Die einmalige Performance versteht die österreichische Künstlerin als Ausläufer ihres Biennale-Beitrags "Seaworld Venice", mit dem sie derzeit den österreichischen Pavillon in Venedig bespielt. Holzinger verlegt ihre künstlerische Auseinandersetzung mit dem Element Wasser damit bewusst aus dem Ausstellungsraum in die Landschaft. "Wasser ist für mich, die ich vom Tanz komme, schon immer buchstäblich ein feuchter Traum", sagt sie. Unter Wasser seien die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt, man befinde sich "im Flugmodus – ohne zu fliegen". Für die Bregenzer Performance, die Berichten zufolge von über 3000 Menschen besucht wurde, griff Holzinger die Mythen des Bodensees auf – von versunkenen Glocken bis zu Wasserwesen, die Menschen in die Tiefe locken. Der See werde dabei "musikalisch beschworen, Dinge auszuspucken".
Die rund 40-minütige Performance begann mit einem Helikopterflug, bei dem eine 1,4 Tonnen schwere Glocke an einem langen Seil über den Bodensee transportiert und vor einem als Bühne dienenden Schwimmkran im See abgesetzt wurde. Während vier an Drumsets positionierte Performerinnen am Ufer eine sich allmählich verdichtende Klangkulisse erzeugten, schwamm Florentina Holzinger zum Ponton hinaus. Anschließend zog der Kran einen großen metallenen Ring aus dem Wasser, an dem mehrere Performerinnen hingen. Langsam richteten sie ihre Körper auf und vollführten in der Luft eine ruhige Choreografie, bevor schließlich auch die Glocke wieder aus dem See gehoben wurde – mit Holzinger als menschlichem Klöppel im Inneren. Zum Finale steigerte die Künstlerin die dichte Klangkulisse mit vollem Körpereinsatz an einem hängenden Donnerblech.
Auch bei "Seaworld Venice" ist Wasser ein Symbol für ökologische, politische und kulturelle Umbrüche. Für Holzinger ist Venedig selbst ein widersprüchlicher Ort: "eine Art Themenpark für Erwachsene", dessen Massentourismus ebenso Teil der Inszenierung sei wie die sichtbaren Folgen des Klimawandels. Das steigende Wasser und die Bedrohung des Versinkens seien dort längst Teil der touristischen Attraktion geworden.
"Wir sind der Natur regelrecht ausgeliefert"
Die Études, die Holzinger seit 2020 entwickelt, versteht sie als Experimente jenseits des Theaterraums. Gesucht werden Orte, "an denen wir Dinge machen können, die im Theater unmöglich sind". Natur und vorhandene Infrastruktur werden dabei Teil der Choreografie, Wetter und Temperatur zu unberechenbaren Mitspielern. "Wir sind der Natur regelrecht ausgeliefert", sagt die Künstlerin – genau darin liege für sie der Reiz dieser Arbeiten.
Ein zentrales Motiv bleibt dabei die Glocke. Nachdem Holzinger bereits in ihrer Oper "Sancta" und für den österreichischen Pavillon mit monumentalen Glocken gearbeitet hat, taucht sie nun auch am Bodensee wieder auf. Glocken seien für sie Friedens- und Warnglocken zugleich, sie markierten Übergänge und dienten angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Lage als "eine Art Alarm".
Die circa 40-minütige "Bodensee Étude" machte erneut deutlich, dass ihre Arbeiten weniger abgeschlossene Inszenierungen als offene Versuchsanordnungen sind: Choreografie, Natur, Technik und Mythologie verschränken sich zu einem Gesamtkunstwerk, das den öffentlichen Raum ebenso einbezieht wie die Erzählungen, die in ihm verborgen liegen.