Mafia-Chronistin Letizia Battaglia

"Diese Jahre haben mich gezeichnet"

Letizia Battaglia ist eine der bekanntesten Fotografinnen Italiens und hat den Kampf gegen die Mafia in Sizilien dokumentiert. Hier erzählt sie, welchen Schmerz diese Aufgabe bereitet hat - und warum sie nur noch Schönheit fotografieren will


Frau Battaglia, schön, Sie zu sehen, wenn auch nur auf Zoom. Wo sind Sie gerade?

In Palermo.

Sie leben immer noch dort, in ihrer Geburtsstadt, richtig?

Natürlich. Wo sollte ich denn sonst wohnen? In New York? Könnte ich natürlich auch. Will ich aber nicht.

Mit der Fotografie angefangen haben Sie in Mailand, wohin Sie Ende der 1960er-Jahre gezogen waren, nachdem Sie sich von Ihrem Mann getrennt hatten. Wie kam das damals?

Ich musste meine Miete bezahlen. Ich habe bei der Zeitung "L'Ora" in Mailand als kleine Journalistin angefangen. Dort haben sie mich gefragt, ob ich auch Fotos dazu machen kann. Eine Freundin hat mir eine kleine Kamera geschenkt, und ich habe angefangen. Ohne Leidenschaft, ohne Wissen, nur um meine Freiheit zu finanzieren und mich und meine Kinder durchzubringen. Die Leidenschaft kam später.

Wann? 

Anfang der Siebziger kehrte ich nach Palermo zurück, immer noch als Fotojournalistin für "L'Ora". Da entstand die Leidenschaft für die Fotografie an sich. Ich habe angefangen, andere Fotografen zu studieren, vor allem die weiblichen, wie Lisette Model.

Haben Sie ihre Arbeit als reinen Journalismus empfunden, oder auch als Kunstform?

Ich hielt es für gar nichts. Weder Journalismus noch Kunst. Ich fotografierte einfach. Später sind die Fotos in Museen gekommen. Aber damals sagte mir niemand: Du machst das gut. Ich dachte nicht, dass ich irgendetwas Besonderes mache. Ich habe mir allerdings Mühe gegeben. Und meine Liebe zur Kunstgeschichte, zu den Gemälden der Renaissance und des Barock, spielte hinein. Eine Fotografin muss einen gewissen Hintergrund haben, die Musik die man hört, die Reisen die man macht, alles trägt dazu bei, um eine gewisse Sensibilität zu erzeugen.

Was ist ein gutes Bild?

Oh, das ist eine schwierige Frage! Eine Fotografie kann gut komponiert sein, sie kann interessante Persönlichkeiten zeigen und trotzdem kalt wirken. Sie kann wenig bewegt sein, mit schiefen Linien, aber es passiert etwas darin. Es kommt auf die Alchemie zwischen dir und der Welt an, es gibt keine Regel. Wichtig ist, die Banalität des Lebens herauszuhalten, und auch die Banalität des Schocks zu vermeiden. Ob ein Foto gut ist, wird erst die Zeit erweisen. Bei mir kommt im Übrigen auf zehn schlechte Filmrollen ein gutes Bild.

Berühmt wurden Sie mit ihren Aufnahmen der Verwüstungen, die die Mafia in den 1970er- und 1980er-Jahren in Sizilien anrichtete. Sie fotografierten die Erschossenen, die Opfer. Wie haben Sie es damals geschafft, immer zur Stelle zu sein, wenn in Palermo Tote gab?

Ach, immer müssen mich alle nach den Toten fragen! Ich habe nicht nur Tote fotografiert, nicht nur die Mafia. Jedenfalls - wir waren mit dem Alarmsystem der Polizei verbunden. Das war illegal, aber sehr praktisch. Wenn das losging, habe ich immer schnell bei der Polizei angerufen und gefragt, was passiert war. Dann sind wir auf die Vespa gestiegen und waren sofort da. Manchmal wurden die Ermordeten - es waren meistens Männer - da gerade weggefahren.

