Forschung mit Babys und Kleinkindern zeigt: Wir setzen unser Weltverständnis aus Vergleichen und Verbindungen zusammen, also aus Serien. In der Kunst ist das prädestinierte Medium dafür die Fotografie, und die Kunststiftung der DZ-Bank hat sich mit ihrer Sammlung und den wechselnden Ausstellungen einem erweiterten Fotografieverständnis verschrieben.
Die aktuelle Ausstellung hat sich ihren Titel "N+1" aus der Zahlentheorie geliehen, wo die Bezeichnung den direkten Nachfolger einer beliebigen Zahl meint. Aber wann ist eine Serie vollendet? Wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sagt Dörte Eißfeldt. Die Künstlerin wusste es einfach irgendwann: Ihre verschiedenen Abzüge ein und desselben Fotonegativs waren ab einem bestimmten Punkt vollständig. Von "Schneeball" (1987) werden hier nur sechs von ursprünglich viel mehr Einzelbildern gezeigt, doch es ist genug, um ihren Punkt nachzuvollziehen.
Adrian Sauers fotografische Erkundungen zu einzelnen Backsteinen entpuppen sich beim Nähertreten als digitale Übermalungen, während in Barbara Proschaks vielteiliger Installation "In_let" in einem großformatigen Diorama mehr als 100 einzelne Fotoabzüge, Fundstücke, Zettel und Folien einander überlagern und wie Schmetterlinge im Wind wehen, denn sie sind mit langen dünnen Insektennadeln sorgfältigst arrangiert. Ist das noch eine Serie? Egal, es geht um die Haut und ihre Verwandtschaft zu Fotopapier und den dazugehörigen Prozessen.
Die Serie kann auch lustig sein
Die Gruppenausstellung mit 17 Künstlerinnen und Künstlern – der Älteste ist Roman Signer (geboren 1938 in Appenzell), die jüngste Katarina Dubovská (geboren 1989 Ruzomberok, Tschechoslowakei) – wurde von Studierenden der Folkwang Universität Essen konzipiert, die auch die Texte im kostenlosen Reader beisteuerten.
Prominent ist Jürgen Klaukes "Selfperformance" von 1972, genderfluide avant la lettre. Gelegentlich kann die Serie auch lustig oder fast schon albern sein, zum Beispiel in den didaktischen Dreierserien von Helmut Schweizer, der banale Handlungen (einer Morchel den Kopf abreißen, zum Beispiel) in drei Schritten bildnerisch erklärt. Noch pointierter: Roman Signer, der erst ein relativ kompliziertes Katapult für einen Stuhl vor einem Fenster zeigt, und in einer zweiten Fotografie die Fassade des Hauses von außen, aus dem der Stuhl im hohen Bogen fliegt.
Jürgen Klauke "Selfperformance", Detail, 1972
Serien können auch etwas Suchendes haben, wie bei Loredana Nemes, die Rotbuchen an der Küste von Rügen regelrecht porträtiert. Die uns immer am plausibelsten erscheinende Serie ist der Film, und Sven Johne schließt mit seinem Video "Vom Verschwinden" an Nemes' Schauplatz exakt an: Ruhige Landschaftsaufnahmen von Rügen – Wald, Küste, Kreidefelsen – werden mit Voiceover von einem kleinen Jungen mit erlebter Geschichte erfüllt. Es ist der Sohn des Künstlers, der die Familientraumata von vier Generationen erzählt, die er hier in der Landschaft verewigt glaubt. Auch die Schichtungen in den Bäumen, im Boden, im Meer könnte man, so gesehen, als Serien betrachten.