Florentina Holzingers "Pfingstspiel"

Der Heilige Geist im Schmerzrausch

Mit ihrem "Pfingstspiel" verwandelt Florentina Holzinger das Schloss Prinzendorf in ein ekstatisches Ritual aus Blut, Schmerz und religiöser Bildmacht. Ein Performance-Marathon, den man nicht vergisst

Der Heilige Geist läuft die Fassade des Wiener Hotels Intercontinental hinab. In schwindelerregender Höhe seilt sich eine von Florentina Holzingers splitterfasernackten Performerinnen an zwölf Stockwerken entlang ab. Der Stunt ist Teil von Holzingers spektakulärem "Pfingstspiel", einer mehrstündigen Performance, die an diesem Pfingstwochenende in Österreich als Satellitenveranstaltung zu ihrem Beitrag auf der Venedig-Biennale stattfindet. Das Besondere: Das "Pfingstspiel" wird nur heute im Rahmen der Wiener Festwochen vor den Augen von ganzen 700 Gästen gezeigt. Ein einmaliges Happening, das an Brutalität, Kompromisslosigkeit und Ausdauer alles übersteigen wird, was man bisher auf einer Bühne gesehen hat. 

Die Performance ist zweigeteilt. Der erste Part findet auf dem Areal des Wiener Eislauf-Vereins statt. Dort, wo sonst im Winter fröhlich Schlittschuh gelaufen wird, befindet sich jetzt ein weites, karges Betonfeld. Ein großes Rechteck ist auf dem Platz abgesperrt, drumherum positionieren sich die Zuschauer, fächeln sich kühlende Luft zu, schmieren sich die rotverbrannten Rücken mit Sonnencreme ein. Es sind 27 Grad, die Hitze steht, Schatten gibt es hier keinen. 

Der Prolog in Wien ist ganz der biblischen Pfingstgeschichte gewidmet. Nach dem Abgang des Heiligen Geistes schliddert ein schwarzes Auto in höchster Geschwindigkeit über eine dünne Schicht Wasser. Die Beifahrertür geht auf, es qualmt, Holzinger selbst steigt heraus und klettert aufs Dach, steht aufrecht, hält sich nur an einem gespannten Seil fest, das am Autodach fixiert ist. Sie steht da wie eine Amazone oder eine furchtlose Rodeoreiterin, die Zügel fest im Griff.

Das Auto schleudert indes immer weiter, wilde Bässe hämmern auf die akustische Schmerzensgrenze ein. Durch Holzingers Wangen bohrt sich ein Spieß, an dessen Ende ein Feuerwerkskörper befestigt ist, der jetzt Funken zu sprühen beginnt. Ah ja, die Feuerzungen, die den Jüngern in der Bibel zu Pfingsten die Gabe brachten, Gottes Botschaft in vielen Sprachen zu verkünden. Holzinger hat in Interviews betont, wie wichtig ihr auch der Spaß in ihren Performances ist, und das hier scheint ihr Spaß zu machen. 

Auf dem Weg nach Prinzendorf

Die Performance in Wien ist nach rund 40 Minuten vorbei. Jetzt geht es zur Hauptlocation, die eine Stunde entfernt liegt. Es ist Schloss Prinzendorf, das der Wiener Aktionist Hermann Nitsch gemeinsam mit seiner Frau Beate 1971 für sein berühmtes Orgien-Mysterien-Theater kaufte und das auch heute, nach seinem Tod noch als Spielstätte für Performances genutzt wird. 

Zehn Busse mit 700 Gästen setzen sich in Bewegung. Die Stimmung ist so heiter wie in einer Reisegruppe auf dem Weg in den Sommerurlaub. Es ist warm, die niederösterreichische Pampa zieht am Fenster vorbei, nach wenigen Minuten holen die ersten ihre belegten Brote und Kaltgetränke heraus. Und doch liegt da in der Luft auch eine gewisse Aufregung, vielleicht sogar eine Nervosität. Die Triggerwarnungen des "Pfingstspiels" waren schließlich wieder sehr klar: Es wird blutig, brutal. Wer weiß, welche Grausamkeiten die Augen heute noch zu sehen bekommen. Sind wir Schaulustige auf dem Weg zu einer Opferung?

