Industriedenkmal wurde.

Vor dem Kraftwerk sind Solaranlagen installiert, hinter der Kraftwerkssiedlung stehen Windräder. Sie zeugen von dem Strukturwandel, den die Energiewirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat. Zum Betreten des Werksgeländes war während des Betriebs ein Werksausweis vonnöten. Für die Dauer des Festivals stattet Anke Heelemann die Besuchenden mit eigens erstellten Ausweisen aus und gestaltet so eine buchstäbliche "Wanderausstellung".

Früher Braunkohlerevier, heute Ausflugsziel

Im Kraftwerk erwartet die Besuchenden keineswegs eine leere Industriehalle, sondern ein Erinnerungsort mit Ausstellung und ehemaligen Kraftwerksmitarbeitenden, die über die Geschichte des Ortes berichten. Viele von ihnen lebten lange Zeit in Zschornewitz und waren selbst im Kraftwerk tätig. Der Frage, was mit den Menschen geschieht, wenn eine Industrie verschwindet, geht auch Sven Johne mit seiner Videoarbeit "Glück auf, ahoi!" nach. Im Zentrum steht die Demenz seines Vaters, der sich als ehemaliger Bergarbeiter einem Shanty-Chor anschließt. Der mit der Krankheit einhergehende Verlust der Erinnerung vermengt sich mit dem Wandel ehemaliger Braunkohlereviere: Aus Mondlandschaften mit Förderbrücken werden Ausflugsziele mit kleinen Häfen an neu entstandenen Seen.

Dieser Umbruch steht auch in der Videoarbeit "Technik des Glücks" von Stefan Kolbe und Chris Wright aus dem Jahr 2003 im Mittelpunkt. Anhand von Amateurfilmen ehemaliger Kraftwerkmitarbeitender haben die Filmemacher eine dokumentarische Arbeit über den Alltag in Zschornewitz und die fehlende Perspektive nach der Schließung geschaffen.

Bestehende Erinnerungslinien aufzubrechen und neu zu ordnen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Zschornewitzer Konzepts. Die Kunst übernimmt dabei die Rolle einer Gegenerzählung zur teils verklärten Kraftwerkshistorie und verbindet Themen wie Energie, Zukunft, Krieg und Gesellschaft miteinander. Ausgehend von der Lampe ME 94 von Marianne Brandt erzählt die vom Bauhaus Lab 2025 und der Stiftung Bauhaus Dessau kuratierte Ausstellung "Licht der Moderne" die Geschichte des elektrischen Lichts, der Energieerzeugung und letztlich auch des Kapitalismus.

Wie ein bereits bestehender Erinnerungsort künstlerisch erweitert werden kann, erprobt das Kollektiv Rimini Protokoll mit der Arbeit "Sweat Machines". Dafür wurden ehemalige Sportgeräte zu Musikinstrumenten umgebaut. Die Besuchenden bringen sie mit eigener Körperkraft zum Klingen und erzeugen gemeinsam einen Klangraum. Ob beim Verlassen des "Kraftwerks Zukunft" geklärt ist, woher die Energie der Zukunft kommen soll – die elektrische ebenso wie die gesellschaftliche –, bleibt der eigenen Erfahrung überlassen. Also: ab nach Bitterfeld!