Graue Regenwolken hängen über der Lagune. Mit ein paar Booten werden die wenigen, die einen Platz ergattern konnten, aufs Meer gefahren und an einem schwimmenden Ponton ausgeladen. Das Publikum sitzt auf einer Tribüne gegenüber einer Plattform, von der ein mächtiger Kran aufragt. Holzingers nackte Performerinnen lehnen selbstbewusst am Geländer, eine Band spielt, die Dirigentin schlägt den Takt zu krachigen Noise-Metal-Sounds, die Sängerin kreischt. Die Gitarristin klettert auf den Kran – und, puh, unbeschadet wieder herunter.
Doch schon wieder hält man den Atem an. Denn als der Kran langsam eine schwere Eisenkette hochzieht, die im Wasser hängt, kommt eine Glocke zum Vorschein, darin ein Körper, kopfüber: die tropfnasse Florentina Holzinger. Sie wird hochgezogen, schwingt hin und her und schlägt gegen das klingende Metall wie ein lebendiger Glockenklöppel. Dann bekommt eine weitere Performerin Fleischerhaken in den Rücken und baumelt bald ein paar Meter unter Holzinger am Seil an der Glocke, ein brutaler Pas de deux beginnt, der einen direkt im Solarplexus trifft.
Diese "Étude" war das Vorspiel zu Holzingers Ausstellung im österreichischen Pavillon, und sie gab den Auftakt zu einer Performance, die auf dieser Biennale alles überstrahlt. "Seaworld Venice“ soll nach dem Konzept der österreichischen Choreografin ein Themenpark sein, der sich mit dem Wasser der Lagune beschäftigt, mit Abwasser und Kreislauf, aber auch mit der Herausforderung, in einer Welt zu überleben, die an allen Ecken und Enden bröckelt – eine Antwort auf die große Shitshow unserer Zeit.
Die Glocke am Kran taucht wieder auf, vor dem Eingang des Pavillons auf dem Biennale-Gelände, und stündlich baumelt eine Performerin darin und verkündet die Zeit und den Schmerz. Drinnen ist rechts ein Windspiel gebaut, wie es früher auf Kirchtürmen gab, nur dass statt eines Hahns hier nackte Frauen – als Skulptur und als lebende Körper – den Weg in den Himmel und das Drehen der Winde anzeigen. Links im gefluteten Pavillon braust derweil eine Frau auf einem Jetski rasant im Kreis.
Und im hinteren Hof des Pavillons steht das, was Holzinger den Altar des Pavillons nennt: eine gläserne Kiste, darin eine Performerin mit Sauerstoffgerät. Links und rechts davon sind Dixie-Klos, und freundliche Helferinnen fordern die Besucher auf, hineinzugehen und eine "Spende" zu geben. Die Ausscheidungen kommen in eine Kläranlage, in der weitere Helferinnen emsig wuseln, und werden dann – so heißt es – dem Wasserbottich wieder zugeführt.
Wasser, Ausscheidungen, Lebenselixier, alles soll hier eins werden und ineinander übergehen. Durch die Scheiße waten. In der Pisse baden. In einem kollabierenden System überleben. Dabei laut sein und stark. Das ist die Botschaft von "Seaworld Venice" – und sie wird gehört.
Einen Goldenen Löwen kann Florentina Holzinger in dieser Woche nicht bekommen, weil es keine Jury gibt. Aber den Preis für die längste Schlange vor dem Pavillon hat sie bereits, und der Kunstwelt steht der Mund offen vor Staunen. Den ganzen Sommer über werden Holzingers Performerinnen in Venedig bleiben und die Performance durchziehen. Die Boulevardpresse daheim schäumt vor Wut – was die Begeisterung in Venedig nur befeuert.
Wer Holzingers Bühnenstücke kennt, der kennt auch die Elemente, aus denen ihre Schau im Pavillon zusammengesetzt ist: die Stunts, die selbstbewusste und selbstverständliche Nacktheit der Performerinnen, die Furchtlosigkeit, die starken Bilder, die sich einbrennen, den Schmerz, die Intensität, die einen physisch angreift. In Venedig hat sie daraus eine Installation geschaffen, die gleichzeitig Tableau vivant und ein funktionierendes System ist – eine Kläranlage nicht nur für den Dreck im Wasser, sondern auch für den Nebel im Kopf.