Schloss Prinzendorf liegt im Weinviertel, idyllisch eingebettet zwischen Feldern und endlos scheinenden, saftig grünen Wiesen. Ein langer von Bäumen gesäumter Weg führt hoch zum Schloss. Zur Begrüßung wird kostenloser Wein ausgegeben, es gibt Essensstände, die Leute breiten Picknickdecken aus. Noch ist Festivalatmosphäre.

Ein einziges Blutbad

Der zweite Part der Performance setzt sich aus vielen einzelnen Aktionen zusammen. Er geht von der Pfingstbotschaft zurück zur Passionsgeschichte. Es beginnt mit der Kreuzigung. An einer großen, weißen Wand hängt gekreuzigt eine der Performerinnen. Flugdrohnen bespritzen sie mit roter Farbe, bis sie und die Wand sich kaum mehr voneinander abheben. Ein einziges Blutbad. Ein Bild, das durchaus Assoziationen mit Hermann Nitschs Schüttbildern weckt. Ist das nun eine Würdigung seines Erbes oder doch eher eine feministische Kaperung des männlich dominierten Aktionismus?

Schließlich waren die Wiener Aktionisten nicht dafür bekannt, Frauen besonders gut zu behandeln, im Gegenteil: Vielfach objektifizierten und sexualisierten sie Frauen und weibliche Körper, degradierten sie zu Statistinnen in ihrer Kunst. Dass Florentina Holzinger und ihrem Ensemble nun diese Bühne geboten wird, ist vielleicht auch als Versuch einer Wiedergutmachung und Richtigstellung zu verstehen.

Was nach der Kreuzigung folgt, sind Spielereien aus Holzingers Action-Movie-Baukasten. Aber, das muss man ihr lassen: Es entstehen Bilder, die bleiben. Da überfährt etwa ein Monstertruck einen Panzer, während im Hintergrund auf digitalen Anzeigetafeln "No war" aufflammt. Später fliegt eine als weiße Taube verkleidete Performerin – ein weiterer Heiliger Geist – mit dem Fallschirm durch die Lüfte, landet vor Schloss Prinzendorf und befestigt eine weiße Fahne an dem Panzer: "Wir brauchen Frieden!"

Ein dynamisches Triptychon

Die Performances finden an unterschiedlichen Orten des Schlosses statt, die ganze Umgebung wird bespielt. Eine abgegrenzte Bühne gibt es deshalb auch nicht. Vielmehr vermischen sich Publikum und Akteurinnen, man wird eins, trinkt seinen Wein neben Performerinnen, die gerade eine Raucherpause machen, sich kurz sonnen. Es gibt mehrere Leerläufe zwischen den Aktionen. 

Das vielleicht Inspirierendste an diesem Tag ist die Selbstverständlichkeit, mit der all diese Frauen während der gesamten neunstündigen Veranstaltung nackt sind, sich in ihren so verschiedenen Körpern sichtlich wohlfühlen. Diese Nacktheit ist eben nicht Teil einer Rolle, sondern vielmehr eine innere Haltung.

Aber all diese schönen Körper sind in Florentina Holzingers Kosmos auch Leinwände und Austragungsorte von Schmerz, Qual, Überwindung und Stärke. Und so werden die Performerinnen stundenlang eine nach der anderen vor dem Schloss auf medizinischen Liegen gepierct: Sie bekommen Metallhaken in Rücken und Oberschenkel gehängt. Diese zuvor noch so vital aussehenden Körper, tragen jetzt offene Wunden. Aus den Einstichstellen quillt Blut, sie sehen aus, als wären sie gefoltert worden. Eine Live-Übertragung des Piercing-Vorgangs wird auf zwei digitale Tafeln im Innenhof übertragen, die die blutrote Wand aus der ersten Aktion rahmen. Ein dynamisches Triptychon. 

Kommunion à la Florentina Holzinger

Es ist dunkel geworden und man begibt sich wieder zum Anfang des Pfades, der hoch zum Schloss führt. Fackeln werden angezündet, rhythmisches Getrommel und Gekreische setzen ein. Auf einer mächtigen Holzbahre wird eine Performerin mit ihren Haken im Rücken an einem Galgen aufgehängt. Da baumelt sie jetzt, während ein Nitsch-Double Rotwein ans Publikum verteilt. Die aufgehängte Performerin bekommt nun auch Weinflaschen in die Hände gedrückt: Wer will, wer hat noch nicht? Sie jubelt. Zu ihren Füßen liegen große Brotlaibe. Eine Kommunion à la Florentina Holzinger.

