Boris Mikhailov in Berlin

Flaschen voll, Gesichter leer

Als er gefragt wurde, ob er sich eher als Sozialdokumentarist erachte oder als jemand, der auf Ästhetik abziele, sagte er: „Ich erachte mich auf überhaupt gar keine Art und Weise.“ Eine gute Antwort, für seine Kanonisierung aber nicht besonders dienlich. Der 73-jährige Boris Mikhailov fotografiert schon seit vier Jahrzehnten, und doch richtet die Berlinische Galerie nun „die bisher erste umfassende Ausstellung des Künstlers in Deutschland“ aus: „Time is out of joint. Fotografien 1966–2003“.

Mikhailov hat es sich und seinem Publikum nicht immer leicht gemacht. Seine bekanntesten Aufnahmen triefen vor Alkohol und stinken nach Urin. Sie entstanden ab den 90er-Jahren auf Streifzügen durch seine ukrainische Geburtsstadt Charkow, wo die Perestroika die Flaschen voll und die Gesichter leer gemacht hat. Wir sehen Alte ohne Obdach, Jugendliche ohne Zähne, aber mit Wodka und Kippen und Cola und Jogginghose. Ein Albtraum aus Postsozialismus und Spätkapitalismus. Solcher Trash, solche Drastik sind, zum Beispiel bei Fotografen wie Terry Richardson, inzwischen in Mode gekommen – mit dem Unterschied, dass Mikhailov mit dem Elend anderer keine Fashionmagazine schmücken will. Oft sehen wir ihn, einen Charkower durch und durch, selbst auf seinen Bildern.

Zugleich pfeift er auf die Political Correctness der Reportagefotografie. Boris Mikhailov hat Penner fürs Nacktposieren bezahlt, Armut allein, meint er, schrecke heute keinen mehr auf. Noch zu Sowjetzeiten kolorierte er Bilder manuell, um den Geist der aufkommenden Pop-Ära zu persiflieren. Schonungslos, humorvoll ist dieses Werk, es zeichnet auf und zeichnet nach, immer voll auf die Zwölf. Und jetzt also endlich im Museum.

Berlinische Galerie, Berlin, 24. Februar bis 28. Mai 2012. Eröffnung am 23. Februar um 19 Uhr