"Fixing Futures" in Frankfurt am Main

Wie man sich aus der Schockstarre freischwimmt

Die Lage unseres Planeten ist ernst, aber nicht hoffnungslos: Die Ausstellung "Fixing Futures" im Museum Giersch in Frankfurt am Main zeigt künstlerische Zukunftsvisionen, die Veränderung machbar erscheinen lassen

Erinnert sich jemand an den Umwelt-Film, in dem eine Meeresschildkröte stirbt, weil sie einen Plastikstrohhalm für Quallententakel gehalten hat? Es gibt zahllose traurige Tierfilme im Grundschul-Unterricht.  Seit den 1980er-Jahren ist die Schockmethode eine beliebte pädagogische Idee, um Kinder an Umweltschutz und Klimathematik heranzuführen. 

Fraglich ist, wie sinnvoll die Strategie ist. Denn die fundamentale und nachhaltige Verunsicherung von Kindern – die Zeitgenossen und -genossinnen der "letzten Kinder von Schewenborn" wissen es – ist eine ziemlich drastische Maßnahme, bei vergleichsweise wenig Gegenleistung. Denn wie man weiß, ist seit damals in Politik und Wirtschaft weniger passiert, als notwendig wäre. 

Aber Appelle an Kinder kosten ja nichts. Doch diese Lektionen sind nicht nur denkfaul ausgearbeitet, sondern auch falsch adressiert. Was fehlt, sind produktive Sichtweisen und Ausblicke über Mülltrennung hinaus. Genau das schafft die Ausstellung "Fixing Futures: Planetare Zukünfte zwischen Spekulation und Kontrolle" im Museum Giersch. 

Kunst als Zukunftsarbeit 

Das Haus gehört seit 2014 zur Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seit Januar wird es von der Kunsthistorikerin Ina Neddermeyer geleitet. Sie und ihr Team verstehen es in der Schau hervorragend, den Schwerpunkt auf Gestaltungsspielräume zu legen. Wissenschaftlich fundiert, werden hier in einer Villa am Mainufer Szenarien durchgespielt, die möglich und machbar scheinen. Schon durch den zunächst irritierenden Plural im Titel begreift man, dass Zukünfte schon immer entworfen wurden. 

Die Zukunft hat Varianten, an denen sich arbeiten lässt. In "Fixing Futures" verbinden sich Kunst, Forschung und historische Objekte. Eine begehbare Arche im Garten hinter dem schönen Gründerzeitgebäude hat Entwürfe kommender Lebensräume umgesetzt. Zuvor soll man in einem Spiel auf die Zukunft wetten, erst dann darf man in die Arche. Was ist plausibel, was nicht? So wird spielerisch an wissenschaftliche Methoden herangeführt.

Der Künstler Maximilian Prüfer dokumentiert die Auswirkungen des Insektensterbens in China. Hier ist die Befruchtung von Obstblüten durch Menschen schon längst ein eigenes Handwerk. Seine eigenen Bestäubungsversuche und die daraus resultierende Ernte machen die Zusammenhänge, die Anfälligkeiten des Systems sichtbar. Dabei zeigt sich wieder, wie gut Wissenschaft und Kunst zusammenarbeiten, wenn es darum geht, komplexe Inhalte anschaulich zu machen. Sind doch das Hinterfragen und das Experiment ohnehin beiden Disziplinen zu eigen. 

Mut zur Nachhaltigkeit 

Wenn die Professoren Joachim Curtius und Thomas Hickler in einem der Videos über die Dringlichkeit des Klimawandels sprechen, betonen sie den Ernst der Lage, sehen aber dennoch Auswege: Die notwendigen Veränderungen sind machbar, sagt Hickler, da die Technologie bereits existiert. Nur für die Umsetzung fehle der Mut. 

So erscheint auch die Idee des Künstlerduos Superflux gar nicht abwegig oder utopisch: "The Seas Are No Longer Dying" zeichnet eine Zukunft, in der eine nachhaltige Algenindustrie die wirtschaftliche und ökologische Lösung für viele Probleme sein könnte. Und die Künstlerin und Quanteninformatikerin Libby Heaney schafft es, Quantenphysik nachvollziehbar durch Oktopus-Darstellungen zu visualisieren. 

Mit dem geheimnisvollen Kopffüßler hat sie eine gute neue Identifikationsfigur geschaffen, die gern in das Filmprogramm der Schulen einziehen könnte. "Fixing Futures" ist perfekt geeignet, um etwa aus der Schockstarre nach einem deprimierenden Lehrfilm mit sterbenden Schildkröten wieder ins Tun zu kommen: Statt leise im Panzer zurückgezogen zu weinen, lieber neugierig bleiben und nach Möglichkeiten tastend die Tentakel ausstrecken.