Kultautorin Fran Lebowitz

"Ich mochte Andy Warhol nicht, und er mochte mich nicht"

Fran Lebowitz ist eine der scharfzüngigsten Autorinnen der USA und kommt nun für zwei Auftritte nach Deutschland. Hier spricht sie über ihre Warhol-Skepsis, schlechte Kunsttexte und den Geist der 1930er-Jahre in ihrer Heimat

Fran Lebowitz‘ erster Job war Kolumnistin bei Andy Warhols Magazin "Interview". Danach veröffentlichte sie zwei Anthologien und ein Kinderbuch – und dann nichts mehr. Berühmt ist die 1950 in eine jüdische Familie in New Jersey hineingeborene Autorin trotzdem: als schärfste Zunge New Yorks und humoristische Gesellschaftskritikerin. 

Zu bewundern war sie unter anderem in der dokumentarischen Mini-Serie "Pretend It’s a City", die Martin Scorsese 2020 über sie gedreht hat. Zurzeit ist Lebowitz auf Tournee in Europa. Wir erwischen sie unterwegs – das Telefon gehört dem Manager, sie selbst hält von Smartphones und anderen modernen Verdummungsmitteln weise Abstand.


Frau Lebowitz, wo sind Sie gerade?

Ich bin in einem Auto, gerade aus London herausgefahren, unterwegs nach Manchester.

Was haben Sie da vor?

Sprechen.

Macht Ihnen das Spaß?

Ich liebe es. Ich hasse zwar das Reisen dahin, aber das Auftreten macht Spaß.

Bald kommen Sie auch nach Deutschland. Es ist nicht Ihre erste Tour durch unser Land. Wie gefällt es Ihnen?

Vergangenes Jahr war ich genau an meinem Geburtstag in Berlin. Und als ich auf die Bühne kam, hat das gesamte Publikum "Happy Birthday" gesungen! Das war toll.

Also haben Sie nichts Schlechtes über die Deutschen zu sagen?

Glauben Sie mir, wenn man in diesen Zeiten aus den USA kommt, hat man über niemanden anderen etwas Schlechtes zu sagen.

Sie haben Ihre Karriere als Kolumnistin bei Andy Warhols Zeitschrift "Interview" begonnen. Wie alt waren Sie da?

Vielleicht 20 oder 21.

Und worüber haben Sie geschrieben?

Die Kolumne hieß "The Best of the Worst". Ich habe über schlechte Kinofilme geschrieben. Es ging um Filme, die für Drive-In-Kinos gemacht wurden. Bei den Screenings waren überhaupt keine Kritiker, sondern nur Typen, die für den Verleih zuständig waren. Da waren dann also ich und sechs Zigarren rauchende Männer. Später habe ich dann über alles Mögliche geschrieben.

Wie fanden Sie Warhol?

Ich mochte ihn nicht, und er mochte mich nicht. Die meisten Leute, die in der Factory arbeiteten, waren sehr jung, er nannte sie the kids. Viele haben Andy bewundert. Er ging niemals allein irgendwohin. Immer waren zehn oder zwölf Leute mit dabei. Ich war niemals eine von ihnen. Und mir fiel auch sehr schnell auf, dass die Todesrate unter diesen Leuten, die um ihn herum waren, sehr hoch war.

Warum war das so?

Weil er besonders von Leuten angezogen war, die sehr verletzlich waren, was ihre mentale Gesundheit anging. Ich war nicht Teil dieser Gruppe, ich mochte Andy nie. Und sein Werk mochte ich auch noch nie.

Warum nicht?

Wenn man einen Picasso oder einen Calder hat, dann würde man niemals sagen, dass man sich daran satt gesehen hat. Ich war mal auf einer Dinnerparty in New York, und im Esszimmer hingen zwölf Warhols. Und ich sage zu dem Typen, der neben mir sitzt: "Haben Sie es nicht satt, das Zeug anzugucken?"

Aber Sie haben mal Warhols besessen.

Als mein erstes Buch herauskam, habe ich ein bisschen Geld verdient und stellte fest, dass ich wahnsinnig viel Steuern bezahlen musste. Ich hatte eigentlich gedacht, es ist gut, Geld zu verdienen, aber das stimmte gar nicht – es ist schlecht. Ich arbeitete immer noch bei "Interview" und sagte zu Warhol: "Bezahl mich nicht mit Geld, sondern mit Kunstwerken." Also hatte ich all diese Werke. In den Jahren, bevor er starb, war Warhols Ruf allerdings sehr schlecht. Ich wollte die Warhols verkaufen, weil ich meine Miete und Anwälte zahlen musste, aber ich musste sie praktisch umsonst hergeben. Dann starb Andy, und ich sagte nur: "Und ich habe alle meine Warhols verkauft!" Ich wusste, dass die Preise hochgehen würden, nachdem er tot war. Ich habe oft gedacht: Andy ist gestorben, weil er genau wusste, dass ich meine Warhols verkauft hatte. Jetzt sind die Preise einfach psychotisch. Wenn Andy das gewusst hätte, wäre er viel früher gestorben.

Und Sie haben gar keinen mehr übrig?

Nein. Einige habe ich einem Anwalt gegeben, um meine Rechnung zu bezahlen. Vor ein paar Jahren habe ich ihn in einem Restaurant gesehen, und er sagte zu mir: "Wissen Sie, was ich für diese Warhols bekommen habe?" Ich sagte nur: "Nein, sagen Sie es mir nicht."

Wer ist der interessanteste Künstler, den Sie kennengelernt haben?

Künstler sind oft als Gesprächspartner nicht besonders interessant, sie können ihre Kunst nicht unbedingt in Worte fassen. Aber ich war zum Beispiel lange sehr gut mit Brice Marden befreundet. Ich besuchte ihn in seinem Atelier, und er konnte gut reden beim Malen. Es dauerte immer ewig, bis er ein Bild beendet hatte. Aber da Sie bei einem Kunstmagazin arbeiten, habe ich jetzt eine Frage an Sie.

Ja?

Die meisten Texte über Kunst sind schrecklich. Warum? Das frage ich mich schon lange. Es ist so ein gutes Thema, und die Texte sind so ein furchtbares Kauderwelsch. Man liest einen Absatz, man beginnt zu schielen und denkt nur: Ich kann das einfach nicht.

Ich verstehe, was Sie meinen. Aber was glauben Sie selbst, warum das so ist?

Die Leute sind sehr vom Jargon getrieben, und es geht ihnen um Status. Vielleicht haben die Leute Angst, etwas zu sagen, was ihren Ruf stört – und das ist wichtiger als das, worüber sie schreiben?

Je komplizierter die Sätze, desto teurer das Kunstwerk.

Dabei ist es so unnötig. Eine schreckliche Art, über ein Thema zu schreiben, das wirklich interessant ist. Man schreibt ja nicht über Molekularbiologie. Da Sie für ein Kunstmagazin arbeiten, ist es Ihr Job, das zu ändern.

Okay, ich versuche es. Und sonst? Wie finden Sie die zeitgenössische Kunst?

Mein Problem mit der zeitgenössischen Kunst ist, dass sie so politisiert ist. Und so viel davon ist auf so eine offensichtliche, blöde Art über den Künstler selbst. Nach dem Motto: "Das bin ich!" Dabei ist mir egal, wer die sind. Die Leute schreiben ja heutzutage auch ständig Bücher über sich selbst. Ich denke dann immer: So besonders bist du gar nicht …

Ihr Lieblingskünstler?

Bleibt Picasso. Ich war kürzlich bei einer riesigen Man-Ray-Show im Metropolitan Museum, es war eine wirklich gute Ausstellung. Dann sagt jemand zu mir: Das ist doch so gut wie diese Picasso-Ausstellung kürzlich, nicht wahr? Und ich dachte nur: "Bist du verrückt?" Wenn man einen Picasso nehmen würde, der in ein Erdbeben geraten ist und dann in eine Flut, wäre er immer noch besser als ein Werk von Man Ray.

John Baldessari hat einmal geschworen: "I will not make any more boring art". Ist das ein Ziel?

Na ja, niemand sollte langweilig sein. Alle sollten sofort damit aufhören.

Davon abgesehen – was stört Sie an der Gegenwart am meisten?

Das Schlimmste ist dieser unglaubliche Schwenk zur extremen Rechten. Ich war mein ganzes Leben lang eine ganz konventionelle Liberale, die ihren linken Freunden immer gesagt hat: Nein, nein, das hier ist nicht wie Hitler, das ist nicht wie Mussolini, ihr irrt euch. Aber wissen Sie was: Jetzt ist es so weit. In den USA sieht man Leute in schwarzen Uniformen mit Masken buchstäblich Menschen von der Straße holen. Das ist wie in den 1930er-Jahren.