"Italian Story" von Andrea Modica

Dolce Vita war gestern

Tote Fische, Madonnenfiguren und Körper hinter halbtransparenten Moskitonetzen: Andrea Modica zerlegt im Fotobuch "Italian Story" die bekannten Italienbilder in etwas Rätselhaftes und zutiefst Eigenwilliges

Als Andrea Modica Ende der 1980er-Jahre zum ersten Mal nach Italien reist, fährt sie in ein Land, das sie eigentlich schon zu kennen glaubt. Ihre Familie stammt aus Sizilien und Neapel, vieles von dem, was sie als Kind erlebt hat, ist von dort nach New York migriert: katholische Vorstellungen, Rollenbilder, Familienstrukturen. "Was in unserem Haushalt existierte, passte nicht zu dem Amerika meiner Jugendjahre", sagt die 1960 geborene Fotografin. Sie habe verstehen wollen, woher diese Rollenbilder und Strukturen kamen. Modica beantragt ein Fulbright-Stipendium, reist nach Sizilien und beginnt zu fotografieren.

Doch "Italian Story", ihr neues Fotobuch, ist kein dokumentarisches Projekt über familiäre Herkunft. Die Fotografien, die über vier Jahrzehnte hinweg entstehen, interessieren sich kaum für klare Erzählungen oder Identitätspolitik. Stattdessen entwickeln sie eine seltsame, beinahe traumartige Logik. Menschen treiben regungslos im Wasser, tote Fische glänzen auf Tischen, nackte Körper verschwinden hinter halbtransparenten Moskitonetzen, Madonnenfiguren und Kinder tauchen auf wie Figuren aus verwaschenen Erinnerungen. Wer bei dem Titel an Sommerromantik, Aperitivo und Dolce Vita denkt, liegt ziemlich falsch.

"Ich bin stark von den Surrealisten beeinflusst", sagt Modica, als man sie darauf anspricht. Tatsächlich wirken viele Bilder, als würde die Realität leicht aus der Spur geraten: Situationen kippen ins Unwirkliche, ohne deshalb künstlich inszeniert zu erscheinen. Vielleicht ist es so, dass die Fotografien der US-Amerikanerin weniger wie Beobachtungen als wie Erinnerungen nach dem Aufwachen funktionieren: Man spürt, dass da etwas passiert ist, kann es sich aber nicht mehr vollständig erklären.

Der Titel des Buches passt dazu. Das italienische Wort storia kann Geschichte, Historie und Erzählung, aber auch Situation, Problem, Ärger oder Lüge bedeuten. Modica interessiert sich für genau diese Vielschichtigkeit. "Es kann sich auch auf eine Liebesgeschichte beziehen, sei es eine kurze Affäre oder etwas Andauerndes", sagt sie. Dass Bedeutungen bestimmter Wörter und Formulierungen sich je nach Region, Generation oder Zusammenhang verändern können, scheint ihr wichtiger zu sein als jede feste Definition.
 

Andrea Modica "Friuli Venezia, Giulia", aus "Italian Story", 2026
© Andrea Modica, courtesy of and published by L’Artiere

Andrea Modica "Friuli Venezia, Giulia", aus "Italian Story", 2026


Die Art, wie Modica fotografiert, trägt entscheidend zu dieser Atmosphäre bei. Seit Jahrzehnten arbeitet sie mit einer analogen 8x10-Großformatkamera – einem schweren Apparat, der Zeit, Vorbereitung und lange Belichtungen verlangt. "Die Bilder müssen bis zu einem gewissen Grad kollaborativ sein", sagt sie. Menschen würden vor ihrer Kamera manchmal "performen", allein schon deshalb, weil der Akt des Fotografierens mit einer Großformatkamera so sichtbar und körperlich werde.

Alles ist miteinander verwoben

Die Publikation funktioniert nicht wie ein chronologisch aufgebautes Langzeitprojekt, sondern eher wie ein Netz aus Beziehungen, Wiederholungen und Stimmungen. Menschen, denen Modica nur kurz begegnet ist, stehen neben Personen, die sie über Jahrzehnte fotografiert hat. Da ist ihre Mutter, eine Pianistin, die später ihre Finger verlor. Da sind Fotografien einer langen Beziehung in Norditalien. Da sind Studenten aus Workshops, Freunde, Familienmitglieder, Fremde. "Menschen, mit denen ich eine halbe Stunde verbracht habe, und Menschen, mit denen ich zwanzig Jahre verbracht habe – die Fotografien sind miteinander verwoben", sagt sie.

Gerade diese Offenheit macht das Buch interessant. Immer wieder versucht Modica im Gespräch, konkrete biografische Deutungen zurückzunehmen. Das Buch sei nicht "über" diese Geschichten, betont sie mehrfach.

Auch formal wirkt "Italian Story" fast aus der Zeit gefallen. Die Fotografien entstehen als aufwendige Platin-Palladium-Prints, einem historischen Verfahren aus dem 19. Jahrhundert mit matter Oberfläche und großer Detailtiefe. Vielleicht wirken sie gerade deshalb so gegenwärtig: Sie bestehen auf einer Form von Langsamkeit, die heute fast fremd geworden ist. Vier Jahrzehnte fotografischer Arbeit verdichten sich hier zu einem Netz aus Begegnungen, Wiederholungen und kleinen Verschiebungen. Als man ihr sagt, dass der Prozess ja irgendwie auch passe zur Langsamkeit des Lebens, antwortet Modica: "Ich mag den Gedanken. Aber wissen Sie, manchmal passiert das Leben auch ziemlich schnell."