Ausstellung in Berlin

Es brennt!

In den Berliner Räumen der Julia Stoschek Collection zündelt die Gruppenausstellung "A Fire In My Belly" mit künstlerischer Wut

Der Engel ist gekommen. Gleich im ersten Raum steht man staunend vor dem flackernden und zuckenden adler­artigen Wesen aus Licht, um das sich auf der Venedig-Biennale 2019 die Menschentrauben versammelten wie um ein Lagerfeuer. In dem spektakulären Hologramm hat Cyprien Gaillard den Feuerengel, der bei dem Surrealisten Max Ernst von der Ankunft des Faschismus kündete, in die Gegenwart transponiert. Jetzt eröffnet er die neue Sammlungspräsen­ta­tion der Julia Stoschek Collection in Berlin und setzt den Ton: Die Lage ist düster. Und das nicht nur, weil man sich in einer Ausstellung mit Medienkunst befindet, deren natürliches Habitat die Black Box ist.

"A Fire in my Belly" beschäftigt sich mit Gewalt und Widerstand, mit politischem Aufruhr und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Den Titel leiht die Ausstellung von einem unvollendeten Film des New Yorker Künstlers David Wojnarowicz, der 1992 an den Folgen von Aids starb. Wojnarowicz kombiniert dort Bilder von feuerspuckenden Straßenkindern in Mexiko mit irrealen Szenen, ein Augapfel löst sich vom Körper, ein Mund wird verschlossen mit blutigen Stichen: Das Leben ist ein Kampf, und die Bilder sind da, um dem Trauma einen Ort zu geben.

David Wojnarowicz hat früh seine sexuelle Identität zum Thema seiner Kunst gemacht und sie als Fanal gegen Homophobie und Ausgrenzung verstanden. Mit dieser Pionierarbeit im Rücken versammelt die Ausstellung Werke, die Wut fühlbar machen – wie Arthur Jafas mittlerweile ikonisch gewordene Collage "Love Is The Message, The Message Is Death" von 2016, die einem im alten Kinosaal in der Stoschek Collection auf großer Leinwand schwarzes Leben auf zusammengetackerten, mit lauten Beats unterlegten Filmschnipseln entgegenbläst.

Wie kann Film auch ästhetisch den Klischees des Mainstreams widerstehen und das Subjekt visuell befreien? Diese Frage stellte sich bereits Barbara Hammer, Erforscherin des weiblichen Körpers und Begehrens. Ihre Filme aus den 1970er-Jahren geben den historischen Background zu Körperbefragungen von heute, wie dem neuen Film von Anne Imhof, in dem Eliza Douglas enigmatisch wie immer mit nacktem Oberkörper am Ufer des Meeres steht und die Peitsche schwingt. Und Laure Prouvost schließt in der großen Filminstallation "They Parlaient Idéale" das Thema der Migration mit einer surreal irrlichternden Kamera kurz und massiert die Sehorgane wie mit einer unvermittelten Berührung – man wundert sich nur, dass keine lebendige Taube durch den Raum gurrt.

Prouvosts Film war ebenfalls einer der Hits der Venedig-Biennale 2019. Nicht schlecht, wie hier eine private Sammlung so viele Aufsehen erregende Arbeiten aus der jüngsten Vergangenheit zusammentragen kann und dann noch mit den historischen Klassikern ein sinnvolles historisches Fundament einzieht. Auch Jüngere sind zu entdecken, wie die Amerikanerin Kandis Williams, die in ihrer elegischen Videoinstallation den schwarzen Körper wie Eurydike in die Unterwelt schickt, oder Leila Hekmat, in deren ganz realem Puppenkabinett man einem Hörspieldrama lauschen kann. Vom Keller bis zum Dachgeschoss finden sich Werke, bei denen man lange bleiben will – eine Ausstellung zum Wiederkommen.