Welche Fotografie aus dieser Zeit bedeutet ihnen am meisten?

Historisch am bedeutsamsten ist vielleicht das Bild von 1980, wo Sergio Mattarella, heute Präsident der Republik Italien, seinen Bruder Piersanti aus dem Auto zieht, der gerade von der Mafia erschossen worden war. Der war damals Präsident Siziliens. Aber letztlich liebe ich mehr meine Fotos von Kindern. In den Aufnahmen dieser Mädchen mit dem ernsten, tiefen Blick finde ich mich am meisten wieder. Ich liebe auch mein Porträt von Pasolini, das ich noch in Mailand gemacht habe, ich habe ihn immer verehrt. Die 19 Jahre, die ich versucht habe, gegen die Mafia zu kämpfen, haben mich nicht bereichert. Sie haben mir nur Schmerz bereitet. Ich glaube, ich bin noch nicht mal daran gewachsen.

Aber damals haben Sie die Verpflichtung dazu gespürt?

Ich habe für eine kommunistische Zeitung gearbeitet, ich wollte meinen Job machen. Dann wurde ich zusätzlich Teil einer Gruppe, die sich wirklich gegen die Mafia einsetzen wollte und mehr tun wollte, als nur Artikel zu veröffentlichen. Es ging darum, international die Aufmerksamkeit auf die Mafia zu lenken. Es waren schreckliche, demütigende Jahre. Auch weil wir ständig von Auswärtigen hören mussten, dass alle Sizilianer Mafiosi sind. Es wird immer viel von der omerta, dem Ehrenkodex der Mafia, geredet, fast bewundernd. Dabei ist das nur Angst. Sie schweigen, damit man nicht sie und ihre Familien tötet. Dann gibt es auch diese Ignoranz, dass man denkt, die Mafia sei mächtig und wichtig. Und der Staat hat uns nicht geholfen gegen die Mafia. Giulio Andreotti, sieben Mal italienischer Ministerpräsident, hatte Verbindungen zur Mafia. Ich sehne mich so nach einem sauberen Sizilien. Jetzt haben wir in Palermo mit Leoluca Orlando einen fantastischen Bürgermeister. Er tut alles, aber es ist schwierig. Aber lassen Sie uns nicht mehr von der Mafia reden. Wo sind meine Zigaretten?

Sie haben aufgehört, die Toten zu fotografieren, nachdem 1992 die Richter Giovanno Falcone und Paolo Borsellino ermordet worden waren?

Ich hatte seit 1974 mit dem Thema zu tun. Ich war gezeichnet von diesen Jahren. Als sie Falcone ermordeten - wir liebten ihn alle, er war unser Held - war ich bei meiner Mutter. Dann kommen diese Worte aus dem Fernseher, "Attentat". Ich war bewegungslos, verzweifelt. Ich habe gesagt, ich fahre nicht hin, ich will den toten Falcone nicht sehen. Als sie zwei Monate später Borsellino ermordeten, war ich da, mit der Kamera um den Hals. Ich habe sie nicht angefasst. Es reichte. Danach wollte ich Schönheit fotografieren. Auch die steht gegen die Mafia.

Palermo ist heute wie ausgewechselt, eine lebenswerte Stadt.

In den 1990er-Jahren wussten wir gar nicht, wo wir abends hingehen sollten, die Stadt war nicht sicher. Heute laufen die Leute alle auf den Straßen herum, mit den Kindern. Die Mafia ist noch da. Aber im Moment bringen sie sich eher gegenseitig um. Vor allem die Frauen haben ungeheure Fortschritte gemacht, man sieht junge Frauen mit kurzen Hosen auf der Straße, allein. Die Mentalität hat sich geändert. Palermo ist in meinem Herzen, ich liebe es.