Zu allen Seiten der Bahre stellen sich nun weitere Performerinnen auf und nehmen das schwere Gestell hoch. Die Prozession setzt sich in Bewegung zum letzten Austragungsort.

Sie tragen die Bahre bis in den Innenhof des Schlosses, wo schon eine weiße Tafel mit Obst, Brot und Wein angerichtet ist. Das letzte Abendmahl steht bevor. 13 Performerinnen setzen sich an den Tisch. Über ihnen ein riesiges Baugestell. Alle Haken in Rücken und Oberschenkeln werden nun mit langen Seilen verbunden, die an dem Gestell hängen. Das pulsierende Crescendo der Musik aus den Lautsprechern treibt den Puls nach oben. Alle Haken sind befestigt. Noch sitzen die Frauen auf der Bank am Boden, aber nicht mehr lange. Mehrfach kontrollieren sie: Geht es allen gut? Sind alle ok? Man hofft, dass diese Fürsorglichkeit, die man über den Tag verteilt beobachten konnte, keine Show ist. 

Ein feministischer Akt der Selbstermächtigung?

Die Anspannung steht einigen Performerinnen ins Gesicht geschrieben, sie atmen tief durch. Es geht los: Die lange Tafel wird mehrere Meter in die Höhe gehoben. Daraufhin werden die Performerinnen jeweils an den beiden Haken in Rücken und Oberschenkeln nach oben gezogen, sodass sie eine sitzende Haltung beibehalten. Da hängen sie, wie Marionetten. In ihrer Haut entstehen jetzt Schlaufen, die sich zunehmend dehnen. Daraus strömt Blut. Erst sitzen sie in Stille, dann beginnen sie auf Knopfdruck zu plaudern, zu trinken und zu speisen. Den brutalen Schmerz, den sie fühlen müssen, kann man ihnen nicht ansehen, sie wirken heiter, lachen: "I love this wine", "Is this bread gluten-free?". Die Menge jubelt ihnen zu. 

Sie beginnen, sich gegenseitig die Schnüre an den Oberschenkeln zu durchtrennen, die angewinkelten Beine fallen senkrecht nach unten. Der ein oder andere Schmerzensschrei entfährt, das ganze Körpergewicht hängt nur noch an den beiden Haken im Rücken. Als sei das noch nicht genug, beginnen sie nun nach vorne und hinten zu schaukeln mit solch einer Euphorie, dass man kurz vergisst, dass sie immer noch an Haken hängen. Dazu wird ein fulminantes Feuerwerk entzündet, das das Ensemble hell erleuchtet. Es ist das Grand Finale dieses "Pfingstspiels".

"Take this, motherfuckers", triumphiert eine der Performerinnen, als sie wieder festen Boden unter den Füßen haben. Sie gratulieren sich, fallen sich erleichtert in die Arme, sagen, wie stolz sie aufeinander sind. So gerne würde man ihre Freude teilen, doch im Vordergrund steht ein Ohnmachtsgefühl. Das Bild dieser geschundenen weiblichen Körper, die da in der Luft hängen und bluten. Ein feministischer Akt der Selbstermächtigung? Das ist eine Lesart: Nachdem Männer jahrhundertelang Frauenkörper als Projektionsfläche missbrauchten und ausbeuteten, holen sie sich nun die Macht über ihre eigenen Körper zurück.

Beunruhigend ist, dass die erneute Ästhetisierung von Gewalt gegen Frauenkörper – diesmal im Namen der Selbstbestimmung, – offenbar auf dem Argument aufbaut, dass Schmerz zentral zum Ausdruck weiblicher Sichtbarkeit gehört. Brutalität als konsumierbare Bildsprache, als Stilmittel, das ist der Haupteindruck, der bleibt. Die Konstanten, die zu Holzingers Universum gehören, setzen den kreativen Umgang mit Themen wie Weiblichkeit, Religion und Schmerz die immer gleichen Grenzen.