Im Pariser Musée de l’Orangerie beginnt der Vorspann des Films "Die Farben der Zeit": eine Disziplin, die nicht viele als elegisches Kunststück beherrschen. Die Kamera beobachtet die Besucher vor den panoramischen Seerosen von Claude Monet. Die einen konzentrieren sich auf Selfies und schauen die Gemälde gar nicht an, während andere in ihr Smartphone starren oder über Kopfhörer ihr Hintergrundwissen aufbessern und dabei die direkte Auseinandersetzung versäumen.
Die Kunst verkommt so zum instagrammable Konsumgut, dessen Substanz nicht mehr erkannt wird. Diese Erfahrung der unfreiwilligen Ignoranz machen auch die 30 Mitglieder einer weit verzweigten Familie, von denen sich die meisten noch nie begegnet sind.
Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen, als sie von einer Erbschaft in der Normandie erfahren. Das marode Haus einer Vorfahrin wurde 1944 nach ihrem Tod verschlossen und seitdem nicht mehr geöffnet. Auf seine Spur kamen Investoren, die an dem verlassenen Ort einen Supermarkt samt Parkplatz bauen wollen. Um ihre Pläne umsetzen zu können, müssen die Erben erst zustimmen.
Ein Haus, in dem die Zeit stehen geblieben ist
Eine kleine Gruppe von ihnen besucht stellvertretend das Grundstück: ein mit seiner Identität hadernder Content Creator, eine beziehungsfrustrierte Ingenieurin, ein an den Sprachfähigkeiten seiner Schüler verzweifelnder Lehrer und ein Imker und Umweltaktivist, der die Fassade seiner Mitmenschen instinktiv durchschaut.
Im verstaubten Haus scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, und doch erzählen unzählige Fotografien, Gemälde, Dokumente und Stapel von Briefen die Geschichte des turbulenten Lebens der Eigentümerin Adèle. Trotz dieses Schatzes überwiegt bei dem ungleichen Quartett aus Cousins und Cousinen zunächst das Bedürfnis, die lästige Immobilie loszuwerden. Um aber den Wert einschätzen zu können, muss die Vergangenheit gründlich erforscht werden. Nicht zuletzt, weil das Frauenporträt auf einem Gemälde dem Stil von Claude Monet verdächtig nahe kommt und die Lichtbilder aus dem Atelier vom Fotopionier Nadar stammen.
Regisseur Cédric Klapisch verknüpft diese Rahmenhandlung mit ausgiebigen Rückblenden ins Paris um 1895, vor der explosionsartigen Verbreitung der Fotografie und 50 Jahre nach ihrer Erfindung. Hierhin verschlägt es die 21-jährige Adèle nach dem Tod ihrer Großmutter. Es wimmelt von Pferdekutschen, der Eiffelturm ruft Erstaunen hervor, und die Elektrizität beleuchtet allmählich die nächtlichen Boulevards.
Mitten in einer industriellen und kulturellen Revolution
Die Metropole steckt inmitten einer industriellen und kulturellen Revolution. Auf der Suche nach ihrer Mutter Odette erlebt Adèle eine herbe Enttäuschung, als sie entdeckt, dass diese in einem Bordell arbeitet. Um Abstand zu gewinnen, findet sie Unterschlupf bei ihren jungen Reisebegleitern, die am Montmartre als Maler und Fotograf ihr Glück versuchen wollen. Durch die beiden gut vernetzten Bohemiens, die notorisch darüber streiten, ob die Malerei angesichts der neuen Technologien Fotografie und Kino zukunftsfähig sei, lernt sie Lesen und Schreiben und begegnet Berühmtheiten der Belle Époque, von Sarah Bernhardt bis zu Nadar.
Motiviert durch die unverhoffte Familienzusammenführung stürzt sich das Quartett im 21. Jahrhundert in die Recherche ihrer Genealogie, sucht eine Kunsthistorikerin des Musée d´Orsay auf und befragt eine Monet-Expertin, inklusive eines Drogentrips in Adèles Haus; ausgelöst durch Ayahuasca, den Trank amazonischer Schamanen, um mit der toten Ahnin in Kontakt zu treten.
Die Gegenwart überlappt sich dabei mit der Vergangenheit und lässt die berauschten Zeitreisenden durch eine Ausstellung von Impressionisten flanieren, die von Monet, Victor Hugo und dem Kunstkritiker Louis Leroy besucht wird. Letzterer ist der Namensgeber der Stilrichtung, der in einer satirischen Rezension Monets Gemälde "Impression, soleil levant" abwertete. Die Figuren der zwei verknüpften Zeitebenen geraten im Streit um Monets Meisterschaft schlagkräftig aneinander, und die urkomische Szene endet mit einem kollektiven Kater am nächsten Morgen.
Die Vergangenheit bunt, die Gegenwart grau
Regisseur Klapisch verknüpft kunstvoll die Erzählstränge zwischen Epochen und Generationen, reflektiert unterhaltsam über technologisch bedingte Umbrüche und kritisiert aus der Vergangenheit heraus eine Gegenwart, in der soziale Netzwerke Zusammensein simulieren. Die Zukunft, die um 1900 Paris veränderte und seine Bewohner auf ein besseres Leben hoffen ließ, lässt die krisenhafte Gegenwart in keinem guten Licht erscheinen. Wohl deshalb ist die Vergangenheit in intensive Farbkontraste getaucht, während das Hier und Jetzt kaum Licht abbekommt.
Die Figuren sind perfekt besetzt und in einem scharf beobachteten Alltag verankert, allen voran die von Suzanne Lindon umwerfend verunsichert gespielte Adèle. Die vielseitige 25-jährige Tochter von Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon hat selbst Kunst an der École nationale supérieure des arts décoratifs studiert, wurde von Hedi Slimane für das Modehaus Celine engagiert und hat am Drehbuch für Claire Denis' neuen Film "The Fence" mitgeschrieben.
Die Montage aus immer schnelleren Zeitsprüngen lässt auf wundersame Weise keine Unruhe aufkommen. Die Entwicklung der Locations wird durch raffinierte Kamerawinkel und opulenten Kostümeinsatz aufgezeigt, etwa vom früher ländlich geprägten Montmartre, der heute zur Touristenfalle verkommen ist.
Die Technologie greift das Menschliche an
Auch wenn im zweiten Teil kein Mangel an unwahrscheinlichen Zuspitzungen der Erzählung herrscht, wenn Adèle etwa in Monet ihren unbekannten Vater vermutet und ihn in seinem berühmten Haus und Garten in Giverny besucht, überzeugt diese so utopische wie zugängliche Zeitmaschine. Einmal durch ihren zärtlichen Blick auf die chronisch gestressten Nachfahren, aber auch mit Klapischs Aufforderung zur Mobilisierung von Familie, Bildung und Kunst im Kampf gegen die schädlichen Nebenwirkungen digitaler Technologien.
Im Abspann reist er mit Dutzenden von Fotos, aufgenommen mit einer Vielzahl verschiedener Kameras, durch die fast anderthalb Jahrhunderte seines Films. Sie erzählen von Hochzeiten, Pensionierungen, Todesfällen und von der Vorahnung, im 21. Jahrhundert zum Auslaufmodell zu werden; von der Ankunft der Zukunft, in der die Technologie die Existenz dessen angreift, was uns menschlich